Handelsblatt-Korrespondenten berichten: Newroz, ein Fest im Schatten den Krieges

Handelsblatt-Korrespondenten berichten
Newroz, ein Fest im Schatten den Krieges

Mehr als 100 000 Kurden haben sich an diesem Vormittag bei bitterer Kälte auf einem Ausstellungsgelände zehn Kilometer außerhalb von Diyarbakir versammelt, um ihren Jahrestag zu feiern. Ohne politische Manifestationen läuft das nicht ab.

"Ich wünschte Apo wäre hier", ruft der populäre kurdische Sänger Ferhat Tunc, und erntet donnernden Applaus. Beim Newroz-Fest, den Frühlingsfeierlichkeiten der Kurden im Südosten der Türkei, hat der inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan viele Sympathisanten. Mehr als 100 000 Kurden haben sich an diesem Vormittag bei bitterer Kälte auf einem Ausstellungsgelände zehn Kilometer außerhalb von Diyarbakir versammelt, um ihren Jahrestag zu feiern. Ohne politische Manifestationen läuft das nicht ab. Ihr "Nein zum Irak-Krieg" untermalt die Menge unüberhörbar mit einem gellenden Pfeifkonzert und schwenkt ein grün-rot-gelbes Fahnenmeer, mit den in der Türkei in dieser Kombination eigentlich verbotenen kurdischen Farben. Ab und zu taucht ein rotes Banner der PKK auf, des militanten Kurden-Flügels. "Hier sind viele Guerrilla-Kämpfer", raunt Begleiter Mehmet voll inbrünstigem Stolz. Der weiße Halbmond auf rotem Grund weht nur über dem Polizeipo-sten am Rand der Straße.

Die türkische Armee liefert zwischen Freiheitsappellen kurdischer Politiker und Gesangseinlagen loka-ler Künstler Grüße in eigener Sache ab: Phantom-Jets donnern über die Köpfe der Menge. Die Miliz ist mit schwer bewaffneten Hundertschaften aufmarschiert. Die Botschaft ist klar: Passt auf und übertreibt es nicht. Aber zu gewalttätigen Demonstrationen wie noch vor wenigen Jahren wollen die Kurden sich von der Staatsmacht nicht hinreißen lassen. Sie wollen ein friedliches Fest feiern - trotz Irak-Krieg und Unterdrückung.

Viel Anlass zum Frohsinn haben die Menschen hier nicht. Um ihre Zukunft bangen die Kurden jeden Tag. Mehr als 70 Prozent der Erwachsenen sind arbeitslos. Und gerade erst hat die Regierung in Ankara wieder einmal eine kurdische Partei verboten. Mancher Anhänger der kurdischen Minderheit befürchtet, dass der bevorstehende Vorstoß der türkischen Armee in den Nordirak auch dazu dient, den Kampf gegen die Kurden im eignen Land wieder aufleben zu lassen. Die Zeiten von Vertreibung und Ausnahmezustand sind den Kurden noch lebhaft in Erinnerung. Über dem Newroz-Fest lastet an diesem Tage eine gespannte Nervosität. Darüber kann auch die folkloristische Heiterkeit nicht hinwegtäuschen.

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