Handelsblatt-Tagung: E-Business-Strategien der Automobilindustrie
Automobilbranche muss erst ihre Hausaufgaben machen

Die großen Automobilkonzerne investieren Milliarden in E-Commerce. Die Zulieferer fürchten zunehmenden Preisdruck und beklagen sich über fehlende Kommunikation und eine mangelnde Gesamtstrategie. Nicht unberechtigt: E-Business verlangt ein Umdenken in der gesamten Arbeitsweise. Zulieferer und Hersteller müssen zusammenrücken. Keine leichte Aufgabe für eine von Ingenieuren geprägte Branche.

HB MAINZ. Die Automobilfertigung per Handy im Beduinenzelt in der Wüste kontrollieren, Material für Ledersitze per Laptop ordern auf der Zugspitze - noch sind das Visionen, aber sie wecken unterschiedliche Emotionen und Vorbehalte. Die Bosch AG zeigt ihren Mitarbeitern daher einen kurzen Film mit diesen Zukunftsbildern, um mit ihnen anschließend über die Akzeptanz von E-Business-Technologien im Automobilbereich zu diskutieren. Die Bilder sind bewusst provokativ gewählt. Nur so erzählen Mitarbeiter über ihre Ressentiments. "Die Leute schieben technische Probleme vor. In Wirklichkeit fürchten sie um die persönliche Beziehung zwischen Zulieferer und Hersteller. E-Business kann man daher nicht anordnen", meint Ulrich Eichler, Direktor Zentraleinkauf und Logistik bei der Robert Bosch AG. Eichler rät den Manager anderer Unternehmen daher: "Provozieren sie Fragen. So finden sie die wirklichen Ängste heraus." Schließlich seien diese Ängste nicht unbegründet: "Die Technologien werden auch Arbeitsplätze kosten", gibt er zu.

Offene Kommunikation oder Wettbewerb? Automobilbranche hat es bisher nicht anders gelernt

Die Vorteile der E-Business-Nutzung sind in der Branche akzeptiert. Global tätige Unternehmen wie die der Automobilbranche mit einer komplexen Produktion wissen um die Kostensenkungspotenziale durch die neue Technik. Aber die technische Seite ist die eine Seite, die menschliche die andere. "Ich werde doch nicht dem Hersteller meine volle Kapazität mitteilen", meint ein Zulieferer, der für mehrere Hersteller arbeitet, auf der Handelsblatttagung. Dann habe ich ja keinen Spielraum mehr für den andere Hersteller." Auch die Ingenieure sträuben sich gegen eine "volle Informationsweitergabe immer und an jeden". Das ist eine Frage der Unternehmens- bzw. Branchenkultur: Mitarbeiter von Automobilfirmen identifizieren sich stark mit ihrem Arbeitgeber. So nennen sich die Kollegen des Ingolstädter Unternehmens selbst "Audianer" und bei Deutschlands bekanntester Marke Daimler-Chrysler sagt man: "Ich schaff' für Daimler". Nicht zu vergessen: Der Wettbewerb. Ingenieure, die für neue und daher geheime Entwicklungen belohnt werden, sollen nun offen kommunizieren und - aus ihrer Perspektive - vertrauliche Informationen in die Datenbahn einpflegen. "Im Backend (betriebsinterne Prozesse) müssen wir noch einiges tun", sagt Engelbert Suchla, Leiter Planung und Steuerung, Vertrieb und Marketing der BMW AG. "Die Kultur entwickelt sich erst langsam."

Druck kommt überraschenderweise von der Zuliefererseite

Doch hoffnungslos ist die Lage nicht. Denn alle Beteiligten wissen um die Notwendigkeit von E-Business. Das derzeitige Informations- und Bestellsystem zwischen Herstellern und Zulieferern ist zu komplex geworden. Der Druck, Geschäftsprozesse stärker zu digitalisieren, kommt überraschenderweise von der Zuliefererseite. Sie erreicht damit die geforderte Standardisierung der Produkte, Prozesse und Abläufe. Große Systemzulieferer wie die Zahnradfabrik Friedrichshafen beispielsweise liefern Fahrwerktechnik oder Achsensysteme an verschiedene Hersteller und in verschiedene Länder. Standardisierte Produkte würden die Kosten, die durch Individualisierung und damit verbundenem erhöhten Kommunikationsaufwand entstehen, senken.

Zulieferer sehen bei Märktplätzen nicht mehr Rot

Covisint

, der Markplatz von General Motors (GM), Ford , Daimler-Chrysler und Renault/Nissan entstand auch durch Druck eines Zulieferers von GM und Ford. Der hatte gefordert, die komplexen Online-Systeme endlich einander anzupassen. Auf Covisint sollen die Hersteller mit 90 000 Zulieferern Informationen austauschen, ein- und verkaufen und Lager verwalten können- in Echtzeit. Bis jetzt ist das meiste aber noch Zukunftsmusik. "Verträge rechtsverbindlich zu machen geht nach wie vor nur per Fax," bestätigt ein Zulieferer auf Anfrage. Ähnlich sieht es auf dem Marktplatz von Volkswagen aus, die mit eigenem B2B-Portal gestartet sind. Die Zulieferer sehen die Marktplätze längst nicht mehr als Bedrohung. Delphi Automotive Systems , weltgrößter Automobilzulieferer und Teilnehmer an Covisint, spricht von einer win-to-win-Situation für Hersteller und Zulieferer. Bei der ganzen E-Business-Euphorie solle aber nicht die orginäre Aufgabe der Branche vergessen werden, meint der Vice President und Europa-Chef Delphis Jose-Maria Alapont : "Wir müssen produzieren, nicht handeln." Das E-Business generiert seiner Meinung kein Geschäft, sondern hilft nur die Kosten zu reduzieren und die Prozesse effizienter zu machen.

Nach den Hausaufgaben kommt die Kür: Kundenbeziehungsmanagement

Noch stimmt das, aber in der Zukunft könnte sich das ändern. Derzeit machen die Unternehmen noch ihre Hausaufgaben. BMW beschreibt E-Business als ganzheitlichen Ansatz, der sich an fünf Kernthemen orientiert: Produktentstehung, Bestellung bis Lieferung, Kundenbeziehungsmanagement, Interne Prozesse und E-Readiness. Diese Themen sollen bis 2003 umgesetzt werden. Zurzeit arbeitet das Unternehmen wie fast alle Companies der Branche vor allem an internen Prozessen und an der E-Readiness (Technische Verfügbarkeit). Die Zukunft der Automobilunternehmen sieht die Unternehmensberatung Accenture im Kundenbeziehungsmanagement. Statt einer absatz- und produktgetriebenen Unternehmensstrategie hin zu einer Kundenbedarfs- und Dienstleistungsorieniertung. Das hat einfache Gründe: Die Autos unterscheiden sich in der Zukunft technologisch immer weniger. Kundenbindung lässt sich nur über Brand Management, Customer Relationship Management und Aufbau zusätzlicher Servicebereiche erzielen. Auch darauf müssen die Mitarbeiter vorbereitet werden.

Internetmarktplätze der Automobilindustrie:
covisint
Newtron
supplyon
gmsupplypower
tradexchange
freemarkets.com

Schreiben Sie der Autorin: m.volberg@vhb.de

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