Hamsterkäufe in Bagdad
„Alles liegt in Allahs Händen“

Bis jetzt scheinen viele Iraker den drohenden Krieg aus ihrem Alltag verdrängt zu haben. Das ist vorbei. Mit dem Anbruch der voraussichtlich letzten Stunden vor Luftangriffen der USA werden die Einwohner Bagdads zusehends nervöser. Jeder versucht, wenigstens das Nötigste an Vorräten für die schweren Tage und Nächte zu ergattern.

Reuters BAGDAD. Nicht nur vor den Tankstellen haben sich lange Schlangen gebildet. "Überall herrscht Kriegsstimmung, bedrückend, traurig", sagt Suad Saleh, eine 42-jährige Hausfrau. Die Moscheen rufen zum Kampf auf gegen die USA und Großbritannien. Geistliche sagen, in den Gotteshäusern werde im Kriegsfall medizinische Hilfe geleistet und Nahrung verteilt werden. Der heraufziehende Krieg gräbt tiefe Sorgenfalten in die Gesichter. Viele hoffen, dass die Raketen und Bomben nicht auf zivile Ziele abgefeuert werden - und dass der Krieg nur kurz sein wird.

"Was für ein jämmerliches Leben", klagt Ahmed, ein Lastwagenfahrer: "Wir haben unser ganzes Leben mit Hamsterkäufen verbracht uns uns vor Bomben versteckt." Wohl die meisten legen ihr Schicksal in die Hände Allahs. "Es ist alles in den Händen Gottes, was können wir schon tun", fragt Iman Kassem, der auf dem Markt nach Konservendosen sucht. Währenddessen räumen die Juweliere ihr Gold aus den Schaufenstern. Aus Angst vor Anarchie und Plünderungen versuchen die Ladenbesitzer, so viele Waren wie sie tragen können mit nach Hause zu nehmen. Nicht weit entfernt verhökern Frauen ihren Schmuck, um wenigstens über etwas Bargeld zu verfügen, falls sie sich auf die Flucht begeben müssen.

Richtig gute Geschäfte macht, wer Lampen, Fackeln, Batterien oder Diesel-Generatoren im Angebot hat. Die Einwohner Bagdads wissen aus leidvoller Erfahrung der Kriege und Konflikte der vergangenen 25 Jahre, dass der Strom ausfallen und das Wasser wahrscheinlich rationiert werden wird. Einige Einwohner haben bereits vor Wochen große Wassertanks gekauft. Ein lebhafter Schwarzmarkt hat sich mit Handfeuerwaffen entwickelt. Die irakische Führung hatte Bürger, die als loyal gelten, bereits mit Gewehren ausgestattet, darunter auch automatische Waffen. Am Wochenende wurden von den Behörden weitere Waffen unters Volk gebracht. Viele einfache Bürger kaufen sich nun ebenfalls Waffen, weil sie ein Machtvakuum fürchten, falls die Regierung von Saddam Hussein stürzen sollte.

Aber das wohl einträglichste Geschäft dieser Tage in Bagdad ist das mit Ausreisevisa. Die Preise für die Flucht ins sichere Ausland klettern in Schwindel erregende Höhen. Nach Jordanien wurde man vor zwei Tagen noch für 350 Dollar gebracht, mittlerweile muss man 600 Dollar hinlegen.

DIE KINDER FÜRCHTEN DEN KRIEG Nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder fürchten den Krieg. "Bevor mein zehn Jahre alter Sohn zur Schule gegangen ist, hat er mich gefragt, ob heute (US-Präsident George W.) Bush angreifen wird", sagt Ibrahim Chalaf, der ein Schuhgeschäft in Bagdad betreibt. "Er stellt mir oft diese Frage, aber nach den Nachrichten von gestern hat er uns diskutieren gehört und es war heute seine erste Frage nach dem Aufwachen." Die Mehrheit der Iraker, die schon vor langer Zeit gelernt haben, ohne Luxus auszukommen, sagt, ihre Hauptsorge sei, welche Auswirkungen die Bombardierungen auf ihre Kinder haben werden.

"Unsere Kinder fürchten sich vor Gewittern - was wird in ihnen vorgehen, wenn sie das Krachen der US-Bomber hören", sagt eine Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Nur Gott weiß, was mit uns geschieht", ergänzt Mona Schahed: "Wir haben niemanden außer ihm."

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