Handel und Gewerbe rechnen mit mehreren hundert Pleiten
Nach der Flut: Einzelhandel kämpft um Existenz

Das Hochwasser an der Elbe zwingt die zunehmend erschöpften Einsatzkräfte zum Kampf an immer neuen Fronten. Am Montag erreichte die Flut Norddeutschland. Dort steigen die Pegel schneller als erwartet, doch scheint die Höhe besser kalkulierbar zu sein als in Sachsen.

HB/ew/dc DÜSSELDORF. Dort beginnt inzwischen das große Aufräumen. Erste Bilanzen offenbaren die immensen Schäden. Rund vier Millionen Menschen sind direkt betroffen, sagte Bundespräsident Johannes Rau. Auch die Hinweise auf eine Umweltkatastrophe größten Ausmaßes verdichten sich.

Trotz der leichten Entspannung in den Hochwassergebieten an der Elbe ist die Lage nach zahlreichen Dammbrüchen weiterhin dramatisch. In den nördlichen Bundesländern ist für Mittwoch die zweite, gefährlichere Welle zu erwarten. Nach den Worten des niedersächsischen Umweltministers Wolfgang Jüttner (SPD) sei die Gefahr groß: "Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen." Fraglich ist vor allem, ob die Deiche aus DDR-Zeiten halten. Als sicher gilt Hamburg - hier ist der Schutz mit Blick auf die Fluten von See her moderner als am Mittel- und Oberlauf der Elbe. In Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein rüsten sich die Menschen, Deiche wurden verstärkt. Insgesamt haben Helfer und Bewohner rund 10 Millionen Sandsäcke aufgeschichtet. Inzwischen sind die Säcke knapp, die Behörden baten in Dänemark und Polen um Hilfe.

In Sachsen sinken die Pegel derweil deutlich. Dennoch bleibt die Lage riskant, da viele Deiche aufgeweicht sind und brechen könnten. Immer wieder bergen die Rettungskräfte neue Opfer aus Schlamm, Wasser und Ruinen. Die Zahl der Toten hat sich auf mindestens 15 erhöht. 26 Menschen sind vermisst, die Mehrzahl davon bereits seit Tagen. Nach Deichbrüchen haben die Wassermassen ganze Landstriche auch fernab der Elbe in Seenlandschaften verwandelt. Zehntausende Helfer von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk arbeiten hier rund um die Uhr.

Experten nehmen an, dass die Flut auch Umweltprobleme von noch unbekannten Ausmaßen verursachen könnte. Wegen versickerter Öle und anderer Schadstoffe wäre auch hier die Landwirtschaft besonders betroffen. Klar ist bereits, dass der in Dresden zurück gebliebene Schlamm komplett als Sondermüll gilt und entsprechend zu entsorgen ist. Immerhin scheint keine Gefahr für das bei Geesthacht an der Elbe gelegene Atomkraftwerk Krümmel zu bestehen: "Wir rechnen nach den gegenwärtigen Prognosen mit einem Pegel von 7,8 Meter, die Anlage ist bis zu 8,5 Meter gesichert", sagte der örtliche Landrat.

Nach ersten Schätzungen der Behörden sind allein in Sachsen weit mehr als 740 Kilometer Straßen und 180 Brücken zerstört. Die Bahn hat 538 Kilometer Schienenweg teils oder ganz verloren. Prompt legten gestern die Aktienkurse der meisten Baukonzerne zu: Bilfinger Berger und Hochtief gewannen rund 13 %, das Papier von Vossloh, einem Schienen- und Weichenhersteller, mehr als 11 %. Analysten meinten, der Anstieg sei übertrieben, auch wenn Baufirmen fraglos profitieren würden.

Verheerend sind dagegen die Folgen für den Handel in Sachsen. Gut 10 000 Geschäfte seien betroffen, sagte Eberhard Lucas, Landeschef des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE). "Mehrere hundert werden von der Bildfläche verschwinden", sagte er. Gegenüber dem Handelsblatt kündigte der HDE an, eine Hilfsaktion für Einzelhändler starten zu wollen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat zu Sach- und Geldspenden aufgerufen. Er bittet die Unternehmen ferner, ihre Geschäftskontakte trotz eventueller Lieferschwierigkeiten der Partner nicht einzufrieren.

Um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, hat die sächsische Landesregierung den Ladenschluss aufgehoben. In Dresden hat auch die Einkaufsmeile Prager Straße mit Filialen unter anderem von Peek und Cloppenburg und C&A unter der Flut gelitten. Bei zwei Häusern von Karstadt-Quelle drang Wasser in die Keller ein. Bei der Metro AG hat das Hochwasser 10 Filialen in Ostdeutschland beschädigt. Zahlreiche Mitarbeiter kämen wegen der Flutfolgen nicht zur Arbeit. Teilweise tauten größere Mengen Lebensmittel wegen der Stromausfälle auf - sie werden als Nothilfe kostenlos verteilt.

Wegen der Lage des Handels in der Region haben die Tarifpartner ihre für den 27. August anstehenden Verhandlungen für den Einzelhandel im Bezirk Sachsen verschoben. Wie Vertreter der Handelsverbände HDE und BAG betonten, wollen sie in den Gesprächen mit der Gewerkschaft Verdi darauf drängen, in dem Tarifabschluss besondere Rücksicht auf Belange geschädigter Betriebe zu nehmen.

"Wir können jetzt nicht einfach Business as usual machen", sagte HDE-Tarifexperte Heribert Jöris dem Handelsblatt. Denkbar sei eine Klausel, die die untertarifliche Bezahlung befristet erlaubt. In fast allen anderen Bezirken ist die Tarifrunde mit Erhöhungen von 3,1 % bereits abgeschlossen.

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