Handelsblatt-Frühindikator fällt zum sechsten Mal in Folge
Das Risiko einer neuen Rezession nimmt zu

Deutschland steht vor eisigen Monaten: Im Winter wird die ohnehin schon schwache Konjunktur noch weiter an Fahrt verlieren, zeigt der Handelsblatt-Frühindikator. Die Sorgen vor einem zweiten Abschwung bekommen damit neue Nahrung.

HB DÜSSELDORF. Das Risiko eines zweiten Konjunkturabschwungs in Deutschland ist merklich gestiegen. Der Handelsblatt-Frühindikator schrumpfte im Dezember den sechsten Monat in Folge und signalisiert damit: Bis ins Frühjahr hinein dürfte die ohnehin schon schwache Konjunktur weiter spürbar an Fahrt verlieren. "Die Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung dürfte damit auf absehbare Zeit reines Wunschdenken sein", sagt Ulrich van Suntum, Ökonomie-Professor an der Uni Münster, der den Indikator entwickelt hat und berechnet. "Man wird schon froh sein können, wenn die deutsche Wirtschaft nicht in eine neuerliche Rezession gerät." In den vergangenen Wochen hatten immer mehr Bankenvolkswirte vor einer so genannten Double-Dip-Rezession in Deutschland gewarnt - der Frühindikator gibt diesen Sorgen neue Nahrung.

Frühindikator West: >>Tabellen

Im Vergleich zu den Vormonaten hat sich der Abwärtstrend im Dezember deutlich verschärft: Während der Indikator seit Juli pro Monat nur 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte abgab, büßte er nun innerhalb von vier Wochen 0,4 Zähler ein. Der Indikator signalisiert jetzt nur noch 0,6 % Wachstum in gleitender Jahresrate, im November waren es noch 1,0 %. Allerdings erklärt sich der deutliche Einbruch zum Teil auch damit, dass das Barometer zwischenzeitlich ein zu optimistisches Konjunkturbild gezeichnet hatte. Vor allem der noch bis zur Jahresmitte überschäumende Optimismus im verarbeitenden Gewerbe, der sich inzwischen korrigierte, hatte den Indikator verzerrt.

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen und Grafik

Derzeit brennt es konjunkturell in Deutschland an so gut wie allen Fronten gleichzeitig - in der Industrie, dem Baugewerbe und dem Einzelhandel. Im verarbeitenden Gewerbe hat sich die schon vorher trübere Stimmung im November schlagartig verschlechtert, vor allem wegen der massiven Verunsicherung durch die Politik (siehe Beitrag unten rechts). Zudem hat sich die Auftragslage verdüstert, im dritten Quartal war der Ordereingang saisonbereinigt 1,2 % geringer als im Vorquartal. Die Baunachfrage nahm im gleichen Zeitraum gar um gut 3 % ab.

Desolat sind auch Lage und Perspektiven des Einzelhandels: Die Stimmung der Verbraucher ist so miserabel wie seit 1993 nicht mehr. Die Sorgen um Arbeitsplätze, Alterssicherung und höhere Steuern wie Sozialabgaben verdirbt den Deutschen nachhaltig die Lust am Konsum.

Der Handelsblatt-Frühindikator besteht aus sechs Einzelkomponenten. Die aktuellen Entwicklungen im einzelnen:

  • Die Stimmung in der Industrie hat sich im November schlagartig verschlechtert. Die Ifo-Geschäftserwartungen im verarbeitenden Gewerbe (Gewicht im Indikator: 40,5 %) sind im November auf-7,2 Punkte von zuvor 1,1 eingebrochen. Im Osten war das Minus mit-14,4 nach-6,6 Punkten noch dramatischer als im Westen mit-3,3 nach +2,5 Punkten. Der Pessimismus bezieht sich vor allem auf die Inlandskonjunktur, die Exporterwartungen der Unternehmen sind nach wie vor positiv.
  • Die deutsche Industrie leidet unter einer ausgeprägten Nachfrageschwäche. Im September sind die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe (Gewicht: 15,2 %) gesamtdeutsch um 1 % gesunken. Sie haben damit erwartungsgemäß ihren durch Sondereffekte begünstigten zwischenzeitlichen Anstieg im August nicht bestätigen können. Die Inlandsnachfrage sank zuletzt um 0,2 %, die Auslandsorders gaben gegenüber dem Vormonat sogar um 1,9 % nach. Damit hat es im gesamten Jahr 2002 keinen echten Aufschwung bei den Auftragseingängen gegeben.
  • Die gesamtdeutsche Nachfrage im Bauhauptgewerbe (Gewicht: 18,9 %) nahm im September überraschend um 4,4 % zu, wobei sich der Anstieg auf den Westen beschränkte. Hauptgewinner war der Tiefbau mit 6,1 %, gefolgt vom Nicht-Wohnungsbau mit 5,3 % und dem Wohnungsbau mit-1,4 %. Im dritten Quartal insgesamt sank die Nachfrage aber um 3,1 % gegenüber dem Vorquartal. Die Bauproduktion in den neuen Ländern, die in das Handelsblatt-Konjunkturbarometer Ost eingeht, stieg im September um 1,2 %. Obwohl sie bereits im August im Plus war, lag sie unter dem Durchschnitt des zweiten Quartals.
  • Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze (Gewicht 17,3 %) verharrten im September praktisch auf ihrem Vormonatsniveau. Über die Quartale gesehen reichte das noch für die Fortsetzung des leichten Erholungskurses seit dem Tiefpunkt vom Jahresbeginn. Die einigermaßen gut laufende Automobilkonjunktur bescherte dem gesamtdeutschen Einzelhandel im dritten Quartal im Quartalsvergleich sogar ein leichtes Plus von 0,5 %. Das vierte Quartal dürfte jedoch wieder einen Rückschlag bringen.
  • Die Zinsdifferenz (Gewicht: 8 %) hat im November mit 1,1 % nach 1 % ihre Trendumkehr nach oben weiter fortgesetzt. Der Dreimonatszins Euribor ermäßigte sich noch einmal von 3,26 % auf (vorläufige) 3,13 %. Die langfristigen Zinsen, gemessen an der durchschnittlichen Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere, blieben dagegen mit gut 4,2 % praktisch unverändert. Konjunkturell wirkt sich das tendenziell positiv aus, wenn auch erfahrungsgemäß erst auf längere Sicht.
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