Hamanns Chancen sinken
Völler will ins Finale

Glücksritter Rudi Völler wagt noch nicht vom "Wunder von Yokohama" zu reden, doch der am wenigsten erwartete WM- Finaleinzug einer deutschen Mannschaft seit 1954 soll nicht am Widerstand einer Nation im Ausnahmezustand scheitern.

dpa SEOUL. "Ich bin nicht der Typ, der ins Träumen gerät. Das überlasse ich meinen Spielern", wehrte Völler am Montag rigoros Fragen nach seinem Glauben an den Titelgewinn ab. Doch gegen das Überraschungsteam aus Südkorea hat der Teamchef im insgesamt 84. WM-Spiel einer DFB-Elf den 50. Sieg fest eingeplant. "Ich glaube, dass wir eine große Chance haben, ins Finale zu kommen. Davon bin ich fest überzeugt", verbreitete der 42-Jährige Zuversicht. Wie 1986 in Mexiko "Kaiser" Franz Beckenbauer möchte "Rudi nationale" gleich bei seiner ersten WM als Teamchef den Durchmarsch ins Endspiel schaffen.

Aufstellung, Taktik und sogar die fast verlorene Zitterpartie um Dietmar Hamann gerieten allerdings vor dem Halbfinale am Dienstag (13.30 Uhr MESZ/ARD und Premiere live) in den Hintergrund. Die überschäumende WM-Euphorie in Südkorea zog auch die deutsche Elf nach der Ankunft in Seoul in den Bann. Die Vorbereitung der Spieler auf die "rote Hölle" im Weltcup-Stadion der südkoreanischen Hauptstadt wurde für Völler zur zentralen Aufgabe. Die Respekt einflößende Atmosphäre soll keine Verkrampfung auslösen, sondern der Elf um den in Südkorea bestaunten Kapitän Oliver Kahn zusätzliche Kraft geben.

"Man sieht 65 000 rote Trikots und T-Shirts im Stadion, weiß, was auf den Straßen los ist. Für jeden Spieler muss das etwas Besonderes sein, in diesem Stadion auflaufen zu können. Das sind die Sachen, die eine Fußball-Karriere ausmachen. Davon wird man noch Jahre zehren", trichterte Völler seinen Spielern immer wieder ein. Doch selbst der Teamchef, der drei Weltmeisterschaften als Spieler miterlebte, zeigt sich nachhaltig beeindruckt von der überschäumenden Begeisterung der Koreaner. "Wir bekommen es ja jeden Tag mit: Es gibt keine Minute, keine Sekunde, keine Stunde, in der im Fernsehen nicht irgendwelche Tore der Südkoreaner zu sehen sind", bemerkte Völler: "Das ist schon beeindruckend, wie eine ganze Nation hinter ihrer Mannschaft steht."

Geschlossenheit soll aber auch eine Trumpfkarte der teilweise heftig gescholtenen deutschen Elf sein. "Die Kritik an unserem Spiel bewirkt etwas sehr Positives: Wir rücken als Mannschaft noch enger zusammen", sagte Christian Ziege. Nach 32 Tagen in Asien gibt es nur noch ein Ziel - das Finale: "Wenn wir jetzt sowieso noch eine Woche hier sind, dann möchte ich am Sonntag im Endspiel stehen und nicht am Samstag im Spiel um Platz drei", erklärte der viel kritisierte, aber von Völler konsequent auf der linken Seite eingesetzte Ziege.

Die Einsatz-Chance von Dietmar Hamann, dessen Innenbanddehnung im rechten Knie auch am Montag fieberhaft behandelt wurde, sind indes auf ein Minimum gesunken. Der 28-Jährige vom FC Liverpool beendet das Abschlusstraining in Seoul bereits nach 45 Minuten. "Didi ist ein Schlüsselspieler. Sein Ausfall wäre ein harter Schlag", meinte der Teamchef, obwohl in dem Münchner Kämpfer Jens Jeremies ein gegen Paraguay (1:0) erfolgreich erprobter Ersatzmann parat steht. Carsten Ramelow und Marko Rehmer brachen ebenfalls zehn Minuten vor dem Ende die letzte Übungseinheit vor dem Halbfinale ab.

Auch wenn Völler am Tag vor dem Spiel wie üblich ein Geheimnis um die Aufstellung machte, gab es doch einige Indizien für personelle und taktische Veränderungen. Denn der Teamchef verriet, dass man auf das 3-4-3-System des Gegners "reagieren" werde: "Wir werden uns da etwas einfallen lassen", sagte Völler. Das könnte für eine erneute Umstellung der Abwehr auf eine Viererkette sprechen. Dadurch würde Sebastian Kehl seinen Platz als Abwehrchef wieder einbüßen.

Um zum siebten Mal in ein WM-Finale einzuziehen, muss jeder einzelne Akteur gegen die lauf- und kampfstarken Südkoreaner "120 % bringen", forderte Kapitän Kahn. Das Team darf darüber hinaus die größten Mängel aus dem USA-Spiel nicht wiederholen. "Wenn wir das nicht abstellen, wird im Halbfinale Endstation sein", meinte Völler, der die Nominierung des erfahrenen Schweizers Urs Meier als Schiedsrichter positiv bewertete: "Ich habe vollstes Vertrauen in ihn." Der Respekt vor dem von Schiedsrichter-Entscheidungen bislang begünstigten "Korean Fighting Team", das schon Portugal, Italien und Spanien ausschaltete, ist deutlich angewachsen. "Die Koreaner können nicht nur kämpfen und rennen, sie sind auch nervenstark", stellte Ziege nach dem Viertelfinal-Erfolg im Elfmeterschießen gegen die Spanier anerkennend fest.

Völler erwartet nicht nur Einsatz bis zum Umfallen. Er verlangt auch ein selbstbewussteres Auftreten, das Spiel mehr zu diktieren und eine konsequentere Chancenverwertung. Dabei soll sich die Lufthoheit gegenüber den kleiner gewachsenen Gegenspielern auszahlen: Immerhin acht ihrer 13 WM-Tore erzielte die deutsche Mannschaft mit dem Kopf. Miroslav "Air" Klose trat dabei fünf Mal in Erscheinung, doch gegen Paraguay und die USA litt der Torjäger zuletzt unter Ladehemmung. Völler glaubt weiter an den 24-Jährigen, der neben Torwart Kahn bisher größter Erfolgsgarant war: "Ich bin überzeugt, dass Miro ein gutes Spiel machen wird", sagte Völler. Das allein aber wird nicht langen: Gegen knapp 65 000 Koreaner werden elf Spieler in Bestform gebraucht.

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