Handelsblatt-Umfrage über die Wirtschaftskanzleien in Deutschland
Mandanten fühlen sich ausgepresst

Die Kunden der Großkanzleien fühlen sich über den Tisch gezogen. Der Vorwurf: Kostentreiberei. Die neue Handelsblatt-Umfrage bei den 1 750 umsatzstärksten Unternehmen zeigt, wie rau das Klima zwischen den Anwälten und ihren Mandanten geworden ist. Mit dem Misstrauen wächst die Wechselbereitschaft.

DÜSSELDORF. Die Kunden der großen Wirtschaftskanzleien in Deutschland sind immer schlechter auf ihre Anwälte zu sprechen. Insbesondere wenn es um das Reizthema Honorare geht: 62 Prozent der Kunden fühlen sich von ihnen über den Tisch gezogen. Sie verdächtigen die Juristen, zu viel abzurechnen. Dies ergibt eine aktuelle Umfrage des Handelsblatts. Befragt wurden die 1 750 größten Unternehmen (nach Umsatz, Bilanzsumme beziehungsweise Prämieneinnahmen) aus Industrie, Handel, Banken und Versicherungen. Die meisten Antworten, 55 Prozent, kamen von Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl von 1 000 bis 10 000. Immerhin 21 Prozent der Antworten kommen aus Firmen mit mehr als 10 000 Arbeitnehmern, 14 Prozent von Firmen mit weniger als 500 und 10 Prozent von Antwortgebern mit 500 bis 1 000 Mitarbeitern.

Das Resümee: Die Mandanten sind von den Großkanzleien enttäuscht. Und desillusioniert. 93 Prozent glauben, dass ihr Unternehmen in der Vergangenheit von den Fusionen - insbesondere den internationalen angelsächsischen Großkanzleien - nicht profitiert hat. Fazit: Internationale Zusammenschlüsse machen Anwaltsdienstleistungen nicht besser, sondern für den Kunden nur teurer. Und auch in Zukunft erwarten 82 Prozent der Befragten für ihre Unternehmen keine Vorteile von den Anwälte-Zusammenschlüssen der jüngsten Vergangenheit. Vor zwei Jahren hatten darauf noch 37 Prozent gehofft. Konkret: 80 Prozent befürchten künftig noch höhere Honorare.

Eine weitere unangenehme Folge der Fusionen für die Klienten ist, dass sie immer seltener nur von ihren Ansprechpartnern in der Kanzlei betreut werden. Stattdessen geben diese die Fälle - ohne den Klienten vorher zu informieren - einfach zur Erledigung weiter an Kollegen. Warfen dies in der Umfrage des Handelsblatts vor einem Jahr noch 30 Prozent der Mandanten ihren Anwälten vor, so stieg diese Zahl jetzt auf 38 Prozent - und das ist immerhin ein Viertel mehr.

Auch die Kollisionsfälle, in denen eine Kanzlei ein Mandat nicht übernehmen kann, weil sie bereits den Gegner vertritt, mehren sich: 46 Prozent der Befragten bekamen deshalb schon mal eine Abfuhr (2001: 39 Prozent). 74 Prozent haben für diesen Fall auch bereits eine Reservekanzlei im Hinterkopf. Bedenklich ist jedoch, dass nur 23 Prozent der Sozietäten ihre Klienten aufklären, wenn sie auch schon für einen seiner Konkurrenten tätig sind.

Insgesamt lässt die Treue zu den angestammten Hauskanzleien weiter nach, die Wechselfreudigkeit steigt: Die zunehmende Transparenz amMarkt führt dazu, dass 20 Prozent der Unternehmen bereits ihre Kanzlei gewechselt haben (2001: 13 Prozent) und 32 Prozent darüber nach denken (2001: 37 Prozent).

Mit den juristischen Leistungen ihrer Anwälte sind die Kunden dagegen recht zufrieden. Im Durchschnitt gaben sie ihnen sie die Note 2,1 (2001: 1,9). Im Detail: 70,5 Prozent verteilten die Note "Gut", 13,5 Prozent ein "Befriedigend", 13 Prozent ein "Sehr gut", 2 Prozent ein "Mangelhaft" und 0,5 Prozent ein "Ausreichend".

Die Anwälte haben in einigen Punkten offenbar dazu gerlernt: Sie erkennen, dass Mandanten für ihr Geld entschlossenes Auftreten erwarten - statt falsch verstandener kollegialer Rücksichtnahme auf die Anwälte der Gegner, Behörden und Gerichte. Die Kritik eines Antwortenden lautet: "Anwälte denken mehr ans eigene Absichern als den Mandanten. Die daraus folgenden zahlreichen Hinweise verstellen den Blick fürs Wesentliche."

32 Prozent werfen ihnen vor, dass sie zu stark in juristischen Kategorien und nicht kaufmännisch genug denken (2001: 27 Prozent). Des weiteren: 20 Prozent der Befragten bemängeln, dass die Juristen in ihrer Strategie und ihrem Auftreten zu defensiv sind. Immerhin beanstandeten dies im vergangenen Jahr noch 37 Prozent der Befragten. Zudem kritisierten 19 Prozent die Langsamkeit der Advokaten (2001: 23 Prozent). Selbst in Zeiten von Handys und E-Mails finden die 12 Prozent der Mandanten ihre Anwälte schwer erreichbar (2001: 15 Prozent).

Die Kritikpunkte der Umfrage sind deutlich: 69 Prozent der Mandanten, also die ganz überwiegende Mehrheit, finden ihre Anwälte zu teuer. Die Stundensätze der Advokaten liegen im Schnitt bei 267 Euro (2001: 260 Euro). Partner kassieren 346 Euro, angestellte Anwälte 240 Euro und die Jungjuristen 187 Euro. In 81 Prozent der Fälle rechnen die Anwälte mit Stundenhonorar ab, in 53 Prozent über die Gebührenordnung und in 24 Prozent mit anderen Pauschalregelung - alle Kombinationen kommen vor. Große Unternehmen bestehen heute oft auf Rabatte.

>>Die Umsätze der größten Anwaltskanzleien

Eine norddeutsche AG prangerte "Abrechnungen von Andersen Legal" an: "Mehr als die Hälfte der abgerechneten Stunden haben die Anwälte internen Besprechungen und Memos gewidmet." Auch ein DAX-Unternehmen aus dem Rheinland wurde deutlich: "Mit angelsächsischen Kanzleien wollen wir freiwillig nichts zu tun haben, wir sehen sie als Geldschneider." Dieses Image haben sie sich selbst zuzuschreiben. Hätten sie die Fusionen ehrlicher kommuniziert, steckten sie nicht so tief im Schlamassel: Sie verkauften ihren Kunden die Zusammenschlüsse als Wohltat. Nur die wahren Gründe und die absehbaren Folgen verschwiegen sie: Die deutliche Steigerung des eigenen Profits. Denn da die Deutschen niedrigere Rechnungen als Briten und Amerikaner schreiben, konnten die deutschen Partner ihre persönlichen Gewinne flugs erhöhen. Dass es auch ohne Fusion erfolgreich geht, beweisen unter den Großen nämlich zwei Renommee-Adressen: Hengeler sowie Gleiss & Partner.

Das Beispiel von Ford in Großbritannien zeigt, dass Firmen ihren eigenen wirtschaftlichen Druck weitergeben. Ford kündigte seinen Kanzleien wie Freshfields oder Lovells an, sie bekämen jetzt 35 Prozent weniger Honorar. Ulrich Niessen, Chefjustiziar beim Axa Konzern urteilt: "Die weltweite Rezession hat gerade die Großkanzleien besonders getroffen. Leider hat dies bislang nur zu großen Akquisitionsbemühungen geführt. Eine Verbesserung der Konditionen können wir noch nicht verzeichnen. Eine AG aus Hessen schrieb: Damit die Rechnungen nicht ausufern, legen wir vor Erteilen des Mandats schriftlich fest, welcher Anwalt den Fall verantwortlich betreut und sich gegebenenfalls weiterer Kollegen bedient. Bei größeren Angelegenheiten vereinbaren wir "Deckel".

So fiel auch die Reaktionen der Mandanten aus: Schon vor vier Jahren ergab eine Umfrage unter Juristen in den entsprechenden Entscheiderfunktionen in der Industrie, dass ihnen die Fusionitis der Anwaltsszene eigentlich gleichgültig war - zum allergrössten Erstaunen der Advokaten. Reagiert haben die Anwälte darauf jedoch nicht. Für den Mandanten wurde deshalb nichts besser, nur teurer.

Die komplette Studie - mit Rücklick auf die vergangenen Umfragen - können Sie für 50 Euro beziehen über:
Genios-Informationsdienst,
Telefon: 0211 887 1527 E-mail: infodienst@genios.de

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%