Haftbefehl erlassen
Diskussion um Terror-Hintergrund bei Bus-Entführer

Nach der Entführung eines Bremer Linienbusses sitzt der 17 Jahre alte Täter in Untersuchungshaft. Ein Richter hatte am späten Samstagabend Haftbefehl wegen Geiselnahme und Fluchtgefahr erlassen. Der gebürtige Libanese mit deutscher Staatsangehörigkeit habe umfassend ausgesagt, teilte am Sonntag eine Sprecherin der Bremer Staatsanwaltschaft mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Der junge Mann hatte sich in Briefen an seine Eltern als "Gotteskrieger" im Kampf gegen Israel bezeichnet und wollte die Freilassung von vier Gefangenen des Terrornetzwerkes Al Kaida erpressen.

HB/dpa BREMEN. Der noch unter das Jugendstrafrecht fallende 17-Jährige hatte am Freitag einen Linienbus in der Hansestadt entführt und 16 Geiseln genommen. Nach einer Fahrt über die Autobahn bis kurz vor Hildesheim gab der 17-Jährige nach sieben Stunden auf. Alle Geiseln blieben unverletzt. Sie werden nach Angaben der Bremer Innenbehörde weiter von neun Psychologen und einem Polizeiseelsorger betreut. Sie gelten als wichtige Zeugen.

Noch im Dunkeln liegen wegen der noch nicht veröffentlichten Aussagen des 17-Jährigen die Hintergründe für die Tat. Bremens Innensenator Kuno Böse (CDU) verwies bereits am Freitag wegen der bekannt gewordenen Bekennerschreiben auf "eindeutig einen islamistischer Hintergrund". Fraglich sei nur, ob es ein verwirrter Einzeltäter sei oder ein größerer Zusammenhang mit Hintermännern bestehe. Böse verwies auf angebliche Kontakte des Täters zu einer Bremer Moschee in Bahnhofsnähe. Dort soll früher auch der angebliche Taliban-Kämpfer Murat Kurnaz verkehrt haben. Seit Januar 2001 sitzt er unter Terrorverdacht im Camp X-Ray des US-Militärs auf Kuba.

Besucher der Abu Bakr-Moschee wiesen das zurück: "Sowohl Kurnaz als auch der Busentführer sind nur sehr selten zum Gebet gekommen", sagte Yehia El-Moawen der dpa in Bremen. Der Arzt aus Niedersachsen kam vor 45 Jahren aus Ägypten nach Deutschland und hat vor mehreren Jahren die Moschee mit gegründet, "als Gotteshaus und Gebetszentrum". Er warf dem Innensenator Wahlkampf vor. "Wenn er Beweise für seine Vorwürfe hätte, würden wir ihn sofort bei der Aufklärung unterstützen." Die Tat des Busentführers verurteilte er scharf.

Niedersachsens CDU-Innenminister Uwe Schünemann äußerte sich deutlich zurückhaltender als sein Bremer Amtskollege Böse. "Wir müssen die Ermittlungen abwarten, was es tatsächlich für ein Täter und was sein Hintergrund gewesen ist." Schünemann forderte eine schnelle Einführung des so genannten finalen Rettungsschusses bei Geiselnahmen. "Für uns ist wichtig, wenn es notwendig sein sollte, dass der betroffene Polizist absolute Rechtssicherheit hat", sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer kritisierte Böses Bewertung der Tat: "Das ist gerade in, weil der Krieg läuft, es bequem ist, auf dieser Schiene zu fahren, auf großes Drama zu machen und vom 11. September zu fantasieren." Pfeiffer bezeichnete den Täter als "Möchte-Gern-Terroristen", der "amateurhaft" vorgegangen sei. "Die Bewertung, dass die Tat einen islamistischen Hintergrund hat, ist sehr einseitig und wird dem nicht gerecht, dass es sich um einen 17- Jährigen handelt, der von Heldenträumen geprägt war", sagte Pfeiffer, der bis Anfang März SPD-Justizminister in Niedersachsen war, der dpa.

"Jeder, der ein bisschen nachdenkt, weiß, dass er damit niemals Erfolg haben kann. Terroristen, die wirklich islamistisch geprägt eine schlimme Tat vorhaben, gehen anders vor." Forderungen des Täters, etwa nach der Freilassung von Al-Kaida-Mitgliedern, dokumentierten nur eines: "Alles nur Wichtigtuerei".

Unterdessen wurde bekannt, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen einen Zusammenhang zwischen der Busentführung und einem Zwischenfall auf dem Bremer Flughafen überprüft. Am Abend vor der Geiselnahme war der Flugbetrieb für rund zwei Stunden unterbrochen worden, nachdem ein Zeuge zwei verdächtige Personen am Airports beobachtet hatte, die vermutlich über den Zaun geklettert waren. Bundesgrenzschutz und Polizei suchten das Gelände aber unter anderem mit einem Hubschrauber und Wärmekameras vergeblich ab. Ein Polizeisprecher sagte am Sonntag, es gebe bisher keine Hinweise auf einen Zusammenhang.

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