Handelsblatt-Konjunktur-Indikator stagniert im April den dritten Monat in Folge
In der Euro-Zone gilt das Prinzip Hoffnung

Zahlreiche Ökonomen rufen für den Euro-Raum bereits lautstark den Aufschwung aus. Aber von einer schnellen Erholung kann kaum die Rede sein. Die Stimmung bessert sich nur allmählich, die Produktion steckt im Keller, die Preisrisiken steigen. Springen die Investitionen nicht an, drohen Inflation und schwaches Wachstum - die Stagflation.

HB DÜSSELDORF. Hoffnung aller Orten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will offenbar seine Wachstumsprognose für die Euro-Zone von derzeit 1,2 % anheben, hieß es am Wochenende aus der italienischen Regierung. Wim Duisenberg, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), erwartet "einen Wirtschaftsaufschwung im Jahresverlauf". Und das Kieler Institut für Weltwirtschaft ist überzeugt: "Euroland - der Aufschwung beginnt."

Doch allem verbalen Optimismus zum Trotz: Die harten Wirtschaftsdaten zeigen sich in der Eurozone noch überaus widerspenstig. Die Industrieproduktion in Euro-Land (ohne Bau) stagnierte zuletzt. Die Februar-Zahlen zu den Auftragseingänge in Deutschland waren eine einzige Enttäuschung. Statt des erwarteten Plus von 1 % bekamen die Industrie-Unternehmen 1 % weniger Aufträge als im Vormonat.

Der Handelsblatt-EurokonjunkturIndikator zeigt für das erste Halbjahr nur eine Stagnation des Wachstumstrends bei knapp 1 %. Im April verharrte der Indikator bei 0,9 %. Das macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Erholung - noch nicht einmal zu Beginn der zweiten Jahreshälfte.

Zudem werfen zwei Risiken Schatten auf einen baldigen Aufschwung: überhöhte Tarifabschlüsse und steigender Ölpreis. Beides könnte die Inflation in der Euro-Zone beflügeln und es der EZB schwer machen, die anvisierte eins vor dem Komma bei der Inflationsrate zu erreichen. Die Rendite langfristiger Kapitalanlagen ist im März bereits kräftig gestiegen.

Immerhin: Deutschland, bisher Bremse des europäischen Konjunkturzugs, mauserte sich zuletzt gar fast zum Kopiloten. Während die Industrieproduktion im Januar in der Euro-Zone insgesamt stagnierte, nahm sie hier zu Lande um 1 % zu, nach Spanien (+2,8 %) der beste Wert in Euroland. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, wie die schwachen Auftragseingänge im Februar zeigen. Viele Volkswirte erwarten aber, dass die Industrieproduktion in den kommenden Monaten anzieht. Bisher zeigt der mittelfristige Trend noch nach unten.

Auch bei den Stimmungsindikatoren der EU-Kommission fiel Deutschland zuletzt endlich einmal positiv auf. Das Industrievertrauen kletterte hier zu Lande um 4 Zähler - ein Punkt mehr als in der gesamten Euro-Zone. Absolut betrachtet liegt das Industrievertrauen in Euro-Land mit-11 Punkten aber auf niedrigem Niveau. Immerhin haben sich die Produktionserwartungen der Unternehmen und der Auftragseingang verbessert. Zudem rechnen weniger Firmen als bisher mit sinkenden Verkaufspreisen. Viel mehr als das Prinzip Hoffnung verbirgt sich hinter diesen Zahlen allerdings noch nicht.

Die europäischen Verbraucher bleiben weiter skeptisch. Im April stagnierte das Konsumentenvertrauen im Euroraum bei-9 Punkten. Zwar glauben sie allmählich an den Aufschwung. Eine wesentliche Verbesserung ihrer eigenen Situation leiten sie daraus aber nicht ab. Und von einem Konsumrausch sind sie weit entfernt - größere Anschaffungen werden vertagt.

Die Geldpolitik steckt in der Zwickmühle: Eine weitere Leitzinssenkung würde die Inflationsrisiken weiter erhöhen. Höhere Zinsen kommen dagegen kaum in Frage, solange die Konjunktur noch nach Atem ringt.

Immerhin schwächt sich der seit Herbst 2001 aufgebaute Geldmengenüberhang allmählich ab. Zum ersten Mal stieg die Geldmenge M2 im Februar saisonbereinigt nicht weiter. Mit plus 6,2 % lag das Wachstum aber deutlich über dem Vorjahreswert. Die EZB hatte diese Entwicklung erwartet - zurücklehnen können sich die Notenbanker trotzdem nicht.

Denn der angepeilte Abbau der Inflation auf unter 2 % wird schwieriger als gedacht. Im Februar stiegt der harmonisierten Verbraucherpreisindex zwar nur um 2,4 % nach 2,7 % im Vormonat. Aber die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel ist weiter geklettert. Falls die deutschen Gewerkschaften ihre Lohnforderungen auch nur halbwegs durchsetzen, kann die EZB ihr Inflationsziel von unter 2 % in diesem Jahr wohl abschreiben.

Schon heute sind die Kapitalmärkten verunsichert. Zwar hält sich das Plus beim Dreimonatszins Euribor im März mit 0,03 Prozentpunkten auf 3,39 % noch in engen Grenzen. Bei den längeren Laufzeiten steigt aber die Nervosität. Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen dürfte im Euroraum im Monatsdurchschnitt März auf etwa 5,2 % geklettert sein. Die EZB wertet dies als Zeichen für den bevorstehenden Aufschwung. Und der Anstieg, der in den Eurokonjunktur-Indikator eingehenden Zinsdifferenz auf 1,8 %, ist in der Tat ein positives Signal. Auch der rechnerische Realzins ist mit knapp 3 % derzeit alles andere als hoch.

Damit sich der breite monetäre Spielraum in reales Wirtschaftswachstum verwandelt, müssen aber bald die Investitionen anspringen. Sonst könnte ein Gespenst aus den späten siebziger Jahren wieder auferstehen: Hohe Inflation und schwaches Wachstum - die gefürchtete Stagflation.

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