"Habe die Packung gleich weggeworfen"
Bittere Wahrheit für Gourmets

Als Feuchtigkeitsspender für die Haut ist Aloe Vera bestens bekannt. Doch jetzt tischen Joghurthersteller und Saftfabrikanten die Wüstenlilie als Gesundbrunnen auf. Was ist dran an der Aloe-Welle?

Am Anfang war die Talkshow. Nachdem Pastor Jürgen Fliege im April 2002 vom Saft der Aloe Vera als neue naturkundliche Hoffnung des "sanften Heilens" gepredigt hatte, war es mit dem gemütlichen Schattendasein von Wüstenlilien-Produkten auf hinteren Reformhausregalen vorbei.

Aloe Vera, die klang- und wunderwirkungsvolle Stachelpflanze, wuchs sich über Fernsehnacht zur Alleskönnerin aus: Gel und Saft fanden sich in Joghurts, Zahncremes, Desserts und Waschlotionen wieder. Aloe sollte den müden Menschen im Kommunikationszeitalter innen und außen fit machen.

"Es war ein echtes Wettrennen", erinnert sich Agnes Wiebicke, Geschäftsführerin der Engelhart-Reformhäuser in Hamburg: "Vor einem Jahr waren wir noch heilfroh über jeden Aloe-Vera-Saft, den wir - guten Gewissens natürlich - verkaufen konnten." Für die überrumpelte Fachfrau hat sich der Verkauf seitdem "erstaunlicherweise auf sehr hohem Niveau stabilisiert".

Was den Reformhäusern recht ist, ist den Kosmetikproduzenten teuer. Beim Parfümerieriesen Douglas sind, so eine Boutiquenleiterin, Body Lotions mit Aloe-Vera-Anteil diesen Sommer "der Renner überhaupt". Der Name sei eben sehr leicht wieder zu erkennen.

Allgäuland bietet als einer von vier Herstellern seit diesem Jahr Fruchtjoghurts mit Aloe Vera an. Marketingleiter Maximilian Rimpp: "Aloe-Vera-Joghurt läuft in Japan wie verrückt. Er hat ein leichtes Litschi-Aroma bei 30 Prozent Aloe-Fruchtanteil."

Die Firma verdient an dem latent schlechten Gewissen bewegungsarmer, sich füllig fühlender Menschen, man müsse dem Körper mehr Gutes tun. "Wir wollen den Joghurt ja nicht unbedingt in der medizinischen Ecke platzieren, aber unser Stichwort ist ,innere Reinheit?", betont Rimpp. "Und Aloe wirkt ausgleichend auf die Darmflora, stärkt die Abwehrkräfte, ist gut für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Aloe Vera, was da nach vokalreicher Weichheit klingt, hat eindeutige Wortwurzeln: "Aloe" ist eine etymologische Kombination aus hebräisch "glänzend" und arabisch "bitter".

Als "bittere Medizin" macht Aloe Karriere, weil ihr exotisch-befremdlicher Eigengeschmack leicht mit Fruchtaromen gemildert werden kann. Durch starkes Süßen wurde sogar ein Parfait daraus. In Berlins jungem Restaurant "Wasserwelt", das seine Gäste unter dem Motto "sexy and healthy" verwöhnt, stand für vier Euro ein "Aloe-Vera-Parfait auf Pfefferminzsauce" auf der Sommerkarte. Das an sich geschmacklose Gel wurde dafür "sehr gesüßt, denn da musste der Geschmack dazugefügt werden", sagt Geschäftsführer Axel Böttcher.

Es war ein kurzes Vergnügen. Böttcher: "Das hat nicht so gegriffen. Die Aloe ist so ?ne Trendsache irgendwie. Die meisten können sich gar nichts drunter vorstellen. Es war wohl zu exotisch, da müsste man viel Aufklärung leisten."

Wenn auch nicht beim Dessert, das Aloe-Vera-Fieber mit innerlichen wie äußerlichen Heilungsversprechungen grassiert landauf, landab: Von Abszess und Aids über Leukämie und Parodontose bis zum Zellschutz und zur Zahnschmerzabhilfe reicht die Palette der Versprechungen und angeblichen Erfahrungsberichte.

Schließlich hätten schon die Sumerer, die Ägypter, die südamerikanischen Indianer sowieso mit Aloe Wunden bedeckt und Geschwüre kuriert. Die Beweisführung ist Magie, sie zitiert die mittelalterliche Allesheilerin Hildegard von Bingen: Aloe Vera sei gut gegen Gelbsucht, Magenerkrankungen und Zahnfäule.

Katharina Hessler, als Sterneköchin in Maintal berühmt auch unter Vegetariern, lässt Aloe noch nicht in ihre Küche: "Da ist ja in den letzten Jahren unheimlich viel auf den Markt gekommen. Wie soll man das denn den Gästen verkaufen?" fragt sie und antwortet gleich selbst: "Höchstens, dass die sich bei Aloe merken: Das hat irgendwas mit Schönheit und ,von innen? zu tun."

Auch Fernsehkoch Vincent Klink hat in seiner Küche des Stuttgarter Restaurants Wielandshöhe bisher nicht mit der Wunderpflanze experimentiert. Er beobachtet die wachsende Verbreitung aber mit Interesse: "Ich selbst habe Aloe Vera nur mal äußerlich aufs wunde Bein gestrichen, aber beim Kochen noch nie benutzt. Doch das ist eigentlich eine gute Idee. Ich werd? mich mal drum kümmern."

Apotheker Uwe Bernhardt aus Hamburg sagt: "Aloe Vera zur inneren Einnahme hat mich noch nicht so überzeugt. Ich fand nach einem Trinkversuch schon vor ein paar Jahren: Das schmeckte so ekelhaft, dass ich die Packung gleich weggeworfen habe."

Es ist vieles drin in Aloe Vera, aber was ist dran? Als echte Arzneimittel zugelassen sind nur Aloe-Vera-Präparate, die das in der Pflanzenaußenhaut enthaltene Aloin als natürliches Abführmittel nutzen. Alle anderen Produkte der wahren Lilie gelten rechtlich als Lebensmittel. Deshalb darf auf den Packungen nicht mit krankheitsbezogenen Aussagen geworben werden, darum bleiben die Kataloge selbst seriöser Anbieter an den entscheidenden Punkten reichlich schwammig.

Staatliche Kontrolle fehlt einstweilen, weil EU-Regelungen zu Nahrungsergänzungsmitteln erst auf dem Weg sind. Zudem ist in Deutschland die Lebensmittel-Überwachung Ländersache. "Eine blöde Sache der Zuständigkeit", kommentiert Christian Steffen als Leiter Ernährungsmedizin im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Schließlich werde vor allem im Internet oder in überregionalen Zeitungen für Säfte oder Gels aus Aloe Vera geworben. "Und jede lokale Überwachungsbehörde denkt sich da natürlich: Warum sollte ich denn zuständig sein?"

Auch die Stiftung Warentest klagt angesichts von Boom, Spekulation und Unbeweisbarkeiten, "dass die Aufklärung auf der Strecke bleibt". Die Stiftung rät dazu, wenigstens auf externe Gütesiegel zu achten.

Allerdings bleibt zweifelhaft, ob so beschworene Autoritäten auch welche sind. Der International Aloe Science Council aus Texas/USA etwa vergibt zwar mit dem IASC-Siegel das bekannteste Gütezeichen, setzt als herstellerdominierte Organisation aber keine hohen Standards an. "Das sagt nur aus, dass 15 Prozent Aloe Vera enthalten sein müssen", moniert Sabine Schür vom Hamburger Aloe-Vera-Spezialisten Santaverde die effekthascherische Siegel-Sucht. "Es sagt nichts über die Qualität des Rohstoffs. Und schon gar nichts über biologischen Anbau." Den garantieren allenfalls Bio-Siegel nach der europäischen Öko-Verordnung oder Marken wie Neuform.

Santaverde und Partner der Neuform ärgern sich über die Konkurrenz aus der, so Schür, "Amateur- und Absahnwelt", weil deren ungehemmte Auftritte und die versprochene universale Heilwirkung für die wenigsten als Warnung wirken.

Wie und was bei Aloe-Vera-Produkten eigentlich wirkt, ist eben kaum erforscht. Immerhin sind die für die Haut positiven feuchtigkeitsspendenden und heilenden Effekte des Aloe-Vera-Gels unbestritten. Allein der Rest ist Glaubenssache - vor allem, wenn?s durch den Magen geht.

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