„Hängt die Juden!“
In der Schule des Terrors

Viele Terroristen Südostasiens waren auf dem Al-Mukmin-Internat. Trotzdem lehrt das indonesische Institut weiter Hass auf Juden und Christen.

AKARTA. Einer nach dem anderen stehen die 15-jährigen Jungen auf, um ihre Predigt zu üben. In einer Mischung aus Arabisch und Indonesisch sprechen sie darüber, wie wichtig es sei, die islamischen Gesetze strikt einzuhalten und ihren Glauben gegen Anfeindungen der Ungläubigen zu verteidigen. Ihre Klassenkameraden antworten mit Ausrufen: "Hängt die Juden!" und "Amerika - Terrorist" und schlagen verzückt auf ihre hölzernen Tische.

Dies ist eine Szene aus der Predigtstunde, wie sie donnerstagnachmittags in der islamischen Internatsschule Pesantren al Mukmin stattfindet, in diesem armen Vorort von Solo, einer Stadt auf der dicht bevölkerten indonesischen Hauptinsel Java. Al Mukmin bietet wichtige Fächer wie Biologie und Geschichte, eine radikal intolerante Version des Islamismus - und eine außergewöhnliche Gruppe ehemaliger Schüler und Lehrer.

Die Schule hat nahezu alle mutmaßlichen Top-Terroristen Indonesiens produziert, inklusive angeblicher Teilnehmer am Angriff auf das Marriott-Hotel in Jakarta letzten Monat und Verantwortlicher für den todbringenden Bombenanschlag auf einen Nachtclub auf Bali vergangenes Jahr. Abu Bakar Baasyir, ein militanter muslimischer Geistlicher, der diese Schule mitgegründet hat, managte sie bis zu seiner Festnahme vergangenes Jahr.

Ein indonesisches Gericht verurteilte den 65-Jährigen mit dem schneeweißen Bart gestern wegen Beteiligung am Landesverrat zu vier Jahren Haft. Er soll von einer Reihe von Bombenanschlägen auf christliche Kirchen um Weihnachten 2000 gewusst haben.

Die Richter sahen es aber nicht als erwiesen an, dass Baasyir an führender Position an der geplanten Ermordung der indonesischen Präsidentin Magawati Sukarnoputri beteiligt war und die Jemaah Islamiyah geleitet hat, eine südostasiatische Terror-Gruppe, die Verbindungen zu El Kaida hat.

Radikale Islamschulen geschlossen

In ganz Südostasien haben Regierungen während der letzten Monate radikale Islamschulen geschlossen. Aber trotz aller Bedenken, dass hier künftige Terroristen ausgebildet werden, fährt al Mukmin fort, jährlich 1800 indonesische Jungen und Mädchen zu erziehen. Die Regierung vertritt die Meinung, dass ein zu aggressives Vorgehen gegen al Mukmin die Muslime des Landes verärgern könnte, und das sind immerhin 90 Prozent der Bevölkerung von insgesamt 220 Millionen. "Die Tatsache, dass einige ehemalige Schüler in terroristische Attentate verwickelt waren, führt nicht automatisch dazu, irgendeine Schule zu schließen", sagte vergangenen Monat der indonesische Außenminister Hassan Wirayuda.

Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass Schüler in al Mukmin für terroristische Zwecke rekrutiert werden; die Polizei gibt an, dass sie die Schule scharf überwache und Agenten in die Studentenschaft eingeschleust habe. Vertreter der Schule sagen, dass es keine Verbindungen zwischen ihnen und den ehemaligen Schülern gebe, die in den letzten Jahren an Dutzenden von Anschlägen in Südostasien teilgenommen haben sollen. Die Schule werde ausschließlich durch Studiengebühren in Höhe von 25 Dollar monatlich finanziert und Spenden aus der näheren Umgebung.

Wenn er auf die Terroristen angesprochen wird, die seiner Schule entstammen, sagt Direktor Wayuddin: "Diese Leute haben ihre Studien in anderen Ländern fortgesetzt. Möglicherweise gingen sie nach Afghanistan oder wurden in einen Krieg verwickelt, sie sahen Dinge, die Groll in ihnen erzeugt haben, und sie wollten sich dafür rächen. Aber es gibt keine Verbindung zu unserer Schule."

"Für Allah zu sterben ist unser höchstes Trachten"

Bilder von Maschinenpistolen und Panzern schmücken die Wände der Schule. "Für Allah zu sterben ist unser höchstes Trachten", steht über der Tür zum Hauptgebäude. Die Schulregeln sind streng. Nur einmal im Monat darf das Internat verlassen werden. Wer eine der vielen Predigten verpasst, kann mit zehn Stockschlägen bestraft werden.

Außer Baasyir ist ein Dutzend weiterer ehemaliger Al-Mukmin-Studenten unter Terrorverdacht. Die Regierung behauptet, dass Ali Ghufron, auch bekannt als Mukhlas, hinter dem Bombenanschlag von Bali steckt, bei dem im vergangenen Oktober 200 Menschen ums Leben kamen. Asmar Latin Sani, Absolvent des Jahrgangs 1993, wurde anhand seiner Überreste identifiziert als Selbstmordattentäter auf das Marriott-Hotel.

...sonst wird die Welt brennen

"Terrorismus ist nicht Teil unserer Ausbildung", sagt Wahyuddin, ein 51-jähriger Islam-Lehrer mit schwarzer Gebetskappe und einer Brille mit Goldrand. Er weigert sich aber, die Anschläge seiner Ex-Schüler zu verurteilen: "Im Islam darf man keinen Krieg beginnen. Aber man darf sich verteidigen, wenn man angegriffen wird." Der Krieg des Westens gegen den Islam sei der Grund für die Gewalt in Indonesien: "Hört auf, Muslime zu bekämpfen! Sonst wird die Welt brennen."

Die Lehrer behaupten, Studenten nicht zu Angriffen auf Menschen anderer Religionen zu ermutigen. "Aber der Koran sagt, wir wollen nicht, dass Juden und Christen mit Moslems leben", sagt der 27-jährige Lehrer Widi bin Hasbi. Sudarti Maryani besucht ihren 14-jährigen Sohn in der Schule und ist nicht beunruhigt von der Möglichkeit, er könne eines Tages ein Selbstmordattentäter werden: "Wenn mein Sohn glaubt, das sei etwas Gutes, dann muss ich sagen, ist es okay. Ich bin nur eine ungebildete Mutter."

Großteil islamischer Internate in Indonesien ist westlich orientiert

Al Mukmins Kampfgeist ist eine Ausnahme unter Indonesiens 12 000 islamischen Internaten. Der Großteil predigt religiöse Toleranz und bietet auch eine weltliche Erziehung. Sie spielten eine große Rolle bei der Befreiung von den holländischen Kolonialherren und machten Indonesien zu einer liberalen Bastion in der islamischen Welt. Sie sind die einzige erschwingliche Bildungsquelle für Millionen von Studenten. Ihre Geistlichen formen das Weltbild der jungen Indonesier, die hier die meiste Zeit ihrer Kindheit und Jugend verbringen.

Dadurch erarbeiteten sich die Schulen aber auch eine Menge Souveränität. "Wenn die Polizei eine Internatsschule durchsucht, ist das eine ernste Sache, denn sie sind ein Teil unseres Lebens", sagt Dewi Fortuna Anwar, Politikwissenschaftler am Indonesischen Wissenschaftsinstitut. "Man zielt damit auf arme Leute und klebt ihnen das Etikett von Terroristen auf. Das kann sich die Regierung nicht leisten."

Al Mukmin wurde 1972 von Baasyir und Abdullah Sungkar gegründet. Beide waren keine Freunde des Suharto-Regimes. 1978 wurden Baasyir und Sungkar wegen Umsturz-Aktivitäten verhaftet und erst 1982 wieder freigelassen. Sie gründeten dann ein Netz von islamischen Verlagen, Buchläden und Studentenvereinigungen, das bis heute existiert. Aus Angst vor einer weiteren Verhaftung flohen sie 1985 und gründeten in Süd-Malaysia ein neues islamisches Internat.

Von diesem aus schickte Sungkar Dutzende von Schülern in den Kampf der afghanischen Rebellen gegen die sowjetische Besatzung. Das Training, das die Auserwählten dort erhielten, brachte Al-Mukmin- Absolventen in eine zentrale Rolle innerhalb der Terrorgruppe Jemaah Islamiyah, meint Sidney Jones, Terror-Expertin der International Crisis Group of Brussels.

Nach dem Fall Suhartos kehrten Baasyir und Sungkar 1999 zurück nach Indonesien. Sungkar, der Schwiegervater von Wahyuddin, starb aber kurze Zeit später. Baasyir wurde gestern verurteilt.

Ob Al-Mukmin-Studenten heute noch für den Terrorismus akquiriert werden, ist nicht klar. Aber Jones weist darauf hin, dass die Schule und die persönlichen Kontakte ihrer Führung es Jemaah Islamiyah leicht machen, Nachwuchs zu rekrutieren.

Quelle: Handelsblatt

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