Handelsblatt-Umfrage bei Institut und Verbänden: Die heimischen Großbanken leiden unter einer Ertragskrise, aber nicht unter einer Liquiditätskrise
Deutschlands Finanzwelt weist Gefahr einer Bankenkrise zurück

Die heimische Kreditwirtschaft ist stabil, die Gefahr von Schieflagen von Großbanken besteht nicht, betonen vom Handelsblatt befragte Finanzexperten und Bankenchefs.

nw/pk/pot FRANKFURT/M. Trotz einer markanten Ertragsschwäche und den teilweise dramatischen Kursverlusten drohten Deutschlands Banken keine japanischen Verhältnisse - also eine an die Substanz des gesamten Finanzsystems gehende Dauerkrise.

Unterschiedliche Akzente gibt es aber bei der Frage, was die Banken tun sollen, um die Erträge auf das Niveau ihrer europäischen Branchenkollegen zu bringen. Neben der Fortsetzung des energischen Sparkurses, dessen Notwendigkeit allgemein anerkannt wird, mahnt vor allem der Bundesverband der Banken (BdB) Kooperationen und Zusammenschlüsse innerhalb der Kreditwirtschaft an.

Von einer Bankenkrise kann nach Meinung der Experten keine Rede sein. Nach Ansicht von Bernd Fahrholz, Vorstandschef der Dresdner Bank, handelt es sich bei den aktuellen Problemen der Branche "um eine Ertragskrise und nicht um einen Liquiditätskrise". Für die Stabilität der Banken bestehe keine Gefahr, auch wenn die schlechte Wirtschaftslage in Einzelfällen zu hohen Kreditausfällen führe.

Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller hält schon den Begriff "Bankenkrise" für unangemessen. Ähnlich wie Fahrholz attestiert er allerdings eine Ertragskrise und eine Kostenproblematik. Auch Christopher Pleister, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), mahnt, "die aktuelle Lage nicht überspitzt zu betrachten": Es gebe in Deutschland keine Bankenkrise.

Deutliche Worte findet Manfred Weber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken. Zwar sieht auch er keine Bonitätskrise oder gar die Gefahr einer Pleite einer deutschen Großbank. Doch hätten die Erträge der deutschen Kreditinstitute einen neuen Tiefpunkt erreicht. "Eine vergleichbare Situation hat es in Deutschland bislang nicht gegeben." Früher habe es bei einzelnen Kreditinstituten Schwierigkeiten gegeben. Heute dagegen stehe "das gesamte Bankgewerbe in Deutschland vor der Aufgabe, sich neu zu strukturieren", sagte Weber.

Über die Ursachen der Ertragsmisere ist sich die Fachwelt weitgehend einig. Nach Ansicht von Fahrholz hat der außergewöhnliche Boom der Branche in den späten neunziger Jahre deren Strukturprobleme lange Zeit überdeckt. Die notwendige Konsolidierung sei damals versäumt worden und falle jetzt umso schärfer aus. Hinzu kommt nach Meinung Pleisters das Zusammentreffen verschiedener ungünstiger Entwicklungen. Dazu zählten die gedämpften Wachstumsaussichten, der Rekordstand bei den Firmenpleiten, die gedämpften Wachstumsaussichten, die weltweite Börsenschwäche sowie die Kriegsgefahr im Irak.

Wie lassen sich die Schwierigkeiten meistern? Fahrholz ist zuversichtlich, dass die tief greifenden Programme zu Kostensenkungen der Banken bald Wirkung zeigen. Mit etwas Rückenwind von Seiten der Finanzmärkte könne sich die Ertragslage der Banken sehr schnell und deutlich verbessern, hofft der Dresdner-Bank-Chef. BdB-Geschäftsführer Weber dagegen hält eine eine "umfassende Modernisierung und Konsolidierung des deutschen Kreditgewerbes" für erforderlich. Dabei müssten auch die Grenzen zwischen den drei großen Säulen des deutschen Bankensystems -- Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaften - überwunden werden. Auch Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen, erwartet, dass die "dramatische" Ertragskrise zu einer Umstrukturierung der deutschen Kreditwirtschaft führen wird.

Einen Vergleich mit der jahrelangen Dauerkrise des japanischen Bankensystems, wie ihn kürzlich eine amerikanische Investmentbank in den Raum stellte, lehnen alle Experten unisono ab. Vergleiche mit Japan seien "völlig überzogen", betont Commerzbank-Chef Müller. Die deutschen Banken befänden sich in einer ganz anderen Ausgangslage und besäßen ein viel besseres Kreditportfolio. Jürgen Moormann, Professor an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt, sieht ebenfalls keine japanischen Verhältnisse. Die Ursache der dortigen Probleme seien eine extreme Immobilienkrise, die es in Deutschland nicht gebe. Auch Gerke sind in der Immobilienblase in Japan einen entscheidenden Unterschied zu Deutschland.

Quelle: Handelsblatt

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