Handelsblatt-Branchengespräch
Asien wird zum Hoffnungsträger der Autoindustrie

Der Automarkt in Asien wird im kommenden Jahr für Stabilität sorgen. In Ländern wie China oder Thailand wird die Nachfrage tendenziell wachsen - und nicht zurückgehen wie in den USA und Europa. Impulse für den asiatischen Markt werden nächste Woche von der Tokio Motor Show erwartet.

HB DÜSSELDORF. Wegen der nachlassenden Nachfrage in Europa und Nordamerika setzt die Automobilindustrie stärker auf die asiatischen Märkte. In den Mittelpunkt des Interesses rückt insbesondere die Volksrepublik China. "China ist auf lange Sicht der stabilste Markt. Ein Markt, dessen Entwicklung sich am besten vorhersagen lässt", betonte BMW-Vertriebsvorstand Michael Ganal im Handelsblatt-Branchengespräch zur Automobilindustrie im Vorfeld der Tokio Motor Show.

Das dauerhaft zu erwartende Wirtschaftswachstum sorgt im "Reich der Mitte" auch für ein immer größeres Interesse am Auto. "In den nächsten fünf Jahren könnte sich der Autoabsatz in China verdoppeln", sagte Oliver Waschilowski vom Essener Prognose Marketing Systems. -Institut In diesem Jahr wird China voraussichtlich erstmals die Absatzmarke von 800 000 Autos erreichen. Auch in Börsen- und Finanzkreisen wird der stabilisierende Faktor Chinas gesehen. "Jetzt tritt Asien stärker in den Vordergrund", hob Aktienanalyst Jürgen Pieper vom Frankfurter Bankhaus Metzler hervor. Vor allem in den USA seien im nächsten Jahr Rückgänge beim Absatz zu erwarten. Die amerikanischen Autohersteller könnten es sich nicht länger leisten, ihre Verkaufszahlen über Rabatte künstlich hoch zu halten.

Auch die Automobilzulieferer spüren die angespannte Situation auf dem amerikanischen Markt. "Der Rückgang in den USA trifft uns extrem hart", bestätigte Michael Hankel, Vorstandsvorsitzender der FAG Automobiltechnik AG (Kugelfischer). Der Hersteller von Kugel- und Wälzlagern müsse darauf mit Einschnitten reagieren - auch auf der Personalseite. Umso wichtiger werde der asiatische Markt für die Zulieferer.

Große Hoffnungen setzt Hankel in den bevorstehenden Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO. In China sei dadurch ein neuer Wachstumsschub zu erwarten. Künstliche Handelsschranken wie Importzölle würden nach und nach abgebaut. FAG - das Unternehmen betreibt seit 1997 bereits eine eigene Fabrik im Umfeld des VW-Werkes Shanghai - wolle ein leistungs- und wettbewerbsfähiges Zuliefernetz aufbauen. Im Moment produziere FAG Shanghai noch zusätzlich für den Export. Wegen der hohen Wachstumsraten auf dem chinesischen Automarkt könne darauf in Zukunft verzichtet werden. China besitze gegenüber Korea und Japan wegen seiner niedrigeren Löhne einen Kostenvorteil.

Unterschiedliche strategische Ansätzen

Willi Diez, Professor am Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen, rät den Automobilherstellern zu unterschiedlichen strategischen Ansätzen in China. Einem Großserienhersteller wie VW bleibe gar nichts anderes übrig, als frühzeitig mit einer eigenen Produktion und hohen Stückzahlen nach China zu gehen. Ein Premiumanbieter wie BMW müsse sich hingegen langsam in den chinesischen Markt vortasten. "Premiumhersteller können zunächst nur die vorhandene Nachfrage abschöpfen", betonte Diez, eine eigene Produktion vor Ort sei anfangs nicht nötig.

Doch wegen des wachsenden Marktes rentiert sich bald auch für BMW eine Produktion in China. "Eine Gesetzesänderung ist absehbar", hofft Vertriebsvorstand Ganal. Bislang erhielt ein ausländischer Automobilhersteller in China nur dann eine Produktionslizenz, wenn er jährlich eine Mindestfertigung von 125 000 Autos erreichte. Das ist für BMW zu viel. Der Münchener Konzern gibt sich nach den Worten Ganals mit "einigen Zehntausend Autos" zufrieden.

BMW glaubt, dass Peking schon bald den rechtlichen Rahmen für eine kleinere Pkw-Fertigung schaffen könnte. Den in China stets unverzichtbaren lokalen Joint Venture Partner besitzen die Münchener mit dem Fahrzeughersteller Brilliance China Automotive Holdings (Shanghai) bereits. BMW würde in China keine komplette Autofabrik errichten, sondern nur in Deutschland vorgefertigte Bausätze montieren lassen. Eine solche Produktion mit geringer Fertigungstiefe würde BMW dann am liebsten mit bekannten deutschen Zulieferern aufbauen. Ganal: "Sie kennen unsere Prozesse."

Der Automobilindustrie ist bewusst, dass sich in Asien künftig nicht alle Ziele erreichen lassen. BMW bleibt derzeit in seinem thailändischen Werk Amata Ctiy unter den geplanten Produktionszahlen. Der Grund: "Die Umsetzung der Afta-Regeln stockt", erläuterte Marketing-Systems-Experte Waschilowski. Die Einführung der südostasiatischen Freihandelszone Afta verzögert sich, der BMW-Export in Länder außerhalb Thailands bleibt so zurück.

Schwierig ist auch die Lage im entwickelten Markt Japan. "Das Land kommt seit zehn Jahren nicht voran", beklagte Analyst Pieper. Die stärkste Volkswirtschaft Asiens sei von Stagnation geprägt - und nicht von Wachstum.

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