Häme in der Autobranche
Wie Topmanager Reitzle zu Linde kam

Mit Wolfgang Reitzle und Linde treffen Welten aufeinander. Im Hintergrund werden große Pläne geschmiedet.
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DÜSSELDORF. Die Häme in der Autobranche ist unüberhörbar. "Die Gasflaschen bei Linde sehen seit 30 Jahren gleich aus", witzelt ein Vorstandschef. "Die brauchen dringend mal ein neues Design." "Er ist ein genialer Techniker, aber vom Charakter her kein erster Mann", attestiert ein anderer Topmanager. Erste Wetten, wie lange sich Wolfgang Reitzle auf dem Chefsessel bei Linde halten kann, sind bereits abgeschlossen. Kaum einer gibt ihm mehr als zwei Jahre.

Kältetechnik statt Einspritztechnik, Gas verkaufen statt Gas geben, Gabelstapler statt Jaguar. Sogar gute Bekannte waren verdutzt, als der 53-Jährige seinen Wechsel von Premier Automotive Group (PAG) des Ford-Konzerns zu dem Wiesbadener Anlagenbauer bekannt gab. Selbst ein Anruf von Bill Ford am Tag vor der Vertragsunterzeichnung konnte den "besten Automann der Welt" (Ford) nicht mehr umstimmen.

Natürlich werden ihm "seine" Autos fehlen. Natürlich wird es nicht leicht für "völlig unerotische Produkte" (Reitzle) wie Kühltruhen und Flurförderfahrzeuge die Leidenschaft aufzubringen wie für einen Aston Martin. Doch Reitzle ist jemand, der sich für Visionen begeistern kann. Und die haben ihm Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, die sich im Linde-Aufsichtsrat für seine Berufung einsetzten, geboten. Sie haben mit der grauen Maus unter den Dax-Unternehmen offenbar noch große Pläne.

Den Stein ins Rollen brachte allerdings ein anderer: Hans Meinhardt. Für viele stellt der langjährige Linde-Chef den Prototyp des Managers vergangener Tage dar: konservativ, öffentlichkeitsscheu und stur. Ganz anders als der Mann, den er vor 17 Jahren bei BMW in München kennen lernte. Wolfgang Reitzle gilt selbst seinen Kritikern als einer der genialsten Köpfe der Autobranche: ein Technikfreak, kreativ, weltmännisch, exzentrisch. Meinhardt, damals Mitglied im BMW-Aufsichtsrat, gefiel der Perfektionismus, der unbändige Ehrgeiz des jungen Ingenieurs. "Ich will schlicht am Steuer stehen, um den Kurs eines Schiffes zu bestimmen", sagt Reitzle über sich selbst. Diese Aussage könnte auch von Meinhardt stammen. "Er ist ein Alpha-Mann", sagt einer, der beide Manager gut kennt. "Er respektiert nur einen, der ist, wie er selbst."

In zwei Wochen werden die beiden Egos in der Linde-Zentrale aufeinanderprallen.

Erste Anläufe, Reitzle nach Wiesbaden zu holen, unternahm Meinhardt bereits 1991, doch erst acht Jahre später redeten die zwei wesensverwandten und gleichzeitig so unterschiedlichen Charaktere erstmals Tacheles. Am 5. Februar 1999 - Reitzle hat das Datum im Kopf wie seinen eigenen Geburtstag - schmiss der Schwabe wütend seinen Job bei BMW hin. Statt seiner hatte der Aufsichtsrat Joachim Milberg als Nachfolger des geschassten Vorstandschefs Bernd Pischetsrieder eingesetzt. Eine Kränkung, die Reitzle bis heute nicht verwunden hat. Kurz darauf kam der Anruf aus Wiesbaden.

Meinhardt wollte seinerzeit Teile des MAN-Konzerns kaufen, Reitzle sollte die Integration übernehmen. "Schon damals habe ich das ernsthaft erwogen", erinnert er sich. "Doch dann hat die Liebe zum Auto den Ausschlag gegeben." Wieder einmal. Reitzle ging zu Ford und übernahm die in der PAG zusammengefassten Luxusmarken Jaguar, Aston Martin und Lincoln. Volvo und Land Rover kamen später hinzu.

Ein idealer Job für den Autonarren mit einer Passion für das Edle, das Stilvolle. Jaguar und Wolfgang Reitzle, das passte zusammen wie die Queen und Rolls-Royce. "Mein Stil ist das feinsinnige Understatement", sagt Reitzle, der teure Uhren und noble Autos sammelt. Ein Satz, den auch Meinhardt unterschreiben würde, der wie Reitzle Golf spielt, edles Tuch liebt und distinguiertes Auftreten schätzt. "Gentleman-like", sagen Bewunderer. "Arrogant und abgehoben", die nicht so wohl gesonnenen.

Die Charakterisierungen stehen für die zwei Gesichter des "Mr. Linde". Manager des KarstadtQuelle-Konzerns, bei dem Meinhardt ebenfalls den Aufsichtsratsvorsitz innehat, schätzen den mittlerweile 70-Jährigen wegen seiner ruhigen, konstruktiven Art. Doch im eigenen Hause regiert der Patriarch mit harter Hand, obwohl er sich bereits 1997 vom Vorstandsvorsitz zurückgezogen hat. Noch immer mischt der alte Herr bei Linde kräftig mit, heuert neue Manager, ohne den Vorstand zu informieren. "Der bestimmt bis heute das Lastenheft jedes Gabelstaplers selbst", lästert ein Zulieferer. "Um mit Meinhardt arbeiten zu können, muss man entweder ein serviler Diener sein oder ihm überlegen", sagt einer, der ihn gut kennt. Wer ein Gespräch mit dem Vorstand hat, muss am Büro des Chefaufsehers vorbei. "Der weiß mit drei Anrufen, wie die Dinge im Unternehmen stehen", weiß auch Reitzle. "Gerade deshalb kann er mich bei der Einarbeitung enorm unterstützen." Naiv, nennt das ein Berater des Patriarchen.

Am Abend des 8. Juni 2001 begegnen sich Reitzle und Meinardt in Hanau. Jürgen Heraeus, Aufsichtsratschef des gleichnamigen Technologiekonzerns, hat zum 150-jährigen Firmenjubiläum geladen. Gerade einen Monat zuvor hatte Meinhardt den designierten Linde-Vorstandschef Peter Grafoner abgeschossen, der in seinen Augen nicht das nötige Format hatte, das Dax-Unternehmen zu führen. Jetzt braucht er einen neuen Kandidaten für die Thronfolge. Diesmal ist Reitzle interessiert.

Denn der Luxus in der "Großbürokratie Ford" ist ein mühsames Geschäft. Jede Idee, jede Veränderung, auch wenn sie von einem Entwicklungsgenie wie Reitzle kommt, muss von vielen Gremien abgesegnet werden. "Bei Bedarf erklärt Wolfgang auch gern eine Sache zweimal", sagt ein ehemaliger BMW-Kollege. "Aber nicht fünfmal." Mit dem Rauswurf von Ford-Chef Jacques Nasser verschlechtert sich Reitzles interne Position. Während sich in der Zentrale in Dearborn die Kraftfelder neu ausrichten, muss er von London aus zuschauen und nun an den zweiten Mann im Konzern, Nick Scheele, berichten. Das wiederspricht nicht nur dem Selbstverständnis Reitzles. Er kommt auch mit Scheeles Art nicht klar, der Entscheidungen oft unter politischen Gesichtspunkten fällt.

So fällt die Entscheidung zu gehen. Von London nach Wiesbaden. Von Ford zu Linde. Die Queen fährt künftig Bentley. Und Wolfgang Reitzle wird Kühltruhen und Gabelstapler vermarkten.

Ob ihn Kritik und Häme treffen, lässt sich der künftige Linde-Chef nicht anmerken. Die Gewissheit, dass die beiden Großaktionäre Allianz (12,5 Prozent) und Deutsche Bank (10,0 Prozent) hinter ihm stehen, stärkt seine Position. Die beiden Finanzkonzerne haben Linde offenbar zum Konsolidierer des deutschen Maschinenbaus auserkoren. Unter Lindes Führung könnte ein Großkonzern entstehen, in den Teile von MAN und MG Technologies eingebracht werden könnten, heißt es in Beraterkreisen. Meinhardt spricht bereits vieldeutig von einer "neuen Sparte", die Reitzle im Unternehmen aufbauen soll.

Doch der hält sich bedeckt. "Für mich ist es eine Riesenherausforderung zu beweisen, dass ich auch was anderes als Autos kann." Viel mehr als sich selbst wird er das seinem Aufsichtsratschef und seinen Großaktionären beweisen müssen.

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