Handelsblatt-Frühindikator stagniert
Konjunktur wird zur Gefahr für Schröder

Bundeskanzler Schröder will mit Hilfe eines starken Aufschwungs die Wahl gewinnen. Doch eine fulminante Konjunkturerholung bis zum 22. September wird immer unwahrscheinlicher.

ost/cr/gof/mak/hbd DÜSSELDORF. Die Chancen für einen durchgreifenden Aufschwung vor der Bundestagswahl am 22. September sinken. Der Welthandel, auf den Ökonomen die größten Hoffnungen setzen, dürfte 2002 nur leicht wachsen - um etwa ein Prozent, so die am Donnerstag vorgestellte Prognose der Welthandelsorganisation. Der Handelsblatt-Frühindikator hat im Mai seinen Erholungskurs unterbrochen. Das Konjunkturbarometer, das dem Wachstum drei Monate vorausläuft, stagnierte auf dem Stand von April und signalisiert: Die Konjunktur-Erholung steht auf tönernen Füßen.

Für die SPD kommen die schlechten Konjunkturdaten zur Unzeit. Sie hatte in der vergangenen Woche eine Optimismus-Kampagne gestartet: "Der Aufschwung kommt - die deutsche Wirtschaft gewinnt kräftig an Fahrt." Trotz der Schatten über dem schnellen Aufschwung bleiben die SPD-Wahlkämpfer gelassen: Die aktuelle Eintrübung des Handelsblatt-Frühindikators kehre den allgemeinen Trend nicht um, "der ist immer noch eindeutig positiv", betonte Matthias Machnig, Leiter der SPD-Wahlkampfzentrale. "Alle Institute sagen übereinstimmend, dass die konjunkturelle Wende geschafft ist." Michael Spreng, Wahlkampfmanager der Union, hingegen meint: "Schröders Konjunkturmotor beginnt zu stottern, bevor er richtig angesprungen ist."

Bei der Bundestagswahl vor acht Jahren hatte Helmut Kohl auf eine ähnliche Optimismus-Kampagne gesetzt - und damit die Wahl gewonnen. Rechtzeitig vor der Wahl drehte damals die Konjunktur. Derzeit mehren sich aber die Stimmen, die bis zum Wahltag nur eine moderate Besserung prognostizieren.

So rechnet die Europäische Wirtschaftskommission der Uno (ECE) 2002 nur mit einer "graduellen Erholung" der Wirtschaft. Die deutsche Wirtschaft wachse mit 0,75 Prozent nach 0,6 Prozent 2001. Der Bundesverband deutscher Banken dämpfte am Donnerstag ebenfalls die Euphorie: Zwar rechnen die Privatbanken 2002 mit einem Prozent Wachstum. Sie sind aber unsicher, ob der Aufschwung nachhaltig und tragfähig ist.

Zudem halten Beobachter seit gestern frühere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für möglich - eventuell sogar schon im Juni. Denn am Donnerstag warnte der EZB-Chef Wim Duisenberg deutlich vor Inflationsgefahren. Höhere Zinsen würden die Konjunktur belasten. Duisenberg bekräftigte indessen seine frühere Einschätzung: "Wir sind nach wie vor der Meinung, dass die Wachstumsraten bis zum Jahresende auf 2,0 bis 2,5 Prozent anziehen und 2003 darüber liegen werden." Allerdings seien die Unsicherheiten groß.

Ein Risiko sind zu hohe Lohnabschlüsse. "Das Ergebnis der Lohnverhandlungen in manchen Regionen des Euro-Raumes könnte ein Grund zur Sorge werden", sagte der EZB-Chef. Auch aus Sicht der deutschen Privatbanken ist die Lohnrunde "ein ernsthaftes Risiko". Der Chemie-Abschluss in Höhe von 3,3 Prozent dürfe nicht auf die gesamte Wirtschaft übertragen werden.

Der Metall-Streik an sich dürfte die Konjunktur dagegen kaum gefährden - wenn er denn in ein oder zwei Wochen wieder zu Ende ist, so Volkswirte. Die Produktionsausfälle eines solchen Mini-Streiks würden danach wieder aufgeholt. "Wenn der Streik aber vier Wochen dauert, schlägt er sich in den Produktionsstatistiken nieder", sagt Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB. Sein Kollege Martin Hüfner von der Hypo-Vereinsbank ist etwas pessimistischer: Ein Streik würde "die Stimmung von Investoren und Konsumenten empfindlich beeinträchtigen".

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