Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator steigt auf 3,7 Prozent
Euro-Konjunktur bleibt im Aufwind

Die Euro-Wirtschaft läuft prächtig: Produktion und Kapazitätsauslastung in der Industrie nehmen weiter zu. Mit der anziehenden Konsumnachfrage steigen freilich die Inflationsrisiken.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator ist im August auf 3,7 % gestiegen. Mit der zweiten Aufwärtsbewegung in Folge hat der Indikator seinen Kletterkurs wieder aufgenommen. Im Frühjahr hatte der Indikator vier Monate lang auf hohem Niveau verharrt. Die Entwicklung deutet auf eine zunächst noch weiter zunehmende Konjunkturdynamik im Euroraum hin.

Die Konsumnachfrage dürfte dabei zunehmend zur zweiten Säule des Aufschwungs neben der Export- und Investitionskonjunktur werden. Damit nehmen zugleich die Risiken für die Geldwertstabilität zu. Trotz allmählich enger werdender monetärer Rahmenbedingungen ist die Inflationsrate im Euro-Raum im Juni auf 2,4 % gestiegen.

Eine lebhafte Industriekonjunktur

Im Zentrum des Aufschwungs steht nach wie vor die überaus lebhafte Industriekonjunktur. Der Indikator des Industrievertrauens erreichte im Juli zwar nicht ganz das Rekordniveau des Vormonats. Mit 7 Punkten blieb er aber nur wenig dahinter zurück. Auch die Kapazitätsauslastung des Verarbeitenden Gewerbes ist nochmals gestiegen. Sie lag im Juli mit knapp 84 % deutlich über dem langjährigen Durchschnitt von 81,6 %. Seit Ende letzten Jahres hat die Zahl der Unternehmen, die für die nähere Zukunft mit Kapazitätsengpässen rechnen, kräftig zugelegt. Die Firmen erwarten vor allem vom Export weiter zunehmende Nachfrageimpulse. Angesichts der anhaltenden Euro-Schwäche kann das nicht verwundern.

Die Industrieproduktion (ohne Bau) setzte im Mai ihren Expansionskurs ungebrochen fort. Sie stieg saisonbereinigt um 0,8 % gegenüber dem Vormonat. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres hat die Industrieproduktion insgesamt bereits um 3,3 % zugelegt, wobei die Dynamik zuletzt in Deutschland und Italien am stärksten war.

Diese gute Industriekonjunktur dürfte sich vorerst fortsetzen. Zwar sind die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe zuletzt etwas schwächer ausgefallen. Vermehrt planen die Unternehmen aber die Einstellung neuer Mitarbeiter. Das ist sicheres Indiz für einen anhaltenden Aufschwung der Industrie.

Beschäftigungsplus stärkt privaten Verbrauch

Schätzungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigen, dass die gesamte Beschäftigung im Euro- raum von Januar bis März saisonbereinigt um 0,5 % zum Vorquartal zugelegt hat. Das ist eine Beschleunigung im Vergleich zur Entwicklung in den vorherigen Quartalen (0,3 % und 0,4 %). Die EZB schreibt im Monatsbericht für August, dass sich das kräftige Beschäftigungswachstum auch von April bis Juni fortgesetzt haben dürfte. Diese bessern Aussichten auf dem europäischen Arbeitsmarkt dürften auch die Verbraucher ermuntern, ihre Kaufzurückhaltung allmählich abzulegen.

Der von der Europäischen Kommission ermittelte Indikator des Verbrauchervertrauens ist im Juli nach der leichten Abschwächung vom Vormonat erneut gestiegen. Mit zuletzt 0 Punkten liegt er nach wie vor nahe an seinem historischen Höchststand. Auch die Einzelhandelsumsätze deuten auf eine verstärkte private Nachfrage hin: Von Februar bis April lagen sie nach Schätzungen von Eurostat um 2,6 % über dem Vorjahresstand. Zudem haben die Neuzulassungen von Pkw zuletzt wieder zugenommen. Damit entwickelt sich der private Konsum zunehmend zu einer zweiten Säule des Aufschwungs. Dieser war bisher vor allem vom Export und von den Investitionen getragen. Das Übergreifen der Auftriebskräfte auf den privaten Konsum entspricht dem typischen Muster der Konjunktur in Europa.

Nachdem die Inflationsrate im bisherigen Verlauf des Aufschwungs weitgehend unter 2 % gehalten werden konnte, hat sie diese Marke im Juni mit 2,4 % erstmals deutlich überschritten. Verantwortlich waren dafür hauptsächlich außenwirtschaftliche Faktoren, namentlich der schwache Euro und die hohen Ölpreise.

Gleichwohl sind die wachsenden Risiken für die Geldwertstabilität im Euroraum nicht zu übersehen. Die EZB betonte vergangene Woche im Monatsbericht August die günstigen Wirtschaftsaussichten und die damit verbundenen Preisgefahren. Auch gebe es erste Anzeichen dafür, dass die höheren Erzeugerpreise allmählich auf die Konsumgüterpreise durchschlagen. Die EZB warnt davor, dass derartige indirekten Wirkungen des Ölpreisanstiegs und der langen Zeit der Euro-Schwäche zu einem länger anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Preise führen könnten.

Allerdings zeigt der vorsichtige Übergang der Zentralbank zu einer allmählich restriktiveren Geldpolitik inzwischen erste Wirkung, wenn auch vorerst nur bei den monetären Daten. Das Wachstum der Geldmenge M2, die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingeht, lag im Juni bei nur noch 4,1 %, nach 4,6 % im Mai. Auch die Zuwachsrate der weiter gefassten Geldmenge M3 hat sich in den vergangenen Monaten kontinuierlich verringert. Sie ist im Juni weiter von 5,9 % auf 5,4 % gefallen.

Maßvolle Erhöhung der Marktzinsen

Damit nähert sich die Geldmengenexpansion langsam dem mittelfristigen Zielpfad von 4,5 % für M3, der nach wie vor im Zentrum der geldpolitischen Strategie der EZB steht.

Die EZB mahnt im jüngsten Monatsbericht jedoch, kurzfristige Veränderungen der Geldmenge M3 wie im Juni nicht überzubewerten. Zusammen mit den Warnungen der EZB vor Risiken für die Preisstabilität wurde dies vielfach als Signal verstanden, dass eine Zinserhöhung spätestens im September ins Haus steht.

Für den bisherigen Erfolg des vorsichtigen Manövrierens zwischen Inflationsdämpfung und Aufrechterhaltung des Aufschwungskräfte spricht die nur maßvolle Erhöhung der Marktzinsen im bisherigen Jahresverlauf. Auch im Juli hielt sich der Anstieg des Drei-Monatszinses Euribor von 4,50 % auf 4,58 % in engen Grenzen, ebenso wie die Zunahme der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von 5,35 % auf 5,45 %. Die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen, die mit positivem Vorzeichen in den Eurokonjunktur-Indikator eingeht, verharrte damit unverändert bei 1,9 Prozentpunkten.

Gerade das nach wie vor vergleichsweise niedrige Niveau des Kapitalmarktzinses deutet darauf hin, dass die Märkte derzeit keine deutliche Inflationsbeschleunigung erwarten. Dies ist ein günstiger Umstand auch für die tatsächliche Entwicklung des Geldwertes: Steigende Inflationserwartungen können sich sehr leicht selbst bestätigen, hatte die EZB noch im Juli hervorgehoben.

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