Handelsblatt-Konjunkturindikatoren für Deutschland fortentwickelt
HB-Frühindikator: Leichte Belebung in Sicht

Das gesamtdeutsche Wachstum ist zum Jahresbeginn nahezu zum Erliegen gekommen, es wird sich aber im zweiten Quartal voraussichtlich leicht erholen. Darauf weist der Handelsblatt- Frühindikator hin, der ab sofort in neu justierter Version erscheint. Eine durchgreifende Erholung ist aber noch keineswegs gesichert.

MÜNSTER. Der weiterentwickelte Handelsblatt-Frühindikator ist im Februar auf 0,4 % (nach 0,3 % im Vormonat) gestiegen. Er weist seit Dezember 2001 leicht nach oben und signalisiert damit eine - allerdings noch verhaltene - Wachstumsbelebung im zweiten Quartal 2002 auf etwa 0,3 %. Nachdem die gleitende Jahresrate des gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Vierteljahr auf nahezu Null sinken dürfte, könnte somit die konjunkturelle Talsohle im Frühjahr durchschritten werden.

Noch beruht der Indikatoranstieg allerdings vor allem auf Hoffnungsgrößen, insbesondere auf einer wieder besser gewordenen Stimmung in der Industrie. Zwar zeichnet sich zumindest im Baugewerbe auch in den "harten Daten" der Orderstatistik eine allmähliche Erholung ab. Im verarbeitenden Gewerbe und im Einzelhandel ist der Durchbruch aber noch keineswegs erreicht. Nicht zuletzt die Vernunft der Tarifparteien wird mit darüber entscheiden, ob das zarte Aufschwungpflänzchen im weiteren Jahresverlauf gedeihen kann.

Der Handelsblatt-Frühindikator ist vor zehn Jahren erstmals veröffentlicht und seitdem nur zwei mal einer strukturellen Revision unterzogen worden. Seit es keine zeitnahen separaten Zahlen für das westdeutschen BIP mehr gibt, wurde ihm als neue Referenzgröße das Wachstum des gesamtdeutschen BIP (in gleitender Jahresrate) zu Grunde gelegt.

Nachdem inzwischen hinreichend lange Zeitreihen vorliegen, gehen in den Frühindikator ab sofort auch nur noch gesamtdeutsche Werte für die Einzelgrößen ein. Der Frühindikator ist damit zu einem Prognoseinstrument für den gesamtdeutschen Wachstumstrend geworden, dem er etwa wie bisher ein Vierteljahr vorausläuft.

Zudem wurde das Ifo-Geschäftsklima durch die Ifo-Geschäftserwartungen im verarbeitenden Gewerbe ersetzt. Dazu konnte auf entsprechende gesamtdeutsche Berechnungen zurückgegriffen werden, die das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung seit einiger Zeit vornimmt und demnächst auch publizieren wird.

Durch diese Veränderungen, die rückwirkend ab dem vierten Quartal 1992 bei der Berechnung des Handelsblatt-Frühindikators berücksichtigt werden, hat sich seine aktuelle Prognosequalität verbessert. Vor allem die oberen Wendepunkte werden nunmehr mit größerem zeitlichen Vorlauf als zuletzt angezeigt.

Die Neujustierung hat auch die Gewichte der Einzelgrößen verschoben. Die wichtigste Einzelgröße sind jetzt die Ifo-Zahlen mit 41 % (bisher 30 %), gefolgt vom Bau-Auftragseingang mit 19 % (bisher 10 %) und dem Einzelhandelsumsatz mit 17 % (bisher 30 %). Das verarbeitende Gewerbe hat bei den Neuaufträgen mit nunmehr 15 % (bisher 20 %) an Gewicht verloren, wird aber entsprechend stärker durch die Ifo-Erwartungen abgedeckt. Das Gewicht der Zinsstruktur blieb mit 8 % fast gleich hoch wie bisher (10 %).

Auch das im Januar 1995 eingeführte Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die neuen Länder wurde einer gründlichen Revision unterzogen. Zuletzt hatte es tendenziell zu günstige Werte ausgewiesen - zumindest gemessen an den Ergebnissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR). Diese liegen allerdings für Ostdeutschland inzwischen nur noch jährlich vor. Sie ließen sich zudem in letzter Zeit kaum noch mit den viel günstigeren Daten der Produktions- und Auftragseingangsstatistik in Einklang bringen. Offensichtlich spielt die Strukturkrise des Baugewerbes für das schwache Wachstum im Osten eine wesentlich größere Rolle, als es nach dem Anteil der Bauwirtschaft am ostdeutschen Produzierenden Gewerbe von zuletzt 38 % (Gesamtdeutschland: 15 %) eigentlich zu erwarten wäre.

Das neu berechnete Handelsblatt-Konjunkturbarometer Ost trägt diesem Phänomen Rechnung: In die Berechnung geht nun anstelle der Auftragseingänge die Produktion des Bauhauptgewerbes ein, und zwar mit einem Gewicht von 82 % statt bisher 40 %. Als weitere Einzelgrößen verbleiben nur noch die Auftragseingänge des ostdeutschen verarbeitenden Gewerbes mit 11,5 % (bisher 15 %) und das Ifo-Geschäftsklima für diesen Wirtschaftsbereich mit 6,5 % (bisher 25 %). Die Ifo-Geschäftsklima-Salden für den Einzelhandel und für die gewerbliche Wirtschaft insgesamt werden im Ostbarometer nicht mehr berücksichtigt.

Das Konjunkturbarometer in neuer Version ist eher ein gleichlaufender als ein vorlaufender Indikator für das ostdeutsche Wirtschaftswachstum. Es bildet dieses für die jüngere Vergangenheit wesentlich besser ab als die bisherige Version (Grafik rechts). Wegen des für Ostdeutschland besonders starken Zeitverzugs der Veröffentlichung offizieller Wachstumsraten behält das Handelsblatt-Ostbarometer gleichwohl einen starken Vorlauf gegenüber der amtlichen Statistik. Es bleibt allerdings gegenüber dem Handelsblatt- Frühindikator auch mit wesentlich höheren Unsicherheiten hinsichtlich der Prognosequalität behaftet.

Für das Gesamtjahr 2001 deutet das Ostbarometer auf eine Schrumpfung des ostdeutschen BIP um etwa 1,5 % hin. Zwar sind die Barometerwerte seit November wieder leicht aufwärts gerichtet. Der aktuelle Stand für Februar 2002 liegt mit-1,1 % (nach-1,3 % im Vormonat) freilich immer noch im negativen Bereich. Bislang kann somit bestenfalls von einer Abflachung der Abwärtsentwicklung in den neuen Ländern gesprochen werden.

Die Perspektiven für die gesamtdeutsche Wirtschaft haben sich gleichwohl zuletzt etwas aufgehellt, wie der Anstieg des Handelsblatt-Frühindikators zeigt. Während die aktuelle Geschäftslage des verarbeitenden Gewerbes im Januar laut Ifo-Konjunkturtest nochmals schlechter eingeschätzt wurde als im Vormonat (-27,2 nach-26,9 Punkten), setzten die Geschäftserwartungen mit-16,9 Punkten (nach-19,2 im Januar) ihren seit November anhaltenden Erholungskurs fort. Sie haben jetzt sogar wieder ein günstigeres Niveau als in den Sommermonaten 2001 erreicht. Dies bestärkt die Hoffnung, dass sich hinter der aktuellen Stimmungsbesserung mehr verbirgt als eine bloße "technische" Korrektur des Terrorschocks vom 11. September.

Auch die Auftragseingänge des gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbes haben im November erstmals wieder etwas zugelegt. Das saisonbereinigte Plus gegenüber dem Vormonat blieb allerdings mit 0,7 % sehr bescheiden. Es resultierte zudem ausschließlich aus dem Export (+2 %), während die Inlandsnachfrage weiter um 0,5 % nachgab. Insbesondere blieb die Investitionsgüternachfrage, schon seit geraumer Zeit die Achillesferse der deutschen Konjunktur, ausgesprochen flau.

Im Einzelhandel ist trotz eines Umsatzzuwachses im November von 0,9 % bislang keine nachhaltige Erholung zu erkennen. Zwar dürften die Kassen zum Jahresende wegen der Währungsumstellung und des offensichtlich guten Weihnachtsgeschäfts nochmals geklingelt haben. Eine wirkliche Trendwende würde aber deutlich bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt voraussetzen. Angesichts der bevorstehenden, harten Tarifrunde stehen dafür die Chancen allerdings auf absehbare Zeit nicht gut.

In der Bauwirtschaft scheint die Talfahrt allmählich auszulaufen. Das gilt sowohl in den alten als auch in den neuen Ländern. Der November brachte gesamtdeutsch ein kräftiges Auftragsplus von 3,8 %, getragen vor allem vom Tiefbau und vom sonstigen Wohnungsbau. Ob dies die lang ersehnte Trendwende am Bau ist, steht allerdings dahin.

Zur Belastung könnten vor allem die Kapitalmarktzinsen werden, die - gemessen an der Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere - im Januar weiter von 4,6 % auf 4,8 % gestiegen sind. Bei unverändertem Dreimonatszins Euribor (3,34 %) kletterte damit die in den Handelsblatt-Frühindikator eingehende Zinsdifferenz auf 1,5 Punkte, was tendenziell ein positives Konjunktursignal ist.

Bisher scheint der Zinsanstieg am langen Ende allerdings vorwiegend von den internationalen Kapitalströmen und von neu aufflackernden Inflationserwartungen getragen zu werden und nicht etwa von zunehmender Investitionslust der inländischen Unternehmen, wie es eigentlich wünschenswert wäre. Insofern ist der Beginn eines neuen Aufschwungs noch alles andere als gesichert.

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