Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator stagniert
Mühsamer Marsch aus der Talsohle in Euroland

Die Konjunkturlage in Euroland bleibt weiter unsicher. Einerseits haben sich Auftragslage und Stimmung der Unternehmen zuletzt etwas erholt, die Kapazitätsauslastung ist erstmals seit zwei Jahren wieder angestiegen. Andererseits sind die Verbraucher durch den ausgebliebenen Aufschwung stark verunsichert worden.

HB DÜSSELDORF. Die Konsumentenstimmung ist mittlerweile fast wieder auf ihrem Tiefpunkt vom vergangenen Jahr angekommen. Sowohl für die eigene finanzielle Lage als auch für die allgemeine ökonomische Situation sehen Mann und Frau auf der Straße derzeit Schwarz. Dazu dürften freilich auch die Monat für Monat nach unten korrigierten Konjunkturprognosen beigetragen haben, die sich jetzt gewissermaßen selbst bestätigen. Im zweiten Quartal ist das saisonbereinigte Inlandsprodukt in Euroland jüngsten Berechnungen zufolge ebenso wie im ersten Vierteljahr nur um 0,4 % angestiegen. Weiterreichende amtliche Zahlen liegen noch nicht vor, jedoch dürfte auch das dritte Quartal nur unwesentlich besser gelaufen sein.

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Immerhin: Rezessionsängste braucht man derzeit wohl nicht zu haben. Die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe ist im Oktober erstmals seit zwei Jahren von 81,0 % auf 81,5 % wieder nennenswert gestiegen. Auch das Deflationsgespenst scheint sich erst einmal wieder in seine Kammer zurückgezogen zu haben. Die Inflationsrate in Euroland blieb im September ebenso wie im August mit 2,1 % knapp über der Toleranzgrenze der Europäischen Zentralbank. Die Zuwachsrate der Geldmenge M1 ist im September sogar noch einmal leicht auf 8,1 % angestiegen. Auch die für die EZB maßgebliche Geldmenge M3 liegt mit zuletzt 7,1 % weit über dem mittelfristig anvisierten Zielpfad von 4,5 %. Bei dieser Datenlage könnte man eine Leitzinssenkung bestenfalls mit psychologischen Gründen rechtfertigen. Damit stünde aber die Glaubwürdigkeit des gesamten geldpolitischen Zwei-Säulen-Konzeptes auf dem Spiel. Ein solcher Schuß könnte daher leicht nach hinten losgehen.

Fraglich ist auch, was eine Leitzinssenkung überhaupt bewirken sollte. Denn die Marktzinsen sind schon ausgesprochen niedrig. Der Dreimonatszins Euribor sank im Oktober nochmals von 3,31 auf 3,26 %, und die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen dürfte ihr Vormonatsniveau von rund 4,5 % zumindest gehalten haben. Was die Konjunktur in Euroland derzeit dringend braucht, ist mehr Vertrauen, nicht mehr Liquidität. Hier ist vor allem die Wirtschaftspolitik Deutschlands gefragt, das mit zuletzt 0,3 % Wachstum nach wie vor unter dem Durchschnitt der anderen Euroländer lag.

Der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator hat im November auf seinem Vormonatswert von 1,9 % stagniert. Er liegt damit etwa auf dem Niveau der Prognose im Herbstgutachten der Forschungsinstitute für das kommende Jahr von 1,8 %. Im laufenden Jahr wird zwar aller Voraussicht nach nur ein wesentlich niedrigeres Wachstum erreicht werden. Trotzdem dürfte sich die Eurozone allmählich aus dem Konjunkturtal herausarbeiten. Dafür spricht auch die allmählich wieder ansteigende Industrieproduktion, für die allerdings derzeit nur Daten bis einschließlich August vorliegen. Von einem neuen Aufschwung kann jedoch noch lange keine Rede sein.

Die aktuellen Einzelgrößen (Gewichte in Klammern)

  • Das Industrievertrauen (Gewicht: 33,6 %) hat sich von-12 Punkten im August und September überraschend auf-10 Punkte im Oktober erholt. Besonders ermutigend ist, daß dies in allen Euroländern der Fall war mit Ausnahme von Spanien, wo das Industrievertrauen stabil blieb.


  • Das Konsumentenvertrauen (Gewicht: 8,9 %) hat dagegen Oktober einen herben Rückschlag von-9 auf-12 Punkte erlitten. Am stärksten ist es in Deutschland eingebrochen, nämlich um volle 6 Punkte. Der Tiefpunkt von-13 Punkten im November letzten Jahres in Euroland ist damit fast wieder erreicht.


  • Die Industrieproduktion (Gewicht: 21,0%) setzte im August ihre Achterbahnfahrt fort, diesmal mit einem saisonbereinigten Zuwachs von 0,6% (nach-0,8% im Vormonat). Der in den Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator eingehende mittelfristige Trend weist indessen mit derzeit +0,7% weiterhin nach oben.


  • Die Geldmenge M1 (Gewicht: 19,9 %) hat im September mit (vorläufigen) 8,1 % nochmals weiter über ihrem Vorjahreswert gelegen als im Vormonat (korrigierte 8,0 %). Ihre saisonbereinigte Zuwachsrate hat sich sogar massiv von 0,7 % auf 1,6 % beschleunigt. Ähnliches gilt auch für die weiter abgegrenzte Geldmenge M3, so daß sich diesmal - anders als im Vormonat - keineswegs nur Umschichtungen hin zu liquideren Analagen dahinter verbergen.


  • Der harmonisierte Verbraucherpreisindex für die 12 Euroländer (Gewicht: 3,9 %) lag im September ebenso wie im August um 2,1 % über Vorjahresstand. Die Unterschiede in den einzelnen Euroländern sind allerdings beträchtlich und lassen Inflations- ebenso wie Deflationsbefürchtungen aufkommen - das Dilemma einer gemeinsamen Währung.


  • Die Zinsdifferenz (Gewicht: 12,7 %) ist im Oktober vorläufigen Daten mit 1,2 % praktisch unverändert geblieben. Während der Dreimonatszins Euribor noch einmal von 3,31 % auf 3,26 im Monatsdurchschnitt gesunken ist, dürfte die Rendite 10jähriger Staatsanleihen bei rd. 4,5 % annähernd stabil geblieben sein.
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