Handel wird sich zunächst auf Staatsanleihen konzentrieren.
Vietnam stolpert ins Börsen-Zeitalter

dpa HANOI/HO CHI MINH-STADT. Gleich am Anfang stand ein «Crash». Nicht, dass am ersten Probe-Börsentag Vietnams gleich die Kurse abgestürzt wären. Ein Stromausfall ließ die Bildschirme schwarz werden und Händler im Dunkeln stehen: An Stromgeneratoren hatte niemand gedacht. Auf eine elektronische Anzeige mussten Broker während des Testlaufs in der vergangenen Woche ganz verzichten - wegen eines Software-Fehlers. Das kommunistische Land stolpert ins Börsen-Zeitalter, und mancher Experte argwöhnt schon, nicht nur die Tücken der Technik könnten den Versuch ins Schlingern bringen.



Wenn im Juli Vietnams erster «echter» Börsentag auf dem nur 100 Quadratmeter großen Parkett in Ho Chi Minh-Stadt eingeläutet wird, sind gerade einmal zwei Firmen notiert: der Kühlgerätehersteller Refrigerator Electrical Engineering Corp. und die Cable & Telecommunications Material Co. Von ihrem Gesamtwert von weniger als 20 Millionen US-Dollar (21 Mio. Euro/42 Mio. DM) sollen nur 15 Prozent auf den Aktienmarkt im früheren Saigon kommen. Dagegen sind gleich fünf lizenzierte Broker-Unternehmen zur Stelle. «Das ist offensichtlich ein Problem», sagt Tran Quyet Thang, Chef der Handelsfirma Saigon Securities.



Firmen fürchten um nötige Transparenz



Etwa 40 privatisierte Staatsbetriebe gelten als Kandidaten für eine Notierung. Doch die Firmen zögern noch, nicht zuletzt, weil sie die für einen Börsengang nötige Transparenz fürchten, sagen Experten. Nach Meinung von Analysten wird sich der Handel deshalb erst einmal auf Staatsanleihen konzentrieren. Und Anleger werden zunächst vor allem unter Privatleuten zu finden sein.



Denn Kenner sind sich einig, dass sich institutionelle Anleger zunächst nicht in Ho Chi Minh-Stadt blicken lassen. «Auf den Radar- Schirmen dieser Anleger kommt die vietnamesische Börse nicht vor», sagt Analyst Mark Kenderdine-Davies. Händler Pham Uyen Nguyen bestätigt: «Für institutionelle Investoren wird der Markt zu Beginn nicht stabil genug sein. Die werden erst einmal abwarten.»



Geschäftsleute beklagen Ausbleiben von Wirtschaftsreformen



Auch sonst genießt Vietnam unter ausländischen Anlegern nicht mehr den allerbesten Ruf: Starre Bürokratie, hohe Kosten und ein fast unzugänglicher Binnenmarkt. Erst vor wenigen Tagen beklagten sich 250 Geschäftsleute bitterlich bei der greisen politischen Führung darüber, das Wirtschaftsreformen ausbleiben und potenzielle Investoren vergraulen. «Eine Verbesserung des Geschäftsumfelds tut in allen Bereichen Not», meinte ein deutscher Manager.



Die Idee einer Börse in Vietnam reicht in eine Zeit zurück, als sich Goldgräberstimmung im Lande Ho Chi Minhs breitmachte. Was Ende der 80er Jahre mit der «Doi Moi» genannten Erneuerung begann, schien das Land vom Armenhaus zu einem der erfolgreichsten «Tigerstaaten» zu machen. Zuwachsraten von über neun Prozent wurden zur Gewohnheit. Doch längst ist das System an starre Grenzen gelangt, die zweite Phase der Reform lässt auf sich warten. Auch als Folge der Asienkrise pendelt das Wachstum mittlerweile um die vier Prozent.



Manch einem macht es dennoch Hoffnung, dass es nach mehr als zehn Jahren des Wartens nun doch eine Börse in Vietnam geben soll. «Vielleicht ist das ein Zeichen, dass sich die Wirtschaft öffnet», sagt Analyst Kenderdine-Davies. Bisweilen ist auch purer Zweckoptimismus anzutreffen: «Es ist egal, ob eine oder zehn Firmen notiert sind», meint Dominic Scriven, dessen Kunden seit 1994 rund 25 Millionen US-Dollar in 17 privatisierte vietnamesische Betriebe pumpten. «Wenn es eine Börse gibt, bekennt man sich zum Konzept von Privatbesitz, zum Privatsektor und zum Recht auf eigene Gewinne.»



Vorerst haben die einheimischen Broker aber noch Mühe, mit dem Einzug des Börsen-Kapitalismus überhaupt Schritt zu halten. «Das ist alles ziemlich verwirrend», sagte Händler Pham Uyen Nguyen, als vor einer Woche zu Beginn des Probelaufs das System zusammenbrach. «Für jeden ist das ja alles völlig neu. Auch für die Behörden.»

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%