Handel hält sich mit verdeckten Erhöhungen weitgehend zurück
Euro-Umstellung lockt schwarze Schafe

Bei der Suche nach neuen Euro-Eckpreisen gönnen sich findige Hersteller, Dienstleister und Einzelhändler bisweilen lukrative Nachschläge, die für die Kundschaft schwer erkennbar bleiben. Dennoch sind sich Deutschlands Marktforscher einig: Auf breiter Front bewegt sich das Preisniveau kaum.

oli/cs DÜSSELDORF. "Mehr Umsatz ist unser gemeinsames Ziel", heißt es aufmunternd in dem Schreiben des Springer-Fachbuchverlags an seine Händler. Wie der Bertelsmann-Ableger sich und seine Vertriebspartner zufrieden stellen will, lässt er unverblümt mit dem Hinweis auf die Euroumstellung über seine Verkaufabteilung verkünden: Die Preiserhöhung für das gesamte Programm seiner 15 000 lieferbaren Titel werde kurzerhand "das für die bloße Umrechnung erforderliche Maß überschreiten".

Hersteller und Dienstleister nutzen die Umstellung auf den Euro gezielt, um Preiserhöhungen durchzusetzen, berichtet die Hamburger Verbraucherzentrale. Besonders bei Waren, die nicht viel kosten, gebe es eine deutliche Tendenz zu höheren Preisen, sagt Sebastian Sass, der in Hamburg eigens dazu eingestellt worden ist, die Preisentwicklung vor der Euroumstellung zu beobachten.

Schon im Sommer hatte der Wäschehersteller Triumph eine neue Preisliste an die Karstadt AG gesandt. Darin werden für mehrere hundert Artikel vom Hosenträger bis zum Strumpfhalter der Ist-Preis und der Preis zur Euroumstellung genannt. Ergebnis: Fast alle Waren werden zunächst 3 bis 4 % teurer.

Der Mobilfunkanbieter Viag Interkom rundet nach Beobachtung der Verbraucherschützer die Beträge für Gesprächsminuten zum überwiegenden Teil auf. In der Summe ergeben sich so deutlich erhöhte Telefonrechnungen. Nach Vorgabe der EU ist aber nur eine Auf- oder Abrundung des zu zahlenden Endbetrages erlaubt. "Ein klarer Regelverstoß", meinen die Verbraucherschützer und bereiten deswegen jetzt eine Verbandsklage gegen Viag Interkom vor.

Die betroffenen Hersteller wollen von dem Vorwurf, die Euro-Umstellung für Preisanhebungen zu nutzen, allerdings nichts wissen. Der Springer-Verlag etwa teilt mit, dass es sich bei den neuen Preisen um die erste Anpassung nach zwei Jahren handele, die auch ohne den Euro stattgefunden hätte. Ähnlich argumentiert ein Karstadt-Sprecher. Der Wäschehersteller Triumph sei kein Einzelfall.

"Durch die harten Preiskämpfe der Vergangenheit gibt es vor allem im Lebensmittel-Einzelhandel derzeit einen hohen Druck, die Preise zu erhöhen", berichtet Günther Elbel, beim Statistischen Bundesamt zuständig für die Verbraucherpreisstatistik. Wenn es um die Preisauszeichnung mit der neuen Gemeinschaftswährung gehe, kenne der deutsche Einzelhandel daher nur eine Richtung: nach oben.

Doch bestätigen mag diesen Trend in der Marktforschungsbranche niemand. Nicht einmal die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV), die als Dachorganisation der Verbraucherschützer die Preisumstellungen mit kritischem Blick verfolgt, hat in den vergangenen Wochen heimliche Preistreibereien durch die Umstellung auf Euro-Beträge beobachtet. "Natürlich gibt es Preisaufschläge bei einzelnen Artikeln", sagt AgV-Sprecher Christian Fronczak in Berlin, "aber keinen Besorgnis erregenden Trend.

Von einer groß angelegten Irreführung der Kundschaft weiß auch der Verbraucherzentrale e.V. -Bundesverband nichts zu berichten, der durch das Institut für angewandte Verbraucherforschung (IFAV) alle sechs Wochen Preisveränderungen aufzeichnen lässt. Zuletzt registrierte die Studie unter den 1093 beobachteten Artikeln, dass sich 82 von ihnen verteuerten, weil sie einen neuen Euro-Eckpreis erhielten. Im gleichen Zeitraum wurden aber auch 75 Produkte des IFAV-Warenkorbs billiger. "Preiserhöhungen werden stets bewusster wahrgenommen als Senkungen", glaubt Frank Horst, Berater beim renommierten Kölner Euro-Handelsinstitut (EHI). "Aus unseren Beratungen wissen wir aber, dass die Handelshäuser trotz der neuen Preiskalkulationen in der Summe wieder auf das gleiche Niveau kommen."

Das bestätigt die Nürnberger Marktforschungsgesellschaft GfK, die wochenweise ermittelt, was nahezu jeder der 200 000 Artikel im Lebensmittel-Einzelhandel kostet. "Tatsächlich haben Ritter-Schokolade und Milka ihre Preise erhöht", nimmt GfK-Manager Wolfgang Twardawa Bezug auf ein negatives Paradebeispiel des Statistischen Bundesamtes. Doch mit dem Euro habe das nichts zu tun: Twardawa: "Das sind vernünftige Marktanpassungen, nachdem Walmart im vergangenen Jahr die Preise nach unten gedrückt hat."

So sieht das Bundesfinanzministerium derzeit keine Veranlassung, regelnd in die Euro-Umstellung einzugreifen. Ein Sprecher: "Der harte Wettbewerb wird das regeln."

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