Handelsblatt-Korrespondenten berichten: „Bitte keine Kriegsfilme“

Handelsblatt-Korrespondenten berichten
„Bitte keine Kriegsfilme“

Das Haus füllt sich wieder. Der Buchhalter Natan und seine Frau Noemie, der Chirurg Chaim und die Chemikerin Rebekka sowie der Elektriker Bezalel und seine Frau Judy sind gestern zurückgekommen.

Das Haus füllt sich wieder. Der Buchhalter Natan und seine Frau Noemie, der Chirurg Chaim und die Chemikerin Rebekka sowie der Elektriker Bezalel und seine Frau Judy sind gestern zurückgekommen. Unter den Nachbarn hatte sich schon Ende Februar herumgesprochen, dass die drei Paare aus Angst vor Scud-Raketen das Weite suchen würden. Vor allem der 59-jährige Chaim hat böse Erinnerungen an 1991, als in Tel Aviv solche Raketen einschlugen. Aber jetzt tun alle "Flüchtlinge" so, als ob sie die Reise vor Wochen geplant hätten. Rebekka schiebt ein Familienfest in der Nähe von Rosch Pina vor. Wo jeder weiß, dass ihr Mann Chaim alle Familienfeste mit der Ausrede meidet, er müsse für Notfälle jederzeit verfügbar sein. Und Natan will uns vormachen, ein wichtiger Kunde habe ihn in sein Wochenendhaus in Sichron Jaakov eingeladen. Dabei hat sich längst herumgesprochen, dass sein Büro wegen der Wirtschaftsflaute die größten Kunden verloren hat. Und die Hotelfachfrau Judy, die seit Monaten über die Tourismuskrise jammert, schwärmte heute im Lift, die Reise nach Zypern habe ihr sehr gut getan - "du weißt ja, wie groß der Stress in der Firma in den letzten Monaten war".

Jetzt sind sie also wieder zurück, weil sich die Lage an der Kriegsfront für Tel Aviv entspannt hat. Doch im Grunde genommen waren auch wir Daheimgebliebenen nicht unbesonnen mutig und hatten für alle Eventualitäten vorgesorgt. Dass wir stets die Gasmaske bei uns tragen, ist selbstverständlich. Die Hausverwaltung hatte bereits im Januar den Luftschutzkeller reinigen lassen und wies auf einem handgeschriebenen Zettel im Treppenhaus darauf hin, jeder müsse für seine "persönliche Ausrüstung" selbst sorgen. Also haben wir uns mit Konserven, Wasserflaschen, Taschenlampen und einem Transistorradio eingedeckt. Und ich habe einen Raum, der nur ein Fenster hat, vorschriftsgemäß mit Plastikfolien und Klebebändern luftdicht versiegelt, um im Falle eines unkonventionellen Angriffs kein Giftgas einatmen zu müssen. So klein das Risiko eines solchen Angriffs auch ist - sicher ist sicher. Deshalb habe ich auch gleich vier DVDs ausgeliehen, die wir im Fall eines Angriffs im versiegelten Zimmer angesehen hätten. Nur einen Wunsch hatte die Familie: "Bitte keine Kriegsfilme."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%