Archiv
Halt verloren

Vier gravierende Fehleinschätzungen brachten Europas Mobilfunkbranche an den Rand des Abgrunds. Kern allen Übels: UMTS. Wird Mobilcom das erste Opfer des mobilen Multimedia-Massakers?

Innerhalb von zwei Jahren kann in der Welt der Telekommunikation viel passieren. Binnen dieser Zeit rauscht der Aktienkurs der Deutschen Telekom um mehr als 80 % nach unten, Unternehmen in der Branche gehen zum Konkursrichter, andere ächzen unter der Last ihrer Schulden. Innerhalb von zwei Jahren kann allerdings auch einfach gar nichts passieren. Im Sommer 2000 ersteigerten die Telekom-Konzerne UMTS-Mobilfunklizenzen zu Schwindel erregenden Preisen. Euphorisch prognostizierten die Konzernbosse, dass schon bald die Umsätze mit der neuen Technik explodieren. Mobile Web-Zugänge sollten die Zahl der stationären Internet-Anschlüsse überholen. Handys würden zum mobilen Alleskönner mutieren.

Nichts von alledem ist bislang eingetreten, und nicht mal ein Hauch davon in Sicht. Auch heute nutzen die meisten ihr Mobiltelefon, um zu telefonieren und kurze Nachrichten zu verschicken. Die Masse will von Spielereien wie dem Routenplaner via Handy oder dem mobilen Bezahlen nichts wissen. Und nach wie vor stellen sich die Mobilfunkkonzerne die bange Frage: Erweisen sich die UMTS-Ausgaben als gigantische Fehlinvestition?

Mobiles Multimedia-Geschäft beginnt zögerlich

Bisher steht fest: Das mobile Multimedia-Geschäft beginnt später, entwickelt sich langsamer und bringt viel geringere Umsätze, als die Unternehmen ursprünglich kalkulierten. Ein Riesendebakel für die einstige Boombranche, die das Abenteuer UMTS an den Rand des Ruins treibt.

"Am Ende bestimmt die Größe des Unternehmens das Überleben", meint Lars Godell, Analyst bei Forrester Research. Die besten Chancen haben demnach der weltweit größte Mobilfunker Vodafone, die ehemaligen Monopolkonzerne wie Deutsche Telekom und France Télécom und ihre Mobilfunktöchter - auch wenn Aktionären selbst der Glaube daran schwer fällt angesichts der immer neuen Rekordverluste, die die Konzerne melden: 25 Mrd. Euro Verlust im jüngsten Geschäftjahr verkündete Vodafone vergangene Woche. Ein vergleichsweise kleines Minus von 3,5 Mrd. Euro und dazu immer neue Tiefststände der T-Aktie sowie üppige Gehaltserhöhungen der Vorstände brachten kurz zuvor die Telekom - Aktionäre in Rage.

Opfer des UMTS-Wahns: Mobilcom

Angesichts der tiefroten Zahlen müssen die Telekomriesen sparen. Einige ihrer Beteiligungen haben daher gute Chancen, Opfer des UMTS-Wahns zu werden - allen voran Mobilcom.

Großaktionär France Télécom will seine UMTS-Investitionen diesseits des Rheins tunlichst niedrig halten - die Franzosen sind selbst klamm. Der Geiz passt Mobilcom-Chef Gerhard Schmid, der doch als erster UMTS in Deutschland anbieten wollte, so gar nicht in den Kram. Das Ergebnis war eine wochenlange Schlammschlacht mit noch ungewissem Ausgang für Mobilcom.

Das wahrscheinlichste Ende: France Télécom übernimmt die Macht bei der norddeutschen Firma - mit Hilfe von Banken, denen das Unternehmen das meiste Geld schuldet. Diese sind offenbar damit einverstanden, dass die Mobilcom-Schulden von 4,7 Mrd. Euro mit France-Télécom-Aktien zurückgezahlt werden.

Der Vorteil für die Franzosen: Sie erhöhen den hauseigenen Schuldenberg nicht durch den Kauf der deutschen Beteiligung und setzen auch ihre Bewertung bei Ratingagenturen nicht aufs Spiel. Gründer Schmid soll die Firma so schnell wir möglich verlassen. Diese Lösung zeichnete sich zumindest Ende vergangener Woche ab.

Rückzug oder Fusion

Rückzug oder vielleicht eine Fusion mit einem Konkurrenten - diese Entscheidung werden nach Ansicht von Analysten auch die spanische Telefónica und der ehemals zu British Telecom gehörende Mobilfunkarm MMO2 über ihr Deutschland-Engagement treffen müssen. Die Konzerne haben zwar Milliarden in ihre Töchter Quam und O2 (ehemals Viag Interkom) gepumpt - aber mit mäßigem Erfolg. O2 ist mit 4 Millionen Kunden nur die Nummer vier auf dem deutschen Markt. Quam hat seit seinem Start vor einem halben Jahr gerade mal 100 000 Kunden gewinnen können - viel zu wenige, um langfristig zu überleben.

Dabei schien die Strategie der europäischen Mobilfunkriesen zunächst nur logisch: Wenn das Wachstum nachlässt und die Preise in der klassischen Mobiltelefonie fallen, müssen neue Angebote her, um Umsatzausfälle zu kompensieren. Mobiles Internet hieß das Schlagwort, UMTS galt als die Technik, die weiterhin sprudelnde Einnahmen sichern sollte.

Doch die Realität sieht anders aus. Hauptsächlich sind es vier falsche Einschätzungen der Mobilfunker, die ihre Pläne ins Wanken gebracht haben.

Zahlreiche Probleme

Problem 1: unberechenbare Aktienmärkte. Die Kurse aller Telekomkonzerne fallen auf immer neue Tiefststände. Die Investoren haben kein Vertrauen mehr und die Unternehmen kaum noch Spielraum für Investitionen. Auf den Kapitalmärkten können sie sich zurzeit kein neues Geld besorgen. Das brauchen sie jedoch dringend, um den Aufbau ihrer UMTS-Netze voranzutreiben und die Zinsen für ihre Schulden zu zahlen - ein Teufelskreis, und Besserung ist nicht absehbar.

In der Vergangenheit erholte sich der Telekom-Sektor in der Regel sechs Monate später als die Wirtschaft insgesamt. Diesmal könne es länger dauern, prophezeien Analysten von UBS Warburg. Denn es gebe strukturelle Probleme der Branche, eine allgemeine Erholung würde sie nicht lösen.

Problem 2: verflixte Technik. Schon das UMTS-Vorläufersystem GPRS hat sich verzögert. Die Netzbetreiber haben ihre Infrastruktur zwar rechtzeitig aufgebaut, aber es fehlten die Geräte. Entsprechend später kommt jetzt auch UMTS in Schwung. Telekom-Chef Ron Sommer rechnet erst 2004 mit nennenswerten UMTS-Umsätzen, ein Jahr später als ursprünglich geplant.

Problem 3: der Kunde, das unbekannte Wesen. Noch vor zwei Jahren gingen die Unternehmen davon aus, dass mit UMTS der Monatsumsatz pro Kunde um mindestens 20 % wachse. Studien wie eine Exklusiv-Umfrage des Online-Marktforschers Dialego aus Aachen für Netzwert kommen indes zu dem Ergebnis, dass die Kunden gar nicht bereit sind, mehr als bislang auszugeben. Keinen Euro mehr wollen 40 % der befragten Entscheider für UMTS-Dienste berappen. Etwa 30 % sind bereit, gerade mal 10 Euro mehr zu zahlen.

Problem 4: attraktive Anwendungen. Zwar müht sich etwa Ericsson, Content-Partnerschaften und Mehrwert-Dienste für den multimedialen SMS-Nachfolger MMS aufzutun. Doch die Nachrichten mit Bild und Ton sind noch dürftig, selbst wenn man die Bedienung beherrscht.

Generell kommt die Entwicklung neuer Inhalte nur schleppend voran. Die Mobilfunkkonzerne müssen dabei umdenken und verstärkt mit Inhalteanbietern zusammenarbeiten. Bislang hatten sie das nicht nötig: Es reichte im Prinzip, das Netz aufzubauen und später zu kassieren.

Nutzen der Technik bleibt vielen Nutzern noch verborgen

Auch der Nutzen der Technik bleibt vielen potenziellen UMTS-Kunden verborgen. Gerade mal ein Drittel der von Dialego Befragten kann sich denken, das UMTS-Handy als Orientierungshilfe in einer fremden Stadt einzusetzen. Ein Drittel kann sich dagegen gar nicht vorstellen, auch nur einen der neuen UMTS-Dienste privat zu nutzen. Im Beruf meint das Gros der Befragten, dass sie am ehesten im Vertrieb von der neuen Technik profitieren könnten.

Das Ruder herumreißen soll - zumindest in Deutschland - der Regulierer. Er soll die UMTS-Regeln lockern, etwa Fusionen zweier Lizenznehmer erlauben, ohne dass einer von ihnen seine Lizenz zurückgeben und die Ausgaben dafür abschreiben muss. Auch für den Handel mit Frequenzen soll der Regulierer grünes Licht geben, so dass die Kleinen der Branche, die mangels Masse nicht das ganze Frequenzspektrum brauchen, einen Teil verkaufen können und Geld in die Kasse bekommen. Noch bleibt Matthias Kurth, Chef der Telekomregulierungsbehörde in Bonn, hart. Wie lange?

Bisher scheint da nur einer aus dem Großprojekt UMTS ohne größere Verluste davonkommen zu können: Mobilcom-Gründer Schmid. Mit UMTS könne man sich eine goldene Nase verdienen, predigte der unverbesserliche Optimimist ein ums andere Mal. Und in diesem Punkt könnte er Recht behalten: Schmid bekommt geschätzte 500 Mill. Euro für seinen Mobilcom-Anteil, wenn France Télécom ihn rauskauft.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%