Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator stagniert – Vertrauensindikatoren aktuell nicht verfügbar
Eurokonjunktur ohne Schubkraft

Der Schwung ist erst mal raus: Nach achtmonatigem Anstieg in Folge stagniert der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator im September erstmals wieder. Schuld daran ist vor allem die Verunsicherung von Investoren und Konsumenten, wenngleich dafür keine aktuellen Zahlen vorliegen. Die harten Konjunkturdaten sind aber bislang gar nicht so schlecht - für Konjunkturpanik besteht jedenfalls vorerst kein Anlaß.

HB DÜSSELDORF. Ausgerechnet in der gegenwärtigen, kritischen Konjunktursituation fehlt eine ganz wichtige Information: Im September veröffentlicht die Europäische Kommission traditionell keine neuen Umfragewerte, so daß man für die Stimmungslage von Investoren und Konsumenten im Euroraum nur auf nationale Quellen zurückgreifen kann. Das seit drei Monaten rückläufige Ifo-Geschäftsklima in Deutschland deutet allerdings auf eine weiterhin eher kritische Stimmungslage hin. Im Juni und Juli hatte das Industrievertrauen im Euroraum bei jeweils-10 Punkten stagniert; im August dürfte es sogar leicht gesunken sein. Dabei sollte aber nicht übersehen werden, daß das Niveau immer noch wesentlich höher liegt als im vergangenen Winter mit dem Tiefpunkt von-18 Punkten im November.

>>Tabellen und Grafik

Dagegen lag das Konsumentenvertrauen mit ebenfalls-10 Punkten im Juli nur noch wenig über seinem damaligen Tief von-12. Inzwischen haben sich nicht nur die allgemeinen Konjunkturperspektiven, sondern auch die Beschäftigungslage im Euroraum weiter eingetrübt. Die standardisierte Arbeitslosenquote ist saisonbereinigt von 8,2% im März auf 8,4% im Juni gestiegen. Wachsende Sorgen um den Arbeitsplatz und die drohende Kriegsgefahr im Irak dürften das Konsumentenvertrauen im August vermutlich weiter eingetrübt haben.

Bei alledem sind die harten Konjunkturdaten im Euroraum aber noch immer recht günstig und signalisieren weiterhin eine konjunkturelle Besserung, wenn auch inzwischen ohne besondere Schubkraft. So hat sich die Industrieproduktion im Juni um 0,5% erhöht, maßgeblich bedingt durch ein Plus von 1,7% in Deutschland. Dabei spielten zwar die streikbedingten Produktionsausfälle vom Mai eine Rolle, die zumindest teilweise im Folgemonat wieder aufgeholt wurden. Aber auch abgesehen von solchen technischen Reaktionen und monatlichen Zufallsschwankungen zeigt die Industrieproduktion in Euroland trendmäßig nach wie vor nach oben. Ihren saisonbereinigten Tiefstand vom vergangenen November überschritt sie zuletzt um immerhin 1,5%.

Auch von der monetären Seite steht die Konjunkturampel weiterhin klar auf grün. Die Zuwachsrate der Geldmenge M1 war mit 7,3% im Juni nur geringfügig kleiner als im Vormonat und signalisiert eine nach wie vor sehr reichliche Liquidität im Euroraum. Unterstrichen wird dies von dem nochmals gesunkenen Zinsniveau bei weiterhin stabilen Preisen. Die Inflationsrate im Euroraum ist zwar im Juli leicht von 1,8% auf 1,9% gestiegen, liegt damit aber weiterhin unterhalb der magischen Grenze von 2%, welche für die Europäische Zentralbank die Toleranzschwelle ist. Auch wenn sich dahinter sehr unterschiedliche Preisentwicklungen in den einzelnen Mitgliedsländern verbergen und die Inflationsrate beispielsweise in Deutschland nur etwa halb so hoch ist, sind das an sich fast ideale monetäre Rahmenbedingungen, die weder Inflations- noch Deflationsgefahren für die nächste Zeit realistisch erscheinen lassen. Die EZB dürfte daher rexht daran getan haben, nicht an der Zinsschraube zu drehen. Ohnehin kann sie in labiler konjunktureller Lage nicht viel bewegen. Wenn überhaupt, dann wäre jetzt die Finanzpolitik gefragt, die aber in den meisten Euroländern ihr Pulver in Form von Defiziten nahe oder oberhalb der 3%-Grenze längst verschossen hat.

Für konjunkturelle Panikmache besteht allerdings auch kein Anlaß. Der Kreislauf des europäischen Konjunkturpatienten ist stabil, ein Kollaps ist nicht zu befürchten. Bis er wieder zu Kräften kommt, ist allerdings mehr Geduld von Nöten als noch vor einem halben Jahr von vielen angenommen worden war. Der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator hatte schon damals der weitverbreiteten Auffassung widersprochen, der Aufschwung werde bereits im ersten Halbjahr einsetzen. Inzwischen stellt sich heraus, daß sogar sein für das zweite Quartal vorhergesagter, bescheidener Wachstumstrend von 1% (in gleitender Jahresrate) noch zu optimistisch war - tatsächlich sind es nur 0,6% geworden, nach 0,9% im ersten Vierteljahr.

Ausgehend von dieser enttäuschend niedrigen Basis dürfte auch der aktuelle Indikatorwert von 1,8% im Niveau zu hoch sein, was das zu erwartende Jahreswachstum im Euroraum betrifft. Wichtiger als die exakte Wachstumsrate ist jedoch das Verlaufsbild der Konjunktur, und dieses ist weiterhin nach oben gerichtet. Vorausgesetzt es kommt nicht zu außergewöhnlichen Ereignissen wie etwa einem Krieg im Irak, neuen Terroranschlägen oder einem massiven Ölpreisanstieg, dürfte sich die wirtschaftliche Erholung in Euroland weiter fortsetzen, wenn auch vorerst nur in verhaltenem Tempo. Man sollte auch nicht vergessen, daß zur Zeit harte Konjunkturdaten wie Auftragseingänge und Produktionszahlen überwiegend erst für das erste Halbjahr vorliegen. Es ist also noch vieles drin, wenn es gut läuft auch noch ein Wachstum von deutlich über 1% im Euroraum.

Die aktuellen Einzelindikatoren:

- Für Industrievertrauen und Konsumentenvertrauen liegen zur Zeit keine über Juli hinausgehenden Umfragewerte auf europäischer Ebene vor. Nationale Umfragen lassen jedoch vermuten, daß sich beide Indizes von zuletzt-10 Punkten im August weiter leicht eingetrübt haben.

- Die Industrieproduktion ist saisonbereinigt im Juni um 0,5% gestiegen. Einem Anstieg im Frankreich um 0,1% standen dabei Rückgänge in Spanien (-0,2%) und Italien (-0,9%) gegenüber. Der hohe Zuwachs in Deutschland von 1,7% muß im Zusammenhang mit dem streikbedingt starken Rückgang vom Vormonat um 1,3% gesehen werden.

- Die Geldmenge M1 lag im Juli um 7,3% höher als vor Jahresfrist, nach 7,4% im Vormonat. Ihr saisonbereinigter Zuwachs gegenüber dem Vormonat betrug unverändert 0,7% und war damit nicht mehr ganz so hoch wie im April und Mai mit jeweils über 1%. Auch die Dynamik des Geldmengenwachstums in der Abgrenzung M3 hat sich etwas beruhigt; mit zuletzt 7% liegt es aber noch immer deutlich über dem Zielpfad von 4,5%.

- Der Dreimonatszins Euribor ist im August von 4,41% auf (geschätzte) 3,35% gefallen und liegt damit etwa wieder auf dem Niveau vom Januar. Die Rendite 10jähriger Staatsanleihen dürfte nach vorläufiger Berechnung wesentlich stärker von 5,01 auf etwa 4,85% gesunken sein. Die in den Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator eingehende Zinsdifferenz hat sich damit von 1,6 auf 1,5 Punkte reduziert, gibt damit aber immer noch ein positives Konjunktursignal.

- Das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum hat sich im zweiten Quartale saisonbereinigt um 0,3% gegenüber dem Vorquartal erhöht, nach 0,4% im ersten Vierteljahr. Der Abstand zum entsprechenden Vorjahresstand stieg zwar von 0,1% auf 0,6%, trotzdem war die aktuelle Entwicklung enttäuschend, zumal auch die Kapazitätsauslastung unverändert blieb. Im dritten Quartale dürfte sich der Wachstumstrend aber etwas beschleunigen.

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