Haffa nicht an Gesprächen beteiligt
EM.TV verhandelt mit Bank über Formel Eins

Die EM.TV & Merchandising AG verhandelt nach Angaben aus Branchenkreisen mit einem zweiten Interessenten über einen vollständigen Verkauf ihrer Formel-Eins-Anteile und sucht damit einen alternativen Weg zur Rettung des Unternehmens. Vertreter von EM.TV hätten darüber am Donnerstag in Genf mit einer kleineren britischen Investmentbank gesprochen, hieß es in den Branchenkreisen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung handelt es sich dabei um die britische Investmentbank Hellman & Friedman.

rtr/dpa-afx/vwd MÜNCHEN. Die "Financial Times Deutschland" berichtet indes, dass EM.TV-Chef Thomas Haffa die exklusiven Übernahmegespräche mit Leo Kirch vorzeitig beenden will, um mit anderen möglichen Partnern verhandeln zu können. Am Morgen waren Gerüchte aufgekommen, dass sich eine Reihe von Autoherstellern derzeit um eine Mehrheit am Formel-Eins-Veranstalter SLEC bemühen. An den Gesprächen seien auch BMW und die Mercedes-Benz-Sparte der Daimler-Chrysler AG beteiligt, hieß es in Branchenkreisen. Auch die Investmentbank Morgan Grenfell sowie die Automobil-Hersteller Fiat und Ferrari wurden als Interessenten gehandelt.

Zu dem Angebot der britischen Investmentbank hieß es: Die Bank sei bereit, dem Vorschlag von EM.TV zu folgen, deren 50 Prozent an der Formel-Eins-Holding SLEC für etwa ein Drittel der 3,5 Milliarden DM zu kaufen, die EM.TV-Chef Thomas Haffa dafür im Frühjahr 2000 bezahlt hatte. Ein EM.TV-Sprecher sagte, es liefen derzeit keine Verhandlungen außer mit Kirch. Nachdem die Aktien im Vormittagshandel um rund 60 Prozent bis auf 10,20 Euro in die Höhe geschossen waren, schmolz ihr Kursgewinn bis zum Abend wieder zusammen. Die Titel kosteten zum Handelsschluss 7,80 Euro (plus 22,83 Prozent).

EM.TV-Intraday-Chart

EM.TV sei in akuten Finanznöten und deshalb bereit, seine Anteile deutlich unter dem Kaufpreis abzugeben, hieß es in den Kreisen. Ein Teil davon solle nach dem Plan der Unterhändler an Formel-Eins-Organisator Bernie Ecclestone weitergereicht werden, der damit für den Verzicht auf seine Verkaufsoption für weitere 25 Prozent der SLEC entschädigt werde. Der 70-jährige Brite hat das Recht, von Mai 2001 an ein Viertel seiner Holding an EM.TV für einen fest geschriebenen Betrag von knapp 1 Milliarde Dollar (über 2 Milliarden DM) abzustoßen. Den Rest wolle die Bank so lange halten, bis die Rennsportserie wie geplant an die Börse gebracht werden soll, hieß es in den Kreisen weiter.

An den Gesprächen hätten der EM.TV-Aufsichtsratsvorsitzende Nickolaus Becker und der Münchener Filmkaufmann Herbert Kloiber teilgenommen, an dessen Gesellschaft Tele München (TMG) EM.TV mit 45 Prozent beteiligt ist, hieß es in den Kreisen am Freitag weiter. Thomas Haffa selbst war den Angaben zufolge daran nicht beteiligt. Ein internationales Finanzkonsortium, das die Anteile übernehmen wolle und von dem die "Financial Times Deutschland" am Freitag berichtet, gebe es nicht. EM.TV hatte Anfang Dezember seine Gewinnerwartungen für das Jahr 2000 von 525 Millionen DM auf ein Ergebnis von 50 Millionen DM vor Steuern und Zinsen (Ebit) zurückgeschraubt.

Gleichzeitig nahm das Merchandising- und Filmunternehmen Gespräche mit der Kirch-Gruppe mit dem Ziel auf, dass sich der Medienkonzern mit bis zu 16,74 Prozent der Anteile und gut 25 Prozent der Stimmen an EM.TV beteilige. Zudem will Kirch knapp die Hälfte der EM.TV-Beteiligung an der SLEC für 550 Millionen Dollar (1,1 Milliarden DM) übernehmen. Das Unternehmen brauche einen "starken Partner", sagte Haffa damals. Darüber sollte bis Ende Januar exklusiv mit Kirch verhandelt werden, gleichzeitig läuft derzeit eine eingehende Unternehmensprüfung bei EM.TV. Ein EM.TV-Sprecher sagte zu den Angaben aus den Kreisen lediglich, das Unternehmen halte sich an die Ausschließlichkeitsklausel, fügte aber erneut hinzu: "Wir können niemanden daran hindern, uns ein alternatives Angebot zu machen."

Ecclestone offenbar gegen Einstieg von Kirch

Die "FTD" hatte am Freitag berichtet, EM.TV wolle Kirch mit dem Gegenangebot unter Zugzwang setzen. Unterhändler von EM.TV hätten sich am Mittwoch mit Vertretern der "Bambino-Stiftung" getroffen, die juristischer Eigentümer der Formel Eins sei, und seien sich "in weiten Schritten näher" gekommen, hieß es unter Berufung auf Aussagen eines Beteiligten. Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn habe in London gleichzeitig mit Ecclestone selbst gesprochen, um diesem zu verdeutlichen, wie wichtig dieser in den Verhandlungen um EM.TV sei. Ecclestone sei jedoch über die Aussicht, mit Kirch künftig einen seien Großkunden zugleich als Gesellschafter zu haben, nicht begeistert, berichtete das Blatt unter Berufung auf Branchenkenner.

Die Fernsehübertragungsrechte an der Rennsportserie liegen für das Bezahlfernsehen in Deutschland derzeit beim Kirch-Sender "Premiere World" und für das frei empfangbare Fernsehen bis 2003 bei RTL. Ein Kirch-Sprecher erklärte zu dem Zeitungsbericht, der Konzern stehe unter keinem Druck. "Durch solche Gerüchte ist die Kirch-Gruppe sicher nicht unter Zugzwang zu setzen", sagte er. Kirch selbst nach Informationen aus Verhandlungskreisen bereits Anfang der Woche mit einem Abbruch der Gespräche gedroht. Der EM.TV-Kurs, der zu Handelsbeginn am Neuen Markt um mehr als 60 Prozent angezogen hatte, bröckelte nach der Nachricht wieder ab, notierte zum Handelsschluss aber mit 7,80 Euro immer noch um 22,83 Prozent über der Schlussnotierung von Donnerstag. Anfang Januar hatten die Titel für 4,03 Euro den Besitzer gewechselt. Ein Branchenanalyst von Merrill Lynch sagte, im derzeitigen Kurs der Aktie spiegele auch der Vertrauensverlust in das Management von EM.TV wieder. Der Wert der einzelnen Geschäftsbereiche von EM.TV zusammen liege für den Fall einer Zerschlagung bei 10 Euro je Aktie.

Analysten halten Daimler-Chrysler-Engagement eher für unwahrscheinlich

Analysten bezeichneten die Angaben über das Alternativangebot der Investmentbank Hellman & Friedman als "plausibel". Die Formel Eins sei ein begehrtes Objekt. Skepsis überwog dagegen, was ein mögliches Engagement von Daimler-Chrysler angeht. Das Unternehmen habe zurzeit genug Probleme mit den Restrukturierungsmaßnahmen bei der Autosparte Chrsyler, erklärte Martin Haug, Autoanalyst bei der BfG-Bank. Da die Mercedes-Benz-Sparte mit McLaren-Mercedes bei der Formel Eins mitfahre, könnte man zwar einen Sinn in einem Einstieg sehen. Andererseits habe sich Daimler-Chrysler in den vergangenen Jahren auf das Automobilgeschäft konzentriert.

"Alle Autobauer, die in der Formel 1 mitfahren, müssten an stabilen Eigentümerverhältnissen bei der Formel 1 interessiert sein", sagte Oliver Fischer, Medienexperte der BfG-Bank. Mit einer Beteiligung könnten die Autokonzerne ihren Einfluss auf den Rennzirkus festigen. Die Formel Eins ist für die Autohersteller, neben dem sportlichen Interesse, eine bedeutende Werbeplattform. Generell hält Fischer einen Einstieg von Daimler-Chrysler in die Formel Eins aber für eher unwahrscheinlich.

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