Handelsblatt-Korrespondenten berichten: Nach Hause, in den Krieg

Handelsblatt-Korrespondenten berichten
Nach Hause, in den Krieg

Trotz der heftigen Kämpfe zieht es die Menschen in ihre Heimat zurück.

Wahab Ajil Hejan legt fünf Dinar, umgerechnet etwa acht Euro auf den Tisch in dem kleinen, heruntergekommenen Büro in der Innenstadt von Amman. So viel kostet die Fahrt im Bus von der jordanischen Hauptstadt bis an die Grenze zum Irak. Der 25-jährige, kräftige Mann will in seinen Heimatort al-Muthanna zurück, in der Nähe der heftig umkämpften Stadt Nadschaf. Dort leben seine Frau und seine sechs Monate alte Tochter.

Doch Hejan will nicht etwa seine Angehörigen aus dem Kampfgebiet herausbringen. "Ich werde kämpfen und mein Vaterland verteidigen", sagt er. Hejan hatte sich wie viele seiner Landsleute auf Baustellen im benachbarten Ausland verdingt, um seine Familie daheim ernähren zu können. Erst gestern wurde er aus dem Krankenhaus entlassen, wo er wegen Atemproblemen behandelt wurde. Sonst wäre er viel früher losgefahren.

Einwände, in den sicheren Tod zu gehen, weil die Amerikaner doch technisch überlegen seien und die absolute Lufthoheit hätten, lässt er nicht gelten. "Der Himmel gehört Allah - und der ist mit uns."

Wahab Ajil Hejan reist mit zwei Freunden gemeinsam. Gestern seien bereits zehn Bekannte in den Irak zurückgekehrt. Der Transportunternehmer Saed al-Ali berichtet, er schicke täglich sieben Busse mit jeweils etwa 50 Irakern an die Grenze. Dort müssen die Rückkehrer aussteigen, weil den jordanischen Fahrern die Fahrt auf irakischem Boden bis nach Bagdad zu gefährlich ist. Doch warten auf der anderen Seite bereits Busse der irakischen Regierung auf die Männer und bringen sie gratis nach Bagdad.

Wahab Ajil Hejan trägt seine kleine Sporttasche zum Bus auf der anderen Straßenseite. Im Gepäckraum des Busses stehen bislang nur wenige Taschen, einige Plastiktüten mit billigen Bettdecken und ein Paar einzelner Schuhe. Ein alter Mann mit verbundenen Beinen und einer Krücke steigt ein, ein anderer barfuß in Sandalen. Ein Bild des irakischen Präsidenten Saddam Hussein ist aber weit und breit nicht zu sehen. "Ich kämpfe für mein Vaterland", wiederholt Wahab Ajil Hejan. Und damit auch für das Regime in Bagdad? "Saddam Hussein hat den Amerikanern nichts getan, und wir wollen sie nicht bei uns", antwortet er ausweichend.

Von einer "Befreiung" durch die Armee der Amerikaner und Briten will Wahab Ajil Hejan nichts hören. "Seit zwölf Jahren leiden die Iraker unter den Sanktionen der Uno, die auf Geheiß der Vereinigten Staaten verhängt wurden. Und jetzt wollen sie unser Öl", schüttelt er den Kopf.

Er umarmt einen Freund und steigt die drei Stufen in den spärlich erleuchteten Bus, dessen dunkle Vorhänge größtenteils zugezogen sind. Die Heimfahrt in den Krieg kann für Wahab Ajil Hejan beginnen.

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