Handelsblatt-Frühindikator steigt wieder an
Frühindikator Juni: Aufschwung kommt spät

Die deutsche Konjunktur nimmt weiter Anlauf, kommt aber nicht recht vom Fleck. Dabei müßte es mit dem Aufschwung eigentlich bald losgehen, jedenfalls wenn es nach den von ifo ermittelten Geschäftserwartungen ginge.

HB DÜSSELDORF. Vor allem in der Industrie ist die Stimmung inzwischen wieder so optimistisch wie schon seit zwei Jahren nicht mehr. Nach dem Tiefpunkt im Oktober haben sich die Geschäftserwartungen Monat für Monat weiter erholt, im Westen noch etwas stärker als im Osten. In völligem Gegensatz dazu steht aber die tatsächliche Geschäftentwicklung: Gesamtdeutsch ist die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage in den vergangenen sieben Monaten praktisch unverändert schlecht geblieben; nur in den neuen Ländern hat sie sich laut ifo zuletzt etwas erholt. Damit bleibt der Aufschwung im wesentlichen ein Hoffnungswert.

Frühindikator West: >>Tabellen

Die Optimisten werden allerdings gestärkt durch den Anstieg des Handelsblatt-Frühindikators von 1,4% auf 1,7% im Juni. Auch das Konjunkturbarometer für die Neuen Länder ist überraschend stark von 0% auf 0,5% gestiegen. Das liegt auch, aber nicht nur an den erholten ifo-Werten. Zumindest im Baugewerbe hat sich nämlich zuletzt auch das reale Geschäft belebt. Im ersten Quartal gingen saisonbereinigt immerhin 3,2% mehr Aufträge ein als im Vorquartal, nicht zuletzt aufgrund eines guten März-Ergebnisses. Die positive Entwicklung spiegelt sich auch in den inzwischen vorliegenden Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt im ersten Vierteljahr wider. Saisonbereinigt war der Wertschöpfungsbeitrag des Baugewerbes erstmals seit zwei Jahren wieder höher als im jeweiligen Vorquartal, und zwar gleich um 1,8%.

Ob das schon die Trendwende am Bau war, ist aber zweifelhaft. So könnte das gute Ergebnis auch von Sonderfaktoren, insbesondere vom Wetter beeinflußt worden sein. Auch ist der ifo-Geschäftsklimaindex für das Baugewerbe bis zuletzt im Keller geblieben. Nicht einmal die Unternehmen selbst scheinen derzeit an den Aufschwung zu glauben. Ihre Geschäftserwartungen haben sich im Mai sogar noch weiter verschlechtert.

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Ähnlich mies ist die Stimmung sonst nur noch im Einzelhandel. Nachdem der Kaufstreik der Konsumenten auch im März weiterging, endete das erste Quartal mit einem katastrophalen Umsatzeinbruch um mehr als 3% gegenüber dem Vorquartal. Die aktuelle Lohnforderung der IG Bau von 4,5% erscheint dagegen wie aus einer anderen Welt. Sehr real ist dagegen die Gefahr, daß zum Boykott der Käufer jetzt auch noch ein Streik der Arbeitnehmer im Einzelhandel kommt.

Stagnation bestimmt das Bild im Verarbeitenden Gewerbe. Mittlerweile seit einem Dreivierteljahr tritt die Nachfrage praktisch auf der Stelle. Die Inlandsnachfrage war bis zuletzt sogar weiter rückläufig, vor allem auch was die Investitionen betrifft. Ohne das frische Exportlüftchen der sich allmählich belebenden Weltkonjunktur würden die deutschen Konjunktursegel noch viel schlaffer im Wind hängen. Die neuen Länder haben sich dabei noch vergleichsweise gut gehalten, aber im Westen ist selbst bei gutem Willen von einem Industrieaufschwung noch nichts zu sehen.

So taxiert der Handelsblatt-Frühindikator denn auch das gesamtdeutsche Wachstum im zweiten Quartal nur auf magere 0,6% in gleitender Jahresrate, nach inzwischen offiziellen 0,1% im ersten Vierteljahr. Die entsprechende Indikatorprognose von-0,1% für das erste Quartal ist damit fast exakt eingetroffen. Erst in der zweiten Jahreshälfte dürfte sich das Wachstum merklich beleben. Der Handelsblatt-Frühindikator sagt 1,5% in gleitender Jahresrate für das dritte Quartal voraus, was deutlich über den Erwartungen der meisten Prognostiker liegt. Das Erreichen einer solchen Wachstumszahl setzt allerdings voraus, daß sich der Optimismus nun allmählich auch in den realen Wirtschaftsdaten niederschlägt. Für eine Wende auf dem Arbeitsmarkt noch in diesem Jahr dürfte es ohnehin zu spät sein. Dazu kommt der Aufschwung nicht nur zu spät, er ist auch zu stark durch die aktuellen Tarifrunden vorbelastet. Was an zusätzlichem Spielraum für mehr Beschäftigung hätte entstehen können, dürfte nämlich zum größten Teil bereits durch die Lohnsteigerungen des laufenden Jahres verfrühstückt worden sein.

Die jüngste Entwicklung der in den Handelsblatt-Frühindikator eingehenden Einzelwerte:

  • Die Nachfrage im Verarbeitenden Gewerbe ist im Westen zuletzt um knapp 1% gesunken, im Osten dafür um fast 12% gestiegen. Gesamtdeutsch bedeutete das im März trotzdem nur Stagnation gegenüber dem Vormonat. Einem Exportschub von gut 3% stand dabei ein abermaliger Rückgang der Inlandsnachfrage um knapp 2,5% gegenüber. Tendenz: Noch kein Land in Sicht.
  • Im Bauhauptgewerbe hat die Nachfrage im März um fast 6% zugenommen, bedingt vor allem durch einen Nachfrageschub im westdeutschen Nichtwohnungsbau um nicht weniger als 37%. Das dürfte allerdings eher ein Einmaleffekt sein und noch keine Trendwende signalisieren. Im Wohnungsbau und im Tiefbau dominieren weiter die Minuszeichen.
  • Der Einzelhandel verlor im März ausgehend vom ohnehin niedrigen Vormonatsniveau nochmals ein halbes Prozent an Umsatz. Nach wie vor bleiben langlebige Gebrauchsgüter wie Blei in den Regalen liegen, zuletzt wurde auch an Nahrungs- und Genußmitteln gespart.
  • Die ifo-Geschäftserwartungen im gesamtdeutschen Verarbeitenden Gewerbe verbesserten sich im Mai weiter von 9,3 auf 15,6 Saldopunkte. Interessanterweise sind die Exporterwartungen für die kommenden drei Monate gleichzeitig weniger optimistisch geworden. Offenbar setzen die Unternehmen vor allem auf eine Belebung der Binnennachfrage. Ihre aktuelle Geschäftslage beurteilten sie aber zuletzt mit-25,7 Punkten noch fast genauso schlecht wie im April (-26,2 Punkte).
  • Die Zinsdifferenz blieb im Mai wie in den Vormonaten bei (gerundeten) 1,7%. Sie gibt damit weiterhin ein positives Konjunktursignal. Praktisch unverändert blieb mit 5,1% der Kapitalmarktzins, gemessen an der Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere. Auch der Dreimonatszins erhöhte sich nur wenig von 3,41% auf 3,47%. Die niedrige Inflationsrate in Deutschland von zuletzt nur noch 1,2% dürfte auch die Kapitalkosten vorerst weiter niedrig halten.
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