Handelsblatt-Frühindikator stagniert im Mai – Ostbarometer geht stark zurück
HB-Frühindikator: Noch keine deutsche Konjunkturwende in Sicht

Die Wachstumsaussichten für die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal haben sich erneut verschlechtert. Alle Einzelgrößen des Handelsblatt-Frühindikators entwickelten sich zuletzt negativ. Inzwischen ist sogar die Stimmung in der Industrie eher pessimistisch. Auch im Osten hat sich das Wirtschaftsklima weiter eingetrübt.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator blieb im Mai mit 2,1 % auf dem niedrigen Niveau des Vormonats. Damit liegt er um einen vollen Prozentpunkt niedriger als vor Jahresfrist. Alle in den Indikator eingehenden Einzelgrößen haben sich zuletzt weiter verschlechtert, am stärksten das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe. Das Handelsblatt- Konjunkturbarometer für die neuen Länder - im April noch bei 2,9 % - gab im Mai stark auf 2,4 % nach. Der Wachstumstrend der gesamtdeutschen Wirtschaft dürfte den aktuellen Indikatorwerten zufolge im dritten Quartal nur noch bei etwa 2 % liegen.

Dieser Wert entspricht der jüngsten Prognose der Bundesregierung für das Gesamtjahr. Im Frühjahrsgutachten der Forschungsinstitute war eine Rate von 2,1 % für 2001 erwartet worden, der Internationale Währungsfonds hat kürzlich seine Einschätzung sogar auf 1,9 % zurückgenommen. Obwohl sich der Rückgang des Handelsblatt-Frühindikators zuletzt verlangsamt hat, ist derzeit noch keine Trendwende zum Besseren abzusehen. Sollte sich die negative Indikatorentwicklung auch in den kommenden Monaten fortsetzen, müsste für das laufende Jahr mit einer unter 2 % liegenden Wachstumsrate gerechnet werden. 

Optimismus im Westen umgeschlagen

Der vor einem halben Jahr noch ausgeprägte Optimismus im verarbeitenden Gewerbe ist inzwischen zunehmender Skepsis gewichen bzw. im Westen sogar völlig umgeschlagen. Erstmals seit 20 Monaten lag der Saldo der positiven und negativen Stimmenanteile beim Ifo-Geschäftsklima im März mit-0,8 Punkten wieder im negativen Bereich. >>Tabellen und Grafik Auch im Osten hat sich das Klima von 14,5 Punkten im Vormonat auf nur noch 9,5 Punkte deutlich eingetrübt. ">>>Tabellen und Grafik

Während die aktuelle Geschäftslage in beiden Teilen Deutschlands noch leidlich positiv beurteilt wird, macht sich hinsichtlich der zukünftigen Geschäftsentwicklung zunehmend Pessimismus breit. Der Saldo der Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate war im Westen im März mit-10,8 Punkten erstmals wieder zweistellig negativ. Auch im Osten liegt er mit 0,4 Punkten inzwischen nur noch knapp oberhalb der Nulllinie. Die Skepsis liegt sicher auch, aber keineswegs nur an den stark zurückgeschraubten Exporterwartungen. Letztere haben sich nach dem Ifo-Konjunkturtest zwar ebenfalls stark eingetrübt, werden aber insgesamt noch günstiger beurteilt als die Geschäftsaussichten insgesamt. Offenbar haben die Unternehmen der Industrie auch zur weiteren Entwicklung der inländischen Nachfrage nur wenig Zutrauen.

Ein Blick in die Statistik der Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes erklärt, warum. Während nämlich die Exportnachfrage zumindest bis Ende vergangenen Jahres noch kräftig angestiegen ist, hat die Nachfrage aus dem Inland in den letzten zehn Monaten per saldo lediglich stagniert. Auch der für den Jahresbeginn erhoffte Schub auf Grund der Steuerreform ist bisher ausgeblieben. Sowohl im Januar als auch im Februar verharrte die Inlandsnachfrage praktisch unverändert auf dem Niveau des vorangegangenen Quartals. Zusätzlich brach die Auslandsnachfrage zu Jahresbeginn um 6 % ein und bröckelte im Februar um weitere 0,3 % ab.

Insgesamt war damit das gesamtdeutsche Auftragsvolumen in den beiden ersten Monaten dieses Jahres 2 % niedriger als im Schlussquartal 2000. Während der Rückgang im Westen mit 2,3 % noch etwas stärker ausfiel, konnten die ostdeutschen Unternehmen noch einen leichten Zuwachs von 2 % verbuchen.

Flaute im Baugewerbe

Die Flaute im Baugewerbe setzte sich auch im Februar weiter fort. Saisonbereinigt gab die Nachfrage im Westen um weitere 0,5 % nach, während sie sich im Osten nach dem steilen Absturz im Januar wieder leicht berappeln konnte. Wenngleich dies insgesamt noch ein marginales Plus bei den gesamtdeutschen Bauaufträgen ergab, ist bislang noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Auch der Wohnungsbau, der zu Jahresbeginn mit einem überraschenden Auftragszuwachs von 16 % gegenüber Dezember aufgewartet hatte, fiel im Februar mit einem Minus von 7 % wieder in die alte Lethargie zurück. Mittelfristig mag man sich im Baugewerbe Hoffnungen auf Nachholbedarf in der staatlichen Infrastruktur und bei den Unternehmensinvestitionen machen. Die leeren öffentlichen Kassen und die höchst unsichere Lage der Weltkonjunktur lassen aber zumindest auf absehbare Zeit eine deutliche Erholung der Baunachfrage eher fraglich erscheinen.

Im gesamtdeutschen Einzelhandel war der Jahresbeginn von Enttäuschung geprägt. Nachdem schon der Januar nach den Bundesbank-Zahlen ein saisonbereinigtes Umsatzminus von 1 % gegenüber dem Vormonat gebracht hatte, fiel der Februar mit einem abermaligen Minus von 2,4 % noch weitaus schlechter aus. Von einem Konsumschub infolge der zu Jahresbeginn in Kraft getretenen steuerlichen Erleichterungen ist vorerst nichts zu sehen. Stattdessen hat sich der Preisanstieg wieder beschleunigt: Die Inflationsrate in Deutschland erreichte nach vorläufigen Berechnungen im April 2,8 % nach 2,5 % im März. Die hohen Ölpreise und die seuchenbedingt stark gestiegenen Preise für Nahrungsmittel könnten die Inflationsrate im Euro-Raum sogar kurzfristig wieder auf Werte um 3 % klettern lassen.

EZB kann noch Zurückhaltung üben

Ein solches Szenario schwacher Nachfrage bei gleichzeitig wachsenden Inflationsrisiken könnte rasch das Ende der Gemütlichkeit in der Konjunkturpolitik bedeuten. Vor allem die Europäische Zentralbank würde zunehmend in die Klemme zwischen Sicherung der Preisniveaustabilität und Konjunkturstabilisierung kommen. Noch kann sie sich allerdings in Zurückhaltung üben, zumal die aktuelle Zinsentwicklung nach wie vor erfreulich ist. Im März ist der Dreimonatszins Euribor nochmals von 4,76 % auf 4,71 % zurückgegangen, die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere sank ebenfalls weiter von 4,9 % auf 4,8 %. Offensichtlich betrachten die Finanzmärkte die Inflationsrisiken derzeit mit größerer Gelassenheit als die Zentralbank.

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