Handelsblatt-Gespräch mit David de Rothschild
Rothschild: „Noch kein Ende der Flaute in Sicht“

Der krisengeschüttelten Branche der Investmentbanken steht erneut ein eisiger Winter bevor. Davon zeigt sich Baron David de Rothschild, Oberhaupt des französischen Zweigs der legendären, aus Frankfurt stammenden Banker-Dynastie, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt überzeugt. Seit etwa zwei Jahren, nach einem halben Jahrzehnt beispiellosen Booms, sinkt das weltweite Volumen der Transaktionen in den Bereichen Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A), Börsengängen und Aktienplatzierungen, dem Kerngeschäft der Rothschilds. Einen Wendepunkt kann Baron Rothschild bislang noch nicht erkennen: "Es gibt immer noch M&A Transaktionen, aber das Geschäftsvolumen verringert sich weiter, wenn auch langsam. Eine unmittelbare Kehrtwende ist nicht spürbar. Wir haben sicher noch mindestens sechs sehr schwierige Monate vor uns."

FRANKFURT/M. Die Probleme der Branche hängen eng mit dem Einbruch an den Aktienbörsen, der hohen Volatilität der Finanzmärkte sowie der Konjunkturschwäche zusammen. Auch dort erwartet der Chef des Rothschild-Investmentbankings kurzfristig keine Entspannung: "Wir sind aber näher an der Bodenbildung als je zuvor. Ich wäre sehr verwundert, wenn die Börse noch einmal mehr als fünfzehn Prozent verlieren würde. Bald werden wir eine Situation erreicht haben, in der viele interessante Unternehmen zu sehr attraktiven Preisen zu haben sein werden. Und dann wird es auch Investoren geben, die an die Märkte zurückkehren."

Rothschild glaubt nicht, dass sich an diesen widrigen Rahmenbedingungen binnen sechs oder zwölf Monaten etwas ändert. Derzeit sei die Branche durch "aggressives Marketing" um die laufenden Deals und Personalreduzierungen geprägt. Der Konkurrenzkampf sei extrem hart geworden.

"Wenn es mit der Konjunktur so weiter geht, dann wird es bei den Investmentbanken noch weitere Kostensenkungsrunden und weitere Entlassungen geben," prophezeit der Baron.

Am Ende der Krise und des Konsolidierungsprozesses erwartet David de Rothschild eine veränderte, auf einen harten Kern abgeschmolzene Branche: Eine verringerte Zahl an Investmentbanken, kleinere und klarer fokussierte Einheiten, die sich auf weniger Produkte spezialisieren. Auch die großen Universalbanken, die sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre für hohe Summen ein eigenes Investmentbanking aufgebaut haben, sieht er auf diesem Weg. Die Zeiten, in denen sich die einzelnen Institute ohne Rücksicht auf die Kosten gegenseitig die besten Leute abgeworben haben, sind in seinen Augen definitiv vorbei.

Für das eigene Haus, sagt Rothschild, bedeute diese Perspektive keinen Strategiewechsel: "Wir bewegen uns schon auf dieser Linie". Bisher sei die Traditionsbank weitgehend heil durch die Krise gekommen. "Dabei soll es auch bleiben." Der Gewinn sei zwar um etwa ein Fünftel zurückgegangen, aber man schreibe weiter schwarze Zahlen. Daran werde sich auch im laufenden Geschäftsjahr nichts ändern. Auch eine Verminderung des Personals habe Rothschild bisher vermeiden können. Ganz im Gegenteil: Selektiv werde die Bank weiter in Talente investieren, was dank der Restrukturierung der Branche heute einfacher sei als früher. Die personelle Kontinuität sei für die Stabilität der Kundenbeziehungen sehr wichtig.

Zur "Linie", an der Rothschild weiter strikt festhalten will, gehört zudem, dass die Bank den Konsolidierungsprozess der Wettbewerber nur aus der Ferne beobachten will. An eine Zusammenlegung oder ein Zukaufen von Aktivitäten verschwendet die Familie keinen Gedanken, sagt David de Rothschild. Die bisher betreuten Sektoren wie Telekommunikation, Energieversorger, Konsumgüter, Einzelhandel und Finanzinstitutionen sollen ebenso wenig angetastet oder ergänzt werden wie die Geschäftsbereiche M&A, IPO, Aktienmarktgeschäft, Privatisierungen und die Finanzberatung von Unternehmen. Alles in allem stehe Beratung bei Rothschild im Vordergrund.

Hoffnungen auf den deutschen Markt

Die Konzentration aufs Kerngeschäft sei einer der Erfolgsfaktoren. Gerade in turbulenten Zeiten. Ein anderer sei die Tatsache, dass Rothschild keine Interessenskonflikte habe. "Wir sind weder Gläubiger noch Aktionäre unserer Mandanten, noch vertreiben wir andere Produkte als M&A. Das gibt uns die Freiheit, ausschließlich an die Bedürfnisse unserer Mandanten zu denken," sagt der Baron.

Auf den deutschen Markt setzt Rothschild besondere Zukunftshoffnungen. Die Niederlassung in Frankfurt sei auf rund 50 Köpfe angewachsen: "Damit werden wir hier zu Lande mit den größten und besten Investmentbanken konkurrieren." Im ersten Halbjahr 2002 schaffte Rothschild auf dem deutschen M&A-Markt hinter Deutscher Bank, Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley und CSFB bereits den sechsten Rang. Diese Position soll weiter ausgebaut werden.

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