Halle in Malchin wohl nicht alleinige Gift-Quelle
Nitrofen-Skandal noch lange nicht aufgeklärt

Die Halle der Norddeutschen Pflanz- und Saatgut AG (NSP) im mecklenburgischen Malchin kommt nach offiziellen Angaben nicht als alleinige Quelle für die Verseuchung von Öko-Getreide mit dem verbotenen Pflanzenschutzmittel Nitrofen in Frage.

Reuters BERLIN/SCHWERIN. Das Landwirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern teilte als Ergebnis von Untersuchungen der betroffenen Länder und des Bundes am Dienstag in Schwerin mit, bei dem niedersächsischen Futtermittel-Hersteller GS agri seien positive Proben genommen worden, die nicht mit Malchin in Verbindung gebracht werden könnten. "Von der endgültigen Aufklärung dieses Futtermittelskandals sind wird also noch weit entfernt", sagte Agrarminister Till Backhaus (SPD). Vom Bundesministerium für Verbraucherschutz lag eine Stellungnahme zunächst nicht vor. Das niedersächsische Agrarministerium teilte mit, zwischen November 2001 und Mai 2002 seien rund 93 Lieferungen mit belastetem Putenfleisch in zehn Bundesländer und darüber hinaus nach Dänemark, die Niederlande und Österreich gegangen. Es handele sich um das Fleisch von weit über 100 000 Tieren.

Backhaus: Am Getreide wurde manipuliert

Nach der Entdeckung der NSP-Halle in Malchin hatte Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) den Nitrofen-Skandal für aufgeklärt erklärt. Backhaus sagte nun, bei dem Futtermittelhersteller GS agri seien vier belastete Chargen gefunden worden, von denen nur eine aus Malchin stamme. Die Höhe der Belastung weise darauf hin, dass sie nicht durch Lagerung, sondern durch Manipulationen beim Transport entstanden seien. Die Getreide-Lieferung eines Öko-Betriebs aus Mecklenburg-Vorpommern sei beim Abgang sauber, beim Eingang aber verschmutzt gewesen.

GS agri hatte das Getreide zu Öko-Futter verarbeitet und etwa 550 Tonnen Nitrofen verseuchtes Futter an Öko-Betriebe geliefert. Die von der Schließung bedrohte Firma bestreitet, das belastete Futter wissentlich verkauft zu haben.

Im Fegestaub der Malchiner Halle war nach Angaben des Ministeriums eine Nitrofen-Belastung von zwei Gramm je Kilogramm Staub gemessen worden. Der Grenzwert liegt bei 0,001 Milligramm je Kilogramm. Wegen der hohen Belastung waren zunächst die Halle und kurz darauf alle Betriebsteile geschlossen und Strafanzeige gegen GS agri erstattet worden. Die Sperrungen seien am Montag auf Antrag der NSP vom Verwaltungsgericht schrittweise wieder aufgehoben worden. Backhaus kündigte Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Gerichts an. "Für mich ist es zum jetzigen Zeitpunkt unverantwortlich, die Sperre wieder aufzuheben."

Zehn Länder suchen nach belastetem Geflügel

In zehn Bundesländern wird nach offiziellen Angaben inzwischen nach dem Verbleib von Nitrofen haltigen Bio-Geflügelprodukten gefahndet. Nach Angaben aus Hessen und Bremen ist ein Großteil der belasteten Produkte bereits verzehrt. Nach Erkenntnissen der niedersächsischen Agrarbehörden wurde zwischen November und Mai bundesweit an 93 Betriebe Fleisch geliefert, das vermutlich mit dem verbotenen Pflanzengift belastet gewesen war. Es werde jetzt von den jeweiligen Länderbehörden geklärt, in welchem Umfang die fraglichen Geflügelprodukte bereits an Endverbraucher gelangt seien, sagte ein Sprecher der Lebensmittelüberwachung im niedersächsischen Agrarministerium.

Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums haben zwei Lebensmittelbetriebe etwa 150 Kilogramm Geflügelfleisch aus Niedersachsen erhalten, das wahrscheinlich Rückstände des verbotenen Pflanzengifts enthalten habe. Die komplette Ware sei bereits verzehrt, so dass keine Sicherstellungen und Untersuchungen mehr möglich seien, teilte das Sozialministerium in Wiesbaden mit.

Bereits am Montag hatte die Bremer Gesundheitsbehörde mitgeteilt, dass drei Kindergärten der Hansestadt womöglich mit Nitrofen belastete Geflügelprodukte für ihre Mahlzeiten verwendet hätten. Zuvor war bei mehreren Bio-Höfen in mehreren Bundesländern in Fleisch und Eiern Nitrofen nachgewiesen worden.

Das Nitrofen haltige Geflügelfleisch stammt nach Angaben des Ministeriums in Hannover ausschließlich von Mitgliedern der niedersächsischen Bio-Erzeugergemeinschaft "Grüne Wiesen Biohöfe". Sie gilt in Deutschland als Marktführer für Bio-Geflügelfleisch mit einem Marktanteil von 80 Prozent. Die Mitglieder waren nach bisherigen Erkenntnissen von GS agri seit vorigem November mit verseuchtem Bio-Futter beliefert worden.

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