Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator gibt weiter nach
Die Konjunktur im Euro-Raum kühlt sich ab

Das Vertrauen von Industrie und Konsumenten in die Konjunktur lässt nach. Die gleitende Jahreswachstumsrate in der Eurozone dürfte im zweiten Quartal erstmals wieder unter die Marke von drei Prozent sinken. Die monetären Rahmenbedingungen haben sich zuletzt entspannt. Damit entsteht Spielraum für Zinssenkungen.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt- Eurokonjunktur-Indikator ist im Februar erstmals seit November 1999 wieder unter die 3 %-Marke gesunken. Mit 2,9 % nach 3 % im Januar und Dezember setzte er seinen vor einem halben Jahr begonnenen Abwärtskurs fort. Ausschlaggebend war eine merkliche Eintrübung des Industrievertrauens. Auch die Zuversicht der Konsumenten hat etwas nachgelassen.

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Dagegen hat sich die Industrieproduktion im Euro-Raum zuletzt wieder erholt. Die Kapazitätsauslastung blieb bis zum Jahresbeginn hoch. Bei nur noch moderat steigender Geldmenge und nachlassender Inflation haben sich die monetären Rahmenbedingungen etwas entspannt. Zwar ist im zweiten Quartal mit einer Wachstumsverlangsamung auf knapp unter 3 % zu rechnen, übertriebene Konjunktursorgen sind jedoch nicht gerechtfertigt.

Die Industrieproduktion im Euro- Raum - erstmals unter Einschluss von Griechenland - ist im November 2000 mit einem saisonbereinigten Plus von 0,9 % gegenüber dem Vormonat recht kräftig gestiegen. Freilich war ein Rückgang von 0,5 % im Vormonat vorausgegangen. In den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator geht die Industrieproduktion als stark geglätteter Trendwert ein. Daran gemessen lag der trendmäßige Jahreszuwachs im Herbst noch immer über 1 %, jedoch hat sich die Dynamik gegenüber den Sommermonaten deutlich abgeschwächt.

Das Industrievertrauen hat sich im Januar mit Ausnahme von Irland. Luxemburg und Finnland in allen Ländern der Eurozone verschlechtert. Sowohl die Produktionserwartungen als auch die Auftragseingänge gaben zum Vormonat deutlich nach. Offenbar ging die Nachfrageabschwächung weniger vom Export als von der Inlandsnachfrage aus. Der wiedererstarkte Euro scheint also derzeit nicht die Hauptsorge der befragten Unternehmen zu sein. Insgesamt blieb der Indikator des Industrievertrauens mit 2 Punkten aber immer noch im positiven Bereich.

Im Gegensatz zum Industrievertrauen hat sich das Konsumentenvertrauen im Januar nur leicht abgeschwächt. Stützend wirkte vor allem die Stimmungsverbesserung in Deutschland und Frankreich. Aber auch im Euro- Raum insgesamt beurteilen die Konsumenten die Aussichten wesentlich günstiger als die vorherigen zwölf Monate. U.a. hat die Sorge um Preisniveaustabilität etwas nachgelassen.

Der Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex ist im Dezember von zuvor 2,9 % auf 2,6 % zurückgegangen. Maßgeblich dafür waren die nachgebenden Ölpreise und der wiedererstarkte Eurokurs. Die Europäische Zentralbank rechnet in ihrem jüngsten Monatsbericht mit einem weiteren Rückgang der Teuerungsrate im Jahresverlauf. Die steigenden Lebensmittelpreise im Zusammenhang mit der BSE-Krise könnten diesen Prozess allerdings verzögern.

Die nachlassenden Risiken für die Preisniveaustabilität geben der Zentralbank durchaus Spielraum für eine Zinssenkung in den kommenden Wochen. Zudem befindet sich die Geldmengenexpansionsrate weiterhin auf dem Rückzug. Im Dezember lag die Geldmenge M3 mit 4,9 % erstmals wieder um weniger als 5 % unter ihrem entsprechenden Vorjahresstand. Auch die in den Handelsblatt-Indikator eingehende Zuwachsrate der enger gefassten Geldmenge M2 hat sich von 3,7 % im Vormonat auf 3,6 % weiter ermäßigt. Saisonbereinigt ging M2 im Dezember sogar erstmals wieder um 0,2 % zurück. Angesichts der langen Zeitverzögerung zwischen dem geldpolitischen Instrumenteneinsatz und seinen Auswirkungen könne es allmählich Zeit werden für ein vorsichtiges Gegensteuern.

Die Marktzinsen sind auch im Januar quer über alle Laufzeiten weiter gesunken. Im Monatsdurchschnitt fiel der Dreimonatszins Euribor von 4,93 % auf 4,77 %, die Durchschnittsrendite zehnjähriger Staatsanleihen ermäßigte sich von 5,07 % auf 5,01 %. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Zinsdifferenz ist dadurch erstmals wieder leicht von 0,1 auf (gerundete) 0,2 Prozentpunkte gestiegen. Zwar kam der Zinsrückgang im Verlauf des Januar erst einmal zum Stillstand. Im Fall der Zehnjahresrendite hat er sich - wohl unter dem Einfluss steigender US-Kapitalmarktzinsen - sogar in der Tendenz wieder umgekehrt. Gleichwohl bleibt das niedrige Zinsniveau ein wichtiger positiver Faktor bei der Einschätzung der künftigen Konjunkturaussichten im Euro-Raum.

Das Wachstum in der Eurozone im dritten Quartal 2000 - über das die amtlichen Zahlen derzeit nicht hinausreichen - hat der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator mit 3,5 % in gleitender Jahresrate punktgenau vorausgesagt. Die Einbeziehung Griechenlands in die Berechnung ändert an dieser Zuwachsrate nichts. Das Niveau des Bruttoinlandsproduktes im Euro- Raum erhöht sich durch das neue Mitgliedsland lediglich um knapp 1,8 %.

Für das vierte Quartal und damit für das Gesamtjahr 2000 lässt der Handelsblatt-Indikator eine leichte Steigerung der Wachstumsrate auf 3,6 % erwarten. Erst danach ist mit 3,3 % im ersten Quartal 2001 sowie etwa 2,9 % im zweiten Quartal (letzter Wert auf Basis von zwei Monatswerten des Indikators geschätzt) eine Abflachung des Wachstumstrends zu erwarten.

Dieser Konjunkturverlauf steht in Einklang mit der von der EU-Kommission alle drei Monate erhobenen Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe. Sie hat im Januar 2001 gegenüber Oktober 2000 nur leicht von 84,6 % auf 84,4 % abgenommen. Dieser verhältnismäßig geringfügige Rückgang ist zugleich ein Indiz dafür, dass die Konjunktur im Euro-Raum nach wie vor vergleichsweise robust ist. Sorgen um einen starken Einbruch oder gar eine drohende Rezession erscheinen derzeit jedenfalls wenig begründet.

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