Handelsblatt-Reporter berichten
"Helfen ist ein Privileg"

In den vergangenen zehn Jahren kamen 18 Rot-Kreuz-Delegierte „im Feld“ um, zwölf Helfer starben direkt in der Schlacht. Der Tod eines Rot-Kreuz-Mitarbeiters trifft viele.

Der Krieg ist ihr Leben, der Krieg hat ihr die große Liebe genommen, der Krieg lässt sie nicht mehr los. 1990 war Antonella Notari auf ihrer ersten Rot-Kreuz-Mission im Kriegsland Somalia. Mit dabei: der Mann, den sie heiraten wollte. Sie sollten Verwundete suchen, Medizin bringen, Leben retten. Sie gerieten in einen Hinterhalt, Freischärler nahmen den Jeep unter Feuer. Das Rote Kreuz, das Zeichen der Hoffnung, konnte die Helfer nicht schützen. Antonellas Verlobter starb im Kugelhagel. "Er versuchte noch, mich zu schützen", sagt sie.

Sie ging wieder in den Krieg: Irak 1991/92, Sri Lanka, Bosnien. Mehr als zehn Jahre riskierte Antonella ihr Leben auf den Schlachtfeldern dieser Welt. Zehn Jahre kämpfte sie gegen den Tod. Heute ist die Schweizerin Chefsprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf.

Antonella zittert um ihre Kollegen in Bagdad. Im Bombenhagel harrt ein Helfer-Team aus. "Kommen die Kollegen wieder heil raus? Schlagen US-Raketen im Rot-Kreuz-Unterstand ein? Respektieren die Iraker die Neutralität der Helfer?" fragt sie sich immer wieder. "Das Schlimmste für uns ist, wenn wir trotz des Roten Kreuzes direkt angegriffen werden."

In den vergangenen zehn Jahren kamen 18 Delegierte "im Feld" um, zwölf Helfer starben direkt in der Schlacht. Der Tod eines Rot-Kreuz-Mitarbeiters trifft viele. Im Balkankrieg starb ein Freund Antonellas, der Frau und vier Kinder hinterließ. Doch auch Alte, Frauen und Kinder in Sarajewo verloren wieder ein Stück Hoffnung, weil die Rot-Kreuz-Mission abgebrochen werden musste.

Werden die Helfer süchtig nach dem Krieg? Sie habe kein Kribbeln im Bauch und nie einen Kick gespürt, sagt Antonella. Nein, ihr geht es um Hilfe. "Den Menschen zu helfen ist ein Privileg", betont sie. Am 28. März bezahlte der vorerst letzte Rot-Kreuz-Mitarbeiter für dieses Privileg mit seinem Leben. Ricardo Munguia aus El Salvador, 39 Jahre alt, wurde in Afghanistan erschossen. Tagelang weht vor der IKRK- Zentrale die weiße Flagge mit dem Roten Kreuz auf halbmast. Ein schwarzer Trauerflor liegt über dem Symbol der Hoffnung.

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