Handelsblatt-Interview
„Jetzt Weichen richtig stellen“

Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder sprach mit dem Handelsblatt über die Lage der ITK-Branche:

Die ersten Monate des laufenden Jahres liefen gut für die ITK-Branche. War das ein Strohfeuer?
Die Trendwende ist nachhaltig. Nach zwei Jahren der Seitwärtsbewegung geht es nun wieder spürbar voran. In diesem Jahr werden wir mit einem Plus von 2,5 Prozent wieder über dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum liegen. Unsere positive Sicht endet deshalb keineswegs zum Jahresende.

Wie sind denn die Aussichten für das nächste Jahr?
Noch besser: Das Wachstum beschleunigt sich. Wir rechnen mit 3,4 Prozent plus. Mittelfristig wird die ITK-Branche etwa doppelt so schnell wachsen wie die Gesamtwirtschaft und sich damit wieder als Zugpferd erweisen.

Wo liegen die Hauptgründe für die derzeitige Erholung der Branchenkonjunktur?
Zum einen hatten sich Firmen seit 2001 bei Ersatzinvestitionen zurückgehalten und Zukunftsprojekte verschoben. Das ist nun vorbei; der Investitionsstau löst sich auf. Zum anderen drängen neue Technologien auf den Markt, etwa die UMTS-Technik oder das digitale Fernsehen. Das schiebt den Markt an.

Welche Teilbranchen sind die Markttreiber, welche haben Schwierigkeiten?
Traditionell gut entwickelt sich der Mobilfunk: Er hat die Sprachtelefonie im Festnetz überrundet und wächst mit Raten von mehr als sieben Prozent weiter. Erfreulich steht auch der Softwaremarkt da. Nach einem Minus im vergangenen Jahr legen die Unternehmen jetzt etwa 3,5 Prozent und im kommenden Jahr sogar 5,5 Prozent zu. Echte "Sorgenkinder", wie zuletzt die Hardware, gibt es nicht mehr. Der Trend zu Notebooks und Multifunktionsgeräten, nicht zuletzt auch die Investitionen in Mobilfunk-Sendetechnik sorgen für gute Umsätze.

Was bedeuten Ihre Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Branche für den Arbeitsmarkt?
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt stabilisiert sich. In diesem Jahr kommt der Arbeitsplatzabbau der vergangenen zwei, drei Jahre zum Stillstand. Zum Jahreswechsel rechnen wir mit etwa 741 000 Beschäftigten in der ITK-Branche. Dieses Niveau werden wir im kommenden Jahr leicht anheben und mittelfristig werden neue Mitarbeiter gesucht.

In Umfragen ihres Verbandes bezeichnen viele Unternehmen die politische Situation in Deutschland als großes Markthemmnis...
Die Politik hat inzwischen die richtige Richtung eingeschlagen - und das ist schon mal ein Erfolg, mit dem vor zwei Jahren die wenigsten gerechnet hätten. Wir fordern vor allem, dass sich die Reformer in Bund und Ländern nicht beirren lassen von den Ewiggestrigen, die hier und dort Widerstand leisten. Wir fordern auch, dass Tempo zugelegt wird, in der Steuerpolitik, bei der Reform des Arbeitsrechts oder der Modernisierung des Bildungswesens.

Welche Technologie-Projekte müssten jetzt dringend angepackt werden?
Deutschland ist in weiten Teilen noch ein analoges Land. Die Gaststättenkonzession, der Bauantrag, das Rezept beim Arzt - alles wickeln wir auf Papier ab. Das kostet unnötig Geld und macht uns im internationalen Vergleich zu langsam. Die Verzögerungen etwa bei der elektronischen Gesundheitskarte sind symptomatisch. Ähnlich sieht es im Bildungswesen aus, wo neue Medien weiterhin ein Schattendasein fristen. In Dänemark steht bereits auf jeder Schulbank ein PC. Oder nehmen Sie den Digitalfunk für Sicherheitsbehörden: Unsere Polizei funkt mit Analogtechnik aus den siebziger Jahren. So viel technologische Nostalgie findet man ansonsten nur noch in Albanien.

Was kann eine Messe wie die Systems für die Lage der Branche tun?
Die Systems ist der zweite große Treffpunkt unserer Branche und ein wichtiger Gradmesser im zweiten Halbjahr. Die Abkühlung in der ITK-Industrie, vor allem aber auch der Zusammenbruch der "New Economy" haben der Systems in den letzten Jahren zugesetzt. Wir sollten die Messe aber nicht unterschätzen. Die Systems gehört weltweit zu den Top Ten der ITK-Messen. Die Franzosen und Briten würden sich die Finger nach einer solchen Plattform lecken.

Wie sehen sie die Lage der deutschen ITK-Branche in zehn Jahren?
In zehn Jahren werden wir die Visionen von heute verwirklicht haben: Breitbandigkeit, unbegrenzte Mobilität, Information everywhere, anyhow. Wir werden eine ganz neue Stufe der Konvergenz erleben, mit explodierenden Märkten an den Technologieschnittstellen zum Maschinenbau, der KFZ-Technologie oder z.B. der Medizintechnik. IT wird der Kern der Wirtschaft und ihr Beschäftigungsmotor sein - wenn wir jetzt die Weichen richtig stellen.

Das Gespräch führte Alexander Freisberg.

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