Handelsblatt-Gespräch mit Vorstandschef Ewald Kist
ING: Netter Vorsprung bei Allfinanz

Die niederländische ING-Gruppe hofft, dass Allianz und Dresdner eine Allfinanz-Konsolidierung in Europa anstoßen. ING-Vorstandschef Ewald Kist plant kleinere Übernahmen für Deutschland, Europa, Asien und Südamerika. Ab 2003 peilt er auch wieder große Akquisitionen in den USA an.

AMSTERDAM. "Es ist prima, dass so ein Riese wie die Allianz mit der Übernahme der Dresdner Bank den Weg einschlägt, den wir vor zehn Jahren genommen haben." Vergnügt und stolz kommentiert Ewald Kist, Vorstandschef der Amsterdamer ING Groep N.V., dass das Allfinanzkonzept der Niederländer endlich auch in Deutschland Nachahmer findet.

Kist hofft, dass sich auch andere europäische Institute ein Beispiel nehmen. Er bleibt während der nun beginnenden Konsolidierung auf dem deutschen und dem europäischen Markt mit allen im Gespräch. "Eines Tages gibt es vielleicht einen Allfinanzpartner, mit dem eine grenzüberschreitende und gleichgewichtige Fusion möglich ist", sagte Kist im Gespräch mit dem Handelsblatt.

ING sei als drittgrößtes europäisches Finanzinstitut gemessen am Börsenwert von 73 Mrd. Euro allerdings nicht auf noch mehr Größe angewiesen, betonte Kist. Ein Zusammenschluss müsse schon deutliche Vorteile bringen, um die Nachteile der großen Kulturunterschiede in Europa auszugleichen.

Die Diba soll künftig ING Direkt heißen

Von der Expansion der Allianz fühlt sich Kist nicht bedroht. "Die Welt ist groß genug. Wir waren nie Konkurrenten und sind uns auch bei den US-Übernahmen nicht in die Quere gekommen." Schmunzelnd meinte er: "Wir haben zudem einen netten Vorsprung im Allfinanzgeschäft und nutzen ihn für den Ausbau unserer deutschen Aktivitäten."

ING integriert derzeit die 1999 erworbene BHF-Bank und hält 49 % an der Allgemeinen Deutschen Direktbank (Diba) . Kist verhandelt über eine Mehrheitsbeteiligung an der Diba, mit deren Geschäft er "überaus zufrieden" ist.

Er will ihr den eigenen Markennamen ING Direkt geben. "Ob und wann es dazu kommt, ist aber noch unsicher." Zwischenlösung könnte das Umtaufen in ING Diba sein. Die Beteiligunggesellschaft der Gewerkschaften BGAG hält 51 % an Diba.

Allianz und Dresdner seien in den nächsten drei bis vier Jahren mit sich beschäftigt, da die kulturelle Integration zwischen Bank- und Versicherungsmenschen mühsam sei, meinte Kist. "Man fällt immer wieder auf die Nase und muss erneut aufstehen." Vielleicht gelinge es den Deutschen rascher, da sie von den Erfahrungen des Pioniers profitieren könnten. Jedoch sei erschwerend, dass der Zusammenschluss anders als bei ING nicht auf Basis von Gleichwertigkeit geschehe.

"In der Praxis ist Allfinanz viel schwieriger, als man denkt", sagte Kist. Andererseits gebe es mehr Synergievorteile als gemeinhin angenommen. Selbst nach zehn Jahren seien noch Möglichkeiten zu entdecken, sagte er in Anspielung auf die jüngste Umstrukturierung bei ING. Die Zusammenfügung von Corporate und Investmentbanking soll deren Kosten um jährlich 500 Mill. Euro senken.

Kist hob die Messlatte höher: Durch die Ausschöpfung aller Synergien und eine höhere Effizienz in Europa soll der Konzerngewinn ab diesem Jahr aus eigener Kraft um wenigstens 12 % statt bisher 10 % steigen.

ING, die früher als beispielsweise ABN Amro N.V. ihr Portefolio durchkämmte, verlangt von allen Betrieben Drei-Jahres-Pläne. Die Töchter werden jährlich auf Herz und Nieren geprüft. "Wer die Vorgaben nicht erfüllt, muss die Pläne anpassen oder wird notfalls wie ING Barings USA verkauft."

Wunschliste für fast alle Länder Europas

Kist betrachtet "Konsolidierung, Integration und mehr Synergie" als seine Aufgabe für die kommenden zwei Jahre. Sobald aber die US-Übernahmen von Aetna und ReliaStar verdaut seien, werde ING die im vergangenen Jahr dadurch erworbene Position des zehntgrößten Versicherers und Vermögensverwalters der USA durch Zukäufe verteidigen, kündigte Kist an.

ING werde sich an der Konsolidierung des US-Marktes beteiligen. In etwa zwei Jahren werde ING überdies die Option auf die Mehrheitsbeteiligung an dem größten mexikanischen Versicherer Seguros Comercial América ausüben, signalisierte Kist. Zur Zeit hält ING 41 %.

Kist peilt jedoch jetzt schon einige kleinere Übernahmen an. Dafür hat er in diesem Jahr rund 3 Mrd. Euro bereitstehen. "Für nahezu alle Länder Europas habe ich eine Wunschliste. Insbesondere in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind wir noch nicht komplett." Ost- und Südeuropa seien ebenso Wachstumsregionen wie die USA, Kanada, Asien und Südamerika, so Kist.

Das Institut will in allen drei Bereichen expandieren: Versicherungen (Anteil am Betriebsgewinn 2000: 50 %), Bankprodukte (35 %) und Vermögensverwaltung (15 %).

Für die Vermögensverwaltung gibt Kist eine klare Vorgabe: In drei bis vier Jahren soll sie ein Viertel des Ergebnisses liefern. Das Verhältnis Versicherung zu Bank ist ihm allerdings gleich. Der Auslandsanteil am Ergebnis, derzeit 40 %, soll weiter steigen.

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