Handelsblatt-Frühindikator leicht rückläufig - Ostbarometer unverändert
HB-Frühindikator: Industrie stützt den Aufschwung

Deutschland wird mindestens bis zum ersten Quartal 2001 auf einem stabilen Wachstumskurs von etwa drei Prozent bleiben. Darauf deuten beide Handelsblatt-Indikatoren im November hin. Getrübt wird das Bild indes durch die anhaltende Bauschwäche und den Pessimismus im ostdeutschen Einzelhandel.

HB DÜSSELDORF. Die Konjunktur in Deutschland ist weiterhin robust. Der Handelsblatt-Frühindikator blieb im November mit 3,1 % nur knapp hinter dem Spitzenwert des Vormonats von 3,2 % zurück. Der Indikatorwert für Oktober wurde allerdings wie auch der Wert für September nachträglich leicht um 0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Dies ist auf Revisionen der in den Indikator einfließenden saisonbereinigten Einzelreihen wie für die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe und den Einzelhandelsumsatz zurückzuführen.

Seit nunmehr acht Monaten verharrt der Frühindikator auf nahezu unverändert hohem Niveau von 3 % und mehr. Auch das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für Ostdeutschland blieb im November mit 3,6 % auf dem hohen Stand des Vormonats. Beide Indikatoren lassen somit ein stabiles Wirtschaftswachstum in Deutschland zumindest bis zum ersten Quartal des kommenden Jahres erwarten. Dazu tragen unter anderem die zuletzt wieder stärker gestiegenen Auftragseingänge und die durchaus gute Stimmung in der Industrie bei.



Wachstum leicht hinter Schätzung zurück

Bisher gibt es auch keine Anzeichen dafür, dass es nach den ersten Monaten in 2001 zu einer deutlichen Schwächung des Aufschwungs kommen wird. Das entspricht auch der Erwartung der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem vergangene Woche veröffentlichten Herbstgutachten. Demnach soll das Wachstum in Deutschland 2001 mit 2,7 % nur leicht hinter der geschätzten Rate für das laufende Jahr von 3 % zurückbleiben. Die bereits seit September vorliegende Vorhersage des Handelsblatt-Frühindikators für das Gesamtjahr 2000 liegt bei 3,2 %.

Auftragseingänge wieder kräftig gestiegen Die Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes haben sich nach vorübergehend etwas schwächerer Entwicklung im August wieder kräftig erhöht. Der saisonbereinigte bundesweite Zuwachs von insgesamt gut 2 % ging allerdings allein auf das Konto der westdeutschen Industrie (+3 %), während im Osten ein sogar deutlicher Einbruch verzeichnet werden musste (-10,4 %). Letzterer sollte allerdings nicht überbewertet werden. Auf Grund der vergleichsweise kleinen Datenbasis und auch wegen der noch immer relativ kurzen Beobachtungszeit sind in den saisonbereinigten Daten für die neuen Länder große monatliche Sprünge z.B. durch Großaufträge in die eine oder andere Richtung keineswegs ungewöhnlich.

Wichtig ist, dass in der gesamtdeutschen Betrachtung alle großen Gütergruppen der Industrie nach wie vor eine expandierende Nachfrage aufweisen. Zudem hat neben den Exporten zuletzt auch wieder die Inlandsnachfrage angezogen. Insoweit hat der Aufschwung eine breitere Basis, die keineswegs allein auf der Euroschwäche fußt.



Robuste Industriekultur

Die Kapazitätsauslastung blieb nach der Ifo-Umfrage für September im Westen unverändert gegenüber Juni bei 87,7 %, im Osten erreichte sie mit 84,8 % sogar einen neuen Spitzenwert. Das Ifo-Geschäftsklima im westdeutschen verarbeitenden Gewerbe ist gegenüber August nur leicht von 11,4 auf 10,3 Punkte zurückgegangen, im Osten hat es sich weiter von 13,8 auf 14,6 Punkte erholt. All dies spricht für eine überaus robuste Industriekonjunktur, der die hohen Ölpreise bisher offenbar kaum geschadet haben.

Auch die Konsumnachfrage scheint langsam, aber sicher in Schwung zu kommen. Die gesamtdeutschen Einzelhandelsumsätze waren im August deutlich höher als in den beiden etwas schwächeren Monaten zuvor. Sie knüpften damit wieder an das ausgesprochen günstig verlaufene zweite Quartal an. Angesichts steigender Beschäftigungszahlen sind auch die Zukunftsperspektiven gut. Im Herbstgutachten wird für das kommende Jahr mit einem preisbereinigten Anstieg der privaten Konsumausgaben um 2,5 % (nach 1,9 % in diesem Jahr) gerechnet.

Grundlage dafür ist ein erwarteter Anstieg der Erwerbstätigenzahl um 1 %, der sich freilich im wesentlichen auf den Westen konzentrieren wird. Dementsprechend unterschiedlich ist nach dem Ifo-Konjunkturtest die derzeitige Stimmung der Einzelhändler in beiden Teilen Deutschlands. Sie liegt im Westen mit zuletzt-14,1 Punkten zwar immer noch im negativen Bereich, bleibt damit aber ungleich besser als im Osten, wo sich das Geschäftsklima im September auf einen neuerlichen Tiefststand von-39,3% eintrübte.

Wenig erfreulich sind nach wie vor die Nachrichten vom Baugewerbe. Im August sank die gesamtdeutsche Baunachfrage nochmals um fast 5 % auf einen neuerlichen Tiefpunkt. Eine minimale Besserung im Osten konnte dabei den scharfen Einbruch im Westen nicht annähernd ausgleichen. Sollte der September ähnlich schlecht verlaufen sein wie die beiden Vormonate, ist für das dritte Quartal ein Minus von reichlich 6 % gegenüber dem Vorquartal zu erwarten. Auch die weiteren Perspektiven für die Bauwirtschaft sind alles andere als rosig. Im Herbstgutachten wird ihr auch für das kommende Jahr bestenfalls ein Nullwachstum zugetraut, nach einem realen Rückgang in diesem Jahr um 2,5 %.



Forschungsinstitute warnen vor Zinserhöhungen

Die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen hat sich im September zwar leicht von 0,7 % auf 0,8 % erhöht, spiegelt aber gleichwohl den inzwischen strafferen geldpolitischen Kurs wider. Zuletzt ist der Dreimonatszinssatz Euribor von 4,78 % auf 4,85 % gestiegen, während die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere von 5,5 % auf 5,6 % zugenommen hat. Die jüngste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank von Anfang Oktober ist in diesen Durchschnittszahlen für September noch nicht enthalten. Sie dürfte die Zinsdifferenz in den kommenden Monaten weiter verringern, was tendenziell konjunkturdämpfend wirkt. Insofern ist die Warnung der Forschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten vor weiteren Zinserhöhungen verständlich.

Gleichwohl sind die derzeitigen Wachstumsaussichten für die deutsche Wirtschaft nach wie vor günstig. Anders als etwa in Spanien sind die Lohnerhöhungen für das kommende Jahr bereits weitgehend in mehrjährigen Verträgen vereinbart. Eine rasche Überwälzung der gestiegenen Ölpreise auf die Lohnkosten ist daher hier zu Lande nicht zu befürchten. Sollten die Forschungsinstitute mit ihrer Prognose recht haben, dass die Inflationsrate im nächsten Jahr wieder unter 2 % sinken wird, so wäre auch die kommende Tarifrunde durch den Ölpreiseffekt kaum mehr belastet. Dessen Auswirkungen könnten sich dann auf einen einmaligen Preisniveauanstieg ohne längerfristige Auswirkungen auf Geldwertstabilität und Wirtschaftswachstum beschränken.

DIE INDIKATOREN: Der Handelsblatt-Frühindikator für Westdeutschland wurde im Januar 1992, das Handelsblatt- Konjunkturbarometer Ost im Januar 1995 eingeführt. Die Indikatoren erscheinen seit Januar 1993 bzw. Mai 1998 in fortentwickelten Versionen. Sie haben den Hauptzweck, frühzeitig konjunkturelle Wendepunkte anzuzeigen. Der zeitliche Vorlauf des Frühindikators und des Ostbarometers vor der gesamtwirtschaftlichen Produktionsentwicklung beträgt etwa ein Vierteljahr.

Referenzgröße des Frühindikators für den Konjunkturverlauf ist ab dem vierten Quartal 1992 die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in ganz Deutschland nach dem neuen Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Sie wird zur Ausschaltung von Saisoneinflüssen als gleitende Jahresdurchschnittsrate berechnet, das ist die Veränderung in den jeweils letzten vier Quartalen gegenüber den vorherigen vier.

Der Frühindikator basiert auf folgenden Einzelindikatoren für die westdeutsche Konjunktur (Gewichtung in % in Klammern): Auftragseingänge verarbeitendes Gewerbe (20) und Bauhauptgewerbe (10), Einzelhandelsumsatz (30), Ifo-Geschäftsklimasaldo für die Industrie (30) und Zinsstruktur als Renditedifferenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen (10). Die ersten drei Größen gehen in den Indikator in Form geglätteter Wachstumsraten der jeweiligen saisonbereinigten Indexzahlen ein. Die Einzelgrößen werden durch ein Standardisierungsverfahren vergleichbar gemacht, gewichtet und addiert. Für das Konjunkturbarometer Ost werden die Einzelgrößen (siehe Fußnote Tabelle) gewichtet addiert. Unter Verwendung zweier empirisch ermittelter Anpassungsfaktoren ergeben sie den Wert des Ostbarometers.

Frühindikator Ost:
>>Tabelle und Grafik

Frühindikator West:
>>Tabelle und Grafik

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