Handelsblatt-Frühindikator im Dezember
Deutschlands Konjunktur im Schockzustand

Der Klimaschock trifft die Wirtschaft wesentlich stärker als zunächst erwartet. Die Industrieaufträge und die Baunachfrage sind im September regelrecht eingebrochen. Allein die guten monetären Rahmenbedingungen verhindern ein klassisches Rezessionsszenario. Eine Trendwende ist kaum vor Mitte nächsten Jahres zu erwarten.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator hat nochmals um 0,2 Prozentpunkte auf nur noch 0,5 % im Dezember nachgegeben. Damit hat er im zweiten Halbjahr seinen Stand praktisch zweimal halbiert. Das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die neuen Länder konnte sich dagegen - auch dank einiger Großaufträge aus dem Ausland - auf dem Vormonatswert von 1,6 % halten. Gleichwohl ist die gesamtdeutsche Konjunktur inzwischen in eine bedrohliche Situation geraten.

Frühindikator West: >>Tabelle und Grafik

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen und Grafik

Der nachhaltige Vertrauensverlust in weiten Teilen der Wirtschaft, abzulesen vor allem am Ifo-Geschäftsklima, setzte sich wider Erwarten im Oktober fort. Er schlägt sich inzwischen auch in den realwirtschaftlichen Daten nieder. Sowohl die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe als auch die ohnehin schwache Baunachfrage sind im September deutlich eingebrochen. Hoffnung gibt derzeit lediglich die noch einigermaßen stabile Konsumnachfrage und die günstige monetäre Situation mit niedrigen Zinsen und rückläufiger Inflationsrate. Eine Trendwende der Konjunktur dürfte indessen kaum vor Mitte nächsten Jahres zu erwarten sein.

Das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe ist im Oktober nochmals frostiger geworden. Weder im Westen (-25 Saldopunkte nach-22,9 Punkten) noch im Osten (-17,4 nach-16,6 Punkten) erfüllte sich die Hoffnung, dass es sich bei dem massiven Einbruch vom September vielleicht nur um eine Überreaktion auf Grund der Terroranschläge in den USA gehandelt haben könnte. Der Schock sitzt offenbar tief, und er ist auch keineswegs nur psychologischer Natur. Vielmehr berichten die Unternehmen von einer deutlich verschlechterten aktuellen Geschäftslage in den vergangenen beiden Monaten, sowohl was den Export betrifft als auch insgesamt.

Auch die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate werden überaus pessimistisch beurteilt, im Westen noch stärker als im weniger exportabhängigen Osten. Am frostigsten ist das Geschäftsklima bei den Herstellern von Investitionsgütern und Vorprodukten, während die konsumnäheren Bereiche zuletzt sogar wieder eine etwas positivere Stimmung zeigten.

Industrieaufträge nehmen weiter ab

Die gesamtdeutschen Industrieaufträge fielen im September um insgesamt 4,1 % gegenüber August zurück, womit im dritten Quartal auch das - ohnehin schon schwache - Vorquartalsniveau um 2,7 % unterschritten wurde. Die Nachfrageschwäche beschränkte sich dabei keineswegs auf den Export, sondern setzte sich auch im Inland weiter fort.

Den stärksten Einbruch mussten im September trotz der besseren Stimmung die Konsumgüterhersteller mit-6,1 % hinnehmen, die Investitionsgüterindustrie kamen mit-3,8% auf den ersten Blick dagegen noch vergleichsweise glimpflich davon. Geschönt wurde das Bild allerdings durch einige Großaufträge für die ostdeutsche Luft- und Raumfahrtindustrie. Zudem resultierte der Einbruch der Investitionsgüternachfrage im September nicht vorrangig aus dem Exportgeschäft, sondern hauptsächlich aus der schwachen Inlandsnachfrage. Auch auf das gesamte Quartal gesehen wurden noch weniger Investitionsgüter aus dem Inland geordert als im äußerst schwachen zweiten Vierteljahr.

Das Auftragsvolumen des Bauhauptgewerbes hat im September in beiden Teilen Deutschlands deutlich nachgegeben und ist damit in Gesamtdeutschland um gut 5 % auf einen neuen Tiefstand gefallen. Im dritten Quartal insgesamt wurden damit nicht nur die Stabilisierungstendenzen der Sommermonate wieder zunichte gemacht, sondern selbst der Tiefstand vom Jahresanfangsquartal wurde noch unterschritten. Den stärksten Einbruch um nahezu 14 % hat im dritten Quartal der Wohnungsbau hinnehmen müssen, gefolgt vom Tiefbau (--7 %) und vom Nichtwohnungsbau (-4,1 %).Entsprechend frostig ist das Ifo-Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe, das in West und Ost wieder unter-40 Saldopunkte gesunken ist.

Einzelhandelsumsätze überraschend stabil

Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze sind im September erstaunlich stabil geblieben und haben auch im dritten Quartal insgesamt annähernd auf dem vergleichsweise hohen Stand des zweiten Quartals verharrt. Während der Verkauf von langlebigen Verbrauchsgütern wie Möbeln leicht zurückgegangen ist, hat sich die Nachfrage nach Kleidung, Schuhen und nicht zuletzt auch Kraftfahrzeugen zuletzt sogar belebt.

Die Frage ist allerdings, wie die Verbraucher auf die sich verschlechternden Arbeitsmarktbedingungen reagieren werden. Seit September steigt die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen wieder, und die Zahl der Kurzarbeiter hat im Oktober schlagartig zugenommen. Positiv auf die Kaufkraft wirkt dagegen der weiter nachlassende Preisanstieg, der im November saisonbereinigt sogar völlig zum Stillstand gekommen ist.

Die Zinssätze haben im Oktober nochmals nachgegeben, wobei der Dreimonatszins Euribor mit 3,6 % nach 3,98 % deutlich stärker gesunken ist als die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere (4,5 % nach 4,7 %). Damit ist die in den Handelsblatt-Frühindikator eingehende Zinsdifferenz weiter von 0,7 auf 0,9 Prozentpunkte gestiegen, was ein positives Konjunktursignal ist. Zwar haben die langfristigen Renditen im Laufe des November wieder etwas angezogen, aber dennoch können die monetären Rahmenbedingungen als außerordentlich günstig für eine konjunkturelle Erholung auf mittlere Sicht gelten.

Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im dritten Quartal saisonbereinigt um 0,1 % gegenüber dem Vorquartal gesunken, nach einer "roten Null" im Vorquartal. Umgerechnet auf die gleitende Jahresrate, welche dem Handelsblatt-Frühindikator als Referenzgröße zugrunde liegt, hat sich das Wachstum damit von 1,5 % auf 0,9 % abgeschwächt. Für das Gesamtjahr erwartet der Sachverständigenrat eine weitere Abschwächung auf nur noch 0,7 %. Er rechnet allerdings schon für das erste Quartal des kommenden Jahres mit einer konjunkturellen Belebung.

Angezeigtes Wachstum trügerisch

Der Handelsblatt-Frühindikator, der vor der gesamtwirtschaftlichen Produktion einen Vorlauf von etwa einem Vierteljahr hat, zeigte in den vergangenen beiden Quartalen zwar den rückläufigen Wachstumstrend korrekt an, lag aber - bedingt durch einen Basiseffekt im ersten Quartal - im Niveau der Wachstumsraten dabei jeweils zu hoch. Auch das derzeit von dem Indikator angezeigte Jahreswachstum von 1,4 % für 2001 dürfte sicherlich nicht mehr realisierbar sein. Es wäre auch falsch, daraus etwa konjunkturelle Hoffnung schöpfen zu wollen.Der Handelsblatt-Frühindikator lieferte in der Vergangenheit zwar vielfach fast punktgenaue Prognosen. Dies darf aber keinesfalls als der Normalfall gelten und ist auch nicht der eigentliche Zweck des Indikators. Entscheidend ist vielmehr der in den vergangenen sechs Monaten eindeutig abwärts gerichtete Verlauf des Indikators, der auch für das erste Quartal des kommenden Jahres noch keinen Wendepunkt erwarten lässt.

Nachdem der Frühindikator bisher insbesondere untere konjunkturelle Wendepunkte meist mit großer Zuverlässigkeit voraussagte, dürfte es nach seinem aktuellen Verlaufsbild länger als bis zum nächsten Frühjahr dauern, bis eine Wiederbelebung des Wachstums erhofft werden kann. Für das erste Quartal 2002 lässt der seit sechs Monaten eindeutig abwärts gerichtete Verlauf des Indikators noch keinen Wendepunkt erwarten. Der Quartalsdurchschnitt des Frühindikators hat sich vielmehr zuletzt auf 0,7 % halbiert.

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