Haas & Co. machen auf Harmonie
Eisern an einem Strang

Die Beschwörungsformeln der neuen Harmonie fallen manchmal kurios aus in Karlsruhe, dem Schauplatz des deutschen Daviscup-Relegationsmatches gegen Venezuela: "Wir machen einfach alles zusammen", sagt Rainer Schüttler, Nummer zwei der internen Hackordnung

KARLSRUHE. "Die Mannschaft will eine ruhige Woche ohne Probleme." Stich-Rausschmiss, Becker-Comeback, Spielerboykott? "Das ist abgehakt, Vergangenheit", behauptet Schüttler, ganz linientreuer Vertreter frischer Tennis-Einigkeit.

Seit einem ersten Sondierungsgespräch am runden Tisch, bei dem Profis und Teamchef-Debütant Patrik Kühnen die Strategie fürs künftige Miteinander und die Öffentlichkeitsarbeit festlegten, dringen nur noch weichgespülte Kommuniques nach draußen: "Die Truppe zieht eisern an einem Strang", sagt auch der ehemalige Rebell Nicolas Kiefer, "alle sind fit, haben gute Laune und wollen gewinnen."

Schüttler, Kiefer und auch Frontmann Thomas Haas eint bei aller vordergründigen, fast verzweifelt dargebotenen Einträchtigkeit allerdings auch eine Erkenntnis: Nach den jahrelangen Eifersüchteleien, Eitelkeiten und Egotrips läuft der neuen deutschen Tennis-Generation die Zeit davon, wenigstens einmal in ihrer Karriere die wichtigste Mannschaftstrophäe der Welt zu gewinnen. An diesem Wochenende des Abstiegslangweilers gegen Venezuela können Thomas Haas und Co. nur verdrossen zu einem Halbfinal-Showdown nach Paris schauen, wo gleichaltrige Berufskollegen aus Frankreich und den USA vor Riesenkulisse um einen Endspielplatz in der Saison 2002 fighten. "Wir sind jetzt in einem Alter, wo wir zuschlagen müssen", sagt Haas daher, "endlos Chancen haben wir nicht." Mit Dreißig gewinne man normalerweise keinen Daviscup mehr, meint auch Schüttler, "ab dem nächsten Jahr muss was passieren."

Reputation schwer angeschlagen

Seit der unpopulären Zurückweisung des Tennis-Rentners Becker und der jüngst bekannt gewordenen finanziellen Totalschieflage des einst mächtigen Verbandes stehen die Spitzenprofis auch unter dem Druck, endlich imagefördernde Schlagzeilen für ihren angeschlagenen Sport zu liefern. "Wir können kein Theater mehr gebrauchen", sagt Doppelspezialist David Prinosil, ein eher stiller Vertreter.

Wie schwer angeschlagen die Reputation und das Renommee sind, konnte Prinosil samt seiner Weggefährten am Mittwochnachmittag in der Karlsruher Europahalle erleben: Bei einem miserabel organisierten Schautraining verlor sich nur ein halbes Hundert Rentner in der Arena - von potenziellem Nachwuchs keine Spur. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, nicht nur auf dem Platz", sagt der neue Boss Kühnen, der sich insgeheim über die lieblose Vermarktung der Partie durch die vom Verband beauftragte Agentur grämt. Kein einziges Plakat habe er in einem Tennisklub oder in der Stadt gesehen, sagt ein DTB-Landeschef.

Sich aus den Tiefen einer frustrierenden Vertrauens- und Finanzkrise zu befreien, ist gleichzeitig auch die Kernaufgabe für Kühnens Brötchengeber, den schwer angezählten DTB. Doch während die Tennistruppe des Saarländers sich in der Pflichtaufgabe gegen Venezuela mühelos die Erstklassigkeit bewahren sollte, führt der Weg des Verbandes aus der Schuldenkrise durch weitaus steinigeres Terrain. Eine Insolvenz der kommerziellen Betriebe, also der DTB-Holding, ist nach Aussage mehrerer Spitzenfunktionäre "kaum noch vermeidbar". Die Verbindlichkeiten sollen derzeit rund zehn Millionen Euro betragen.

Talentförderung steht auf wackeligen Beinen

Im deutschen Frauentennis, nach der Ära Graf und Huber völlig aus den Schlagzeilen geraten, hat die Kaputtsanierung und - schrumpfung längst begonnen. Von jährlichen Förderungsgeldern um eine halbe Million Euro - wie etwa 1997 - können Bundestrainer Markus Schur und seine Topspielerinnen nur noch träumen. Schur ist inzwischen ganz allein auf weiter Flur, alle Honorar- und Teilzeittrainer werden nicht mehr bezahlt. "Die Mädchen sind jetzt ihr eigenes Team geworden", sagt Einzelkämpfer Schur. Ein ähnliches Schicksal könnte indes in Kürze auch dem Männerbereich drohen: Denn noch ist keineswegs klar, ob Mercedes-Benz seine Fördertätigkeit über die Saison hinaus fortsetzt und die Arbeit des nominell obersten Talentförderers Boris Becker weiter unterstützt.

Dessen Engagement als Vermarkter des gefährdeten Rothenbaum-Turniers wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Eine erste Optionsfrist, die Rechte an dem Masters-Wettbewerb wahrzunehmen, wurde von Beckers Firma BCI nicht wahrgenommen. DTB-Präsident Georg von Waldenfels hofft aber immer noch "auf eine Einigung, mit Becker oder auch einer anderen Agentur". Wenn nicht, gehen auch am Rothenbaum die Lichter aus.

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