Handelsblatt-Reporter berichten
In der Provinz ist der Krieg weit weg

Während auf Washington ein Overkill an Kriegsbildern einprasselt, tickt die amerikanische Provinz anders. In Fredericksburg, einem schönen alten Städtchen mit schmucken Holzhäusern rund 80 Kilometer weiter südlich, ist der Irak kein großes Thema.

Während auf Washington ein Overkill an Kriegsbildern einprasselt, tickt die amerikanische Provinz anders. In Fredericksburg, einem schönen alten Städtchen mit schmucken Holzhäusern rund 80 Kilometer weiter südlich, ist der Irak kein großes Thema. Militärfragen sind Vergangenheit, denn im amerikanischen Bürgerkrieg gab es hier 1862 eine heftige Schlacht. "Mich interessiert in diesen Tagen vor allem meine Steuererklärung", sagt Ted Hunter, der ein großes Antiquitätengeschäft besitzt. Aber auch Ted hat Sorgen. "Die Touristen kommen nicht - und die wenigen, die kommen, halten die Hand auf ihrer Brieftasche", klagt der brummige End-Fünfziger mit grauem Seemannsbart. Dabei ist der Standort an der Caroline Street mit ihren vielen bunten Souvenirläden ideal. "Die Leute sind vorsichtig geworden", macht sich Ted seinen Reim auf die Flaute. "Es ist der Krieg, der sie zu Hause hält. Sie reisen weniger."

Einen Steinwurf von Teds Firma entfernt ist der Krieg dann doch. "Alliierte paradieren mit schwerer Artillerie durch Bagdad", lautet die fette Schlagzeile der "Washington Times" in einem Schaufenster. Auf dem daneben stehenden Foto fährt ein US-Panzer durch eine zerbombte Straße. Eine Gruppe von irakischen Jugendlichen beobachtet von einem Türeingang aus die Szene. Was geht in ihren Köpfen vor? Denken sie an "Befreier" oder "Kolonisatoren" - hof-fen sie auf das "neue süße Leben"?

Im amerikanischen Fernsehen ist die Sache klar. Unzählige Reporter in Bomberjäckchen und Helm berichten von den täglichen Fortschritten an der Front. Wer will, kann die große Kriegs-Show bei Ketchup und Cornflakes schon beim Frühstück erleben. Live und in Farbe - so nah, und doch so fern. Von Toten und Verletzten redet niemand. Früher war das anders. In der Caroline Street in Fredericksburg hängt ein Poster mit Generälen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Neben dem Konterfei von William Sherman (1820-1891) steht der Satz: "Krieg bedeutet Grausamkeit, die nicht verfeinert werden kann." Was Sherman wohl sagen würde, wenn er Donald Rumsfeld gekannt hätte?

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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