Handelsblatt-Korrespondenten berichten
Mit Gasmaske an der Wall Street

Die Börsianer an der Wall Street blicken mit Argusaugen auf die Geschehnisse im Irak. Rund um die Börse ist schon seit dem 11. September 2001 nichts mehr so wie in der Zeit davor.

Wenn Ted Weisberg morgens zur Arbeit geht, patrouillieren Polizisten mit Hunden die Straße entlang. In der U-Bahnstation stehen kleine Gruppen junger Soldaten, die Maschinenpistolen lässig über den Schultern hängend. Selbst an seinem Arbeitsplatz begegnet Weisberg auf Schritt und Tritt Wachleuten.

Weisberg, Gründer und Chef des Wertpapierhauses Seaport Securities, arbeitet nicht in einer Phantasiewelt à la George Orwells "1984", sondern an der New Yorker Börse. "In Kriegszeiten handeln die Marktteilnehmer noch emotionaler als ohnehin schon. Aber als Profi muss man eine gewisse Distanz wahren", sagt Weisberg, der bereits während des Vietnamkriegs Aktien kaufte und verkaufte. Doch die starken Sicherheitsmaßnahmen beweisen, dass an der Wall Street keineswegs "business as usual" läuft. Auch die extremen Kursausschläge der vergangenen Tage zeigen, wie intensiv die Börsianer jede Wendung im Irak-Krieg verfolgen.

Der Grund dafür heißt "Ground Zero".

Keine 300 Schritte hinter der New York Stock Exchange (NYSE) gähnt ein riesiges Loch. Dort stand das World Trade Center, bevor Terroristen mit zwei entführten Flugzeugen hineinflogen. "Jeden Tag erinnern uns die Polizisten, die Hunde und die Waffen an den elften September", sagt Weisberg, der seit 1969 an der größten Börse der Welt akkreditiert ist. Im höchsten Gebäude New Yorks schlug das Herz der Finanzmärkte. Deshalb fühlen sich die New Yorker Banker als stark gefährdete Ziele weiterer Terroranschläge. Sie begrüßen die verschärften Sicherheitsmaßnahmen, die seit Beginn des Irak-Kriegs herrschen. Saddam Hussein und Osama bin Laden sind für viele Wall-Street-Banker zwei Seiten derselben Medaille.

"Wir sind alle Ziele", sagte ein Händler in einem Fernsehinterview. Er trägt seit vergangener Woche eine Gasmaske und Augentropfen im Rucksack mit sich - für alle Fälle. Die Mehrheit der New Yorker Bevölkerung lehnt den Irak-Krieg ab. Aber das gilt nicht für die Wall Street. Zwar diskutieren die Händler ihre Einstellung nur ungern mit dem deutschen Reporter. Auf Nachfrage heißt es jedoch immer wieder: "Ich stehe hinter meiner Regierung und meinem Präsidenten." Das sagt auch Weisberg, und er fügt hinzu: "Ich vertraue darauf, dass wir im Irak das Richtige tun."

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