Handelsblatt-Gespräch mit Henning Kagermann
„Es müssen nicht immer Quantensprünge sein“

Das Handelsblatt sprach mit SAP-Chef Henning Kagermann über sein Sparprogramm und die gedämpften Erwartungen der Branche an die Cebit.

Mittwoch startet die Computermesse Cebit. Viele Firmen werden nicht mehr ausstellen. Plant auch SAP, das Cebit-Engagement zurückzufahren?

Nein. Die Cebit hat für SAP den gleichen Stellenwert wie in früheren Jahren, sowohl was das finanzielle als auch das zeitliche und personelle Engagement betrifft.

Warum setzen Unternehmen - auch SAP - dann immer stärker auf eigene Kunden- und Spezialmessen?

Das sind zwei verschiedene Foren, die sich ergänzen. Auf den eigenen Messen sprechen wir eher unsere Stamm- und Großkunden an. Auf der Cebit wiederum wenden wir uns stärker an Kunden aus dem Mittelstand, die wir sonst schwieriger erreichen.

Rechnen Sie mit echten Neuheiten?

Es müssen nicht immer technologische Quantensprünge sein. Den Kunden brennen im Moment andere Probleme auf den Nägeln. Zum Beispiel, wie sie die Betriebskosten senken können oder einen schnellen Rückfluss der Investitionen erzielen.

Welche Antworten werden die Kunden von SAP bekommen?

Die Themen haben in diesem Jahr viel mit Investitionsschutz zu tun. Beispielsweise wie neue Technologien und Anwendungen an bestehende Systeme angedockt werden können, ohne diese komplett umzubauen.

Der drohende Krieg im Irak wirft seine Schatten auch auf die Cebit. Wie schlimm wäre ein militärischer Konflikt für das Geschäft?

Wenn es zu einer militärischen Intervention im Irak käme, würden Unternehmen geplante Investitionen verschieben. Jeder vernünftige Kaufmann überlegt, wie so etwas die Planungen beeinflusst. Wir gehen bisher davon aus, dass sich der negative Einfluss auf ein bis maximal zwei Quartale beschränken würde. Wir kämen dann zwar vielleicht mit einem schlechteren Quartal heraus, das gesamte Jahr wäre aber nicht beeinflusst.

Was wäre, wenn ein Krieg länger dauert?

Dann müssten wir unsere Geschäftsstrategie noch einmal neu überdenken.

Macht Ihnen als deutsches Unternehmen die Haltung der Bundesregierung in der Irak-Krise Sorgen?

Nein, das macht uns keine Sorgen. Wir haben bislang beispielsweise in Amerika nicht gespürt, dass unsere Geschäftspartner einen Unterschied daraus machen, ob wir ein deutsches oder amerikanisches Unternehmen sind. Aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass unsere amerikanischen Wettbewerber bei öffentlichen Aufträgen versuchen werden, dieses Argument zu nutzen.

Sind die von deutschen Wirtschaftsverbänden geäußerten Befürchtungen eines negativen Einflusses auf Geschäfte deutscher Unternehmen in den USA also unbegründet?

Nein, aber es macht einen Unterschied, ob ein Unternehmen seine Produkte in den USA direkt an Endverbraucher verkauft oder an Unternehmenskunden. Als SAP haben wir es mit Kunden zu tun, die langfristige Investitionsentscheidungen treffen.

Besonders in den USA steigt das Risiko für Manager durch eine schärfere Haftung bei Fehlern in der Bilanz. Schlafen Sie heute unruhiger als früher?

Wir bilanzieren sehr konservativ. Ich glaube, SAP ist an dieser Ecke absolut wasserdicht.

Gilt das auch für die Finanzmarktkommunikation, die immer häufiger ein Fall für Rechtsanwälte und Richter wird?

Ich persönlich habe immer eine möglichst hohe Transparenz in der Kommunikation mit Anlegern und Finanzmärkten befürwortet. Leider werden aber Prognosen nur noch verkürzt und ohne die genannten Randbedingungen wahrgenommen, also muss ich mich den Spielregeln anpassen.

Auch in Deutschland will die Bundesregierung den Anlegerschutz ausbauen.

Ich würde mich freuen, wenn das mit Augenmaß gemacht würde. Wenn bestimmten Verbänden oder Institutionen schärfere Kontrollen ermöglicht werden, habe ich überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Was wir nicht wollen, sind Auswüchse eines Rechtssystems, wie wir sie in den USA sehen.

Auch SAP hat für 2003 erstmals keine Umsatz- und Ergebnisprognose abgegeben. Werden sich die Kapitalmärkte dauerhaft daran gewöhnen müssen?

Umsatz- und Ertragsprognosen werden nicht auf Dauer wegfallen. Dass derzeit so wenige Unternehmen Prognosen wagen, hängt mit der großen Unsicherheit zusammen. Deshalb hat auch SAP für 2003 nur die Ergebnismarge prognostiziert. Alles andere wäre auch von unserer Seite reine Spekulation gewesen.

Ihr neuer US-Vertriebschef Bill McDermott will in den USA 50 Prozent stärker wachsen als der Markt. Sind solche Zuwächse derzeit zu schaffen?

In Amerika setzen gute Manager gerne hohe interne Ziele, um die Verkäufer anzuspornen. Tatsächlich hellt sich in den USA die Konjunktur auf, während sie sich in Europa, und insbesondere in Deutschland, eher verdüstert.

SAP hat das im Branchenvergleich gute Jahresergebnis zu großen Teilen einem straffen Sparprogramm zu verdanken. Wie lange lässt sich so ein Kurs durchhalten?

Das Sparprogramm geht 2003 weiter, aber natürlich werden die Effekte nicht mehr so gravierend sein wie 2002. Uns ist aber auch klar, dass Sparen alleine kein Unternehmen erfolgreich macht. Was die Branche und auch SAP brauchen, ist Wachstum. Wir müssen sehr genau darauf achten, dass wir nicht wegen übertriebenen und falschen Sparens Chancen verpassen. Wenn wir überzeugt sind, dass es aufwärts geht, werden wir auch wieder stärker investieren.

Bedeutet das neue Arbeitsplätze?

Das bedeutet ganz klar neue Arbeitsplätze. Eine Zeit lang kann man die Produktivität der Mitarbeiter steigern, doch irgendwann kommt man an Grenzen. Dann müssen wir die Firma durch neue Mitarbeiter vergrößern.

Wo werden diese Arbeitsplätze entstehen?

Im Vertrieb und in der Beratung entstehen die Arbeitsplätze in den jeweiligen regionalen Märkten. Im Bereich der Entwicklung tendieren wir wegen der Kosten stärker zu ausländischen Standorten wie etwa Indien oder Osteuropa.

Was ist mit Deutschland?

Über den Daumen gepeilt, würde ungefähr ein Drittel der Stellen auf Deutschland entfallen.

Die Softwarebranche geht in das dritte Krisenjahr. Von der erwarteten Konzentrationswelle ist dennoch nicht viel zu sehen. Woran liegt das?

Es zeigt sich, dass die kleinen Softwarefirmen nicht einfach von den großen gekauft werden. Vielmehr wächst die Kluft zwischen Groß und Klein. Es wird weiterhin viele Anbieter geben, aber die Bedeutung der meisten wird drastisch sinken.

Wie viele relevante Anbieter wird es am Ende geben?

Vielleicht eine Hand voll. SAP ist einer davon.

Microsoft auch. Macht Sie der Einstieg von Bill Gates in den Markt für Unternehmenssoftware nervös?

Nein. Wir sind in vielen Bereichen Partner und in anderen eben Konkurrenten. Aber bei Softwaresystemen für Großunternehmen ist Microsoft kein Wettbewerber. Und das ist zurzeit für SAP das größte Ertragssegment.

Ein Hoffnungsträger für Wachstum ist der Staat. Doch das Geschäft mit der öffentlichen Hand gilt als zäh.

Die öffentlichen Verwaltungen haben im Vergleich zur Wirtschaft einen enormen Nachholbedarf, was elektronische Prozesse angeht. Das ist für die Software-Anbieter eine große Chance. Zugleich müssten aber auch die Abläufe in den Verwaltungen neu organisiert werden. Wir leisten uns immer noch ein kameralistisches System, in dem jede Kommune und jedes Bundesland eigene Regeln festlegt. Es gibt längst Länder, die sich einer normalen Rechnungslegung angeglichen haben. Doch die Änderung der Abläufe ist wesentlich schwieriger als die Einführung neuer Software.

Laufen Sie nicht Gefahr, in der politischen Diskussion über die Bürokratie zwischen die politischen Fronten zu geraten?

Die Einführung von Software wird im öffentlichen Sektor häufig missbraucht, um politische Spielchen zu betreiben. Deshalb müssen alle mit Aufträgen, die mit Steuergeldern bezahlt werden, besonders vorsichtig umgehen.

Immer wieder wird über den Rückzug des SAP-Mitgründers Hasso Plattner aus dem Vorstand spekuliert. Steht an der SAP-Spitze eine Veränderung bevor?

Wir haben den Vorstand mit der Berufung von Léo Apotheker als Vertriebschef und zuletzt Shai Agassi für den Bereich Technologie verstärkt und verjüngt. Alle anderen Fragen hängen auch vom Lebensalter der Betroffenen ab. Wenn man sich einem Alter von 60 Jahren nähert, denkt jeder Manager darüber nach, wie lange die Amtsperiode noch dauern soll. Das ist ein normaler Prozess, und alles andere ist Spekulation.

Zur Person: Henning Kagermann

Henning Kagermann, Co-Vorstandssprecher der SAP, hat keinen einfachen Job. Das Wort seines Kollegen Hasso Plattner, Mitgründer und Großaktionär des Unternehmens, hat ein erhebliches Gewicht. Weil sich dieser jedoch zunehmend aus dem operativen Geschäft zurückzieht, führt Kagermann die Geschäfte allein. Beobachter rechnen fest damit, dass Kagermann nach Plattners vollständigem Ausstieg das Ruder übernehmen wird. Im Konzern, bei Analysten und Investoren genießt der 55-Jährige viel Respekt. Sie bescheinigen dem Manager mit Hochschullaufbahn exzellente Produktkenntnisse.

Das überrascht nicht. Er kennt in der Software-Schmiede jeden Winkel. Seitdem er vor 20 Jahren von der Uni zu SAP wechselte, hat er in nahezu allen Bereichen des Konzerns gearbeitet. Schnell entdeckten die SAP-Mitgründer die Vorzüge ihres neuen Mitarbeiters: Seine Fähigkeiten verhelfen ihm zum Sprung in den Vorstand. Im Mai 1998 steigt er neben Plattner zum zweiten Vorstandssprecher des Softwarekonzerns auf. Er ist der erste Angestellte, dem dies gelingt. Seine ruhige und zurückhaltende Art machen Kagermann bei Mitarbeitern zum gern gesehenen Gesprächspartner.

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