Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator steigt nochmals an
Eurokonjunktursegel flattern im Wind

Noch ist der Aufschwung nicht gesichert. Der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator hat sich zwar auch im Juli nochmals auf 1,6 % verbessert, aber damit könnte vorläufig das Ende der Fahnenstange auch schon erreicht sein.

HB DÜSSELDORF. Derzeit deutet jedenfalls wenig auf eine noch weiter zunehmende Wachstumsdynamik hin. Vor allem dem bisherigen Zugpferd des Exports droht unter dem Eindruck einer labilen Weltkonjunktur und des steigenden Eurokurses die Luft auszugehen. Die Unternehmen im Euroraum haben bereits ihre Exporterwartungen zurückgeschraubt, wie die entsprechende Umfrage der EU-Kommission für Juni zeigt. Auch insgesamt hat sich das Industrievertrauen erstmals seit acht Monaten wieder verschlechtert. Vor allem rückläufige Auftragseingänge und wieder zunehmende Lagerbestände drücken auf die Stimmung. Zudem berichteten die Unternehmen zuletzt auch über eine rückläufige Produktion, vor allem im streikgeschüttelten Deutschland.

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Allerdings: Die Entwicklung in den einzelnen Ländern des Euroraums ist derzeit recht heterogen. So hat sich das Industrievertrauen zuletzt in Spanien weiter verbessert und ist in den Niederlanden und Belgien zumindest unverändert geblieben. Daß der steigende Eurokurs offenbar wesentlich zur Verunsicherung beiträgt, kann man auch daraus ersehen, daß der Optimismus in den Nicht-Euroländern weithin ungebrochen ist. Im Euroraum freilich flattern die Konjunktursegel derzeit nach einem halben Jahr langsamer, aber stetiger Erholung wieder etwas im Wind.

Die positive Seite der Wechselkursentwicklung ist der nachlassende Preisdruck, der durch den neuerdings wieder sinkenden Ölpreis noch unterstützt wird. Im Mai sank die Inflationsrate im Euroraum erstmals wieder auf den Zielwert von 2 %, und im Juni dürfte sie ersten Schätzungen zufolge weiter auf 1,7 % nachgegeben haben. Auch die Inflationserwartungen der Unternehmen und Konsumenten im Euroraum sind im Juni zurückgegangen. Nachdem die Europäische Zentralbank vor zwei Wochen praktisch schon die Hand an die Zinsschraube gelegt hatte, ist sie angesichts der jüngsten Entwicklung jetzt erst einmal wieder zurückgezuckt.

Auch die Marktzinsen haben weiter nachgegeben, vor allem am Kapitalmarkt, wo die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen im Juni von 5,3 % auf (geschätzt) 5,1 % gesunken ist. Hintergrund dafür ist natürlich auch die Krise an den Aktienmärkten, welche die Anleger in die sicheren Anleihen fliehen läßt. Immerhin scheinen sie aber auch das Vertrauen zu haben, daß sich die Zinsen in absehbarer Zeit nicht dramatisch erhöhen werden. Nach wie vor hängt allerdings ein hoher Geldmengenüberhang wie ein Damoklesschwert über der weiteren Entwicklung. Im Mai lag die Geldmenge M3 bereits um nicht weniger als 7,8 % über ihrem Vorjahresstand, mit zuletzt sogar steigender Tendenz.

Konjunkturunsicherheit, Sondereffekte und Eurostärke hin oder her - diesen Tiger sollte die EZB nicht zu lange reiten. Vor allem deswegen nicht, weil die Folgen für die Preisniveaustabilität erfahrungsgemäß erst nach mehr als zwei Jahren sichtbar werden. Dann aber ist es für ein Gegensteuern längst zu spät.

Insgesamt signalisiert der Handelsblatt-Eurokonjunkturindikator zwar eine Belebung des bisher eher dahindümpelnden Wachstums im Euroraum im dritten Quartal auf etwa 1,3 % (in gleitender Jahresrate). Gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal würde das immerhin einen Zuwachs von knapp. 4 % bedeuten. Im ersten Vierteljahr hatte das BIP im Euroraum gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal in saisonbereinigter Rechnung um 0,3% höher gelegen, was fast genau der entsprechenden Prognose des Handelsblatt-Eurokonjunkturindikators (0,5%) entsprach. Bereits für das zweite Vierteljahr läßt der Eurokonjunkturindikator einen Anstieg dieser Rate auf 2 % erwarten.

Auf das gesamte Jahr gesehen könnte durchaus ein Wachstum von rd. 1,5 % im Euroraum erreicht werden, vielleicht sogar noch mehr. Zusätzliche Dynamik ist derzeit nicht absehbar, ließe sich aber auch durch eine expansive Geldpolitik kaum erzielen. Andererseits gibt es auch keine Anzeichen für ein abruptes Ende des Aufschwungs. Grund genug also für die EZB, ihr Augenmerk jetzt wieder ganz auf die mittelfristigen Inflationsrisiken zu lenken.

Die Entwicklung der Einzelwerte:



  • Das Industrievertrauen hat sich im Juni - erstmals seit November letzten Jahres - wieder leicht von-9 auf-10 Punkte verschlechtert. Am stärksten ging der Produktionstrend der letzten sechs Monate zurück, nämlich von-4 auf-9 Punkte. Hauptverantwortlich dafür war Deutschland, sicher zuletzt auch bedingt durch die Arbeitskämpfe.





  • Das Konsumentenvertrauen gab im Juni ebenfalls von-8 auf-9 Punkte nach, besonders stark in Deutschland mit einem Minus von drei Punkten. Die Verbraucher sehen vor allem die allgemeine ökonomische Situation wieder etwas skeptischer und halten die Taschen weiter zugeknöpft. Die Bereitschaft zu größeren Anschaffungen erreichte im Juni einen neuen Tiefstand.





  • Die Industrieproduktion gab im April nach viermonatigem Anstieg in Folge erstmals wieder um 0,5 % nach. Zumindest zum Teil war dies aber nur die Korrektur eines ungewöhnlich starken Anstiegs im Monat zuvor, vor allem in Irland. Im übrigen war die Entwicklung in den einzelnen Euroländern zuletzt sehr uneinheitlich.





  • Die Geldmenge M1 steigt weiter stark an, allein im Mai saisonbereinigt um 1,1 % gegenüber dem Vormonat. Gegenüber ihrem entsprechenden Vorjahresstand lag sie damit um 6,7 % höher, nach 6,9 % im April. Zum Vergleich: Im Mai letzten Jahres war die Zuwachsrate mit 3,2 % noch weniger als halb so hoch.





  • Die Inflationsrate im Euroraum sank im Mai auf 2,0 % und dürfte vorläufigen Schätzungen zufolge im Juni weiter auf 1,7 % gesunken sein. Sinkende Ölpreise und ein steigender Eurokurs haben zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Vielleicht erreicht die EZB im Gesamtjahr doch noch ihr Inflationsziel von weniger als 2 %.





  • Der Dreimonatszins Euribor ist mit 3,46 % im Juni unverändert geblieben, bei allerdings sinkender Tendenz im Monatsverlauf. Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen hat von 5,30 % im Vormonat auf 5,1 % im Juni nachgegeben. Auch hier scheint das Ende noch nicht erreicht. Die Zinsdifferenz hat sich damit geringfügig von 1,8 auf 1,7 Punkte ermäßigt, gibt aber immer noch ein positives Konjunktursignal.



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