Handelskonzern lotet Chancen elektronischer Marktplätze aus
Karstadt feilscht im Internet

Die Zukunft der Marktplätze im Internet hat für Karstadt Quelle gerade erst begonnen. Vor allem Textilien kauft der Handelskonzern inzwischen über das Netz. Die Konkurrenz wird hellhörig.

ESSEN. Internet-Marktplätze übernehmen für die Warenbeschaffung der Unternehmen in Zukunft eine wichtige Rolle. Das Potenzial der virtuellen Warenbörsen schätzt Matthias Kurzhals von der Kölner E-Business-Beratung Summa auf 30 %. Auch Peter Gerard, Vorstand der Karstadt Quelle AG in Essen, teilt diese Ansicht.

Glaubten zu Beginn der Internet-Euphorie viele Fachleute, dass die Beschaffung künftig vollständig über das World Wide Web ablaufen werde, kehrte sich dieser Optimismus mit dem Crash an den Technologiebörsen ins Gegenteil. Doch nach den ersten Erfahrungen mit den weltweit 1 000 E-Markets hat sich die negative Einschätzung wieder relativiert. In der laufenden Konsolidierungsphase versuchen die Unternehmen aus ihren Fehlern zu lernen, darum loten sie auch die Chancen der Marktplätze aus.

Beispiel Karstadt Quelle: Der Essener Konzern (Umsatz: 15,2 Mrd. Euro) hat sich im Oktober 2000 als erstes Handelsunternehmen an dem britischen Internet-Marktplatz für Textilien, Texyard, beteiligt. Texyard ist ein "vertikaler" E-Market, dem auf Lieferantenseite nur Anbieter aus der Textilbranche - derzeit ausschließlich türkische - angeschlossen sind. Wettbewerber sind die beiden großen Handelsmarktplätze Global Net Xchange (GNX) sowie World Wide Retail Exchange (WWRE). GNX arbeitet mit dem technischen Partner Oracle zusammen. Seit Februar 2001 sammelt Karstadt auch hier erste Erfahrungen. WWRE arbeitet auf der technischen Basis von IBM/Ariba und i2 Technologies. Über diese "horizontalen" Marktplätze lassen sich alle Warengruppen - von Textilien bis Nahrungsmittel - beschaffen.

Über Texyard, der mit eigener Software arbeitet, hat Karstadt-Quelle inzwischen 220 Auktionen abgewickelt. Ein Nebeneffekt: Die Zahl der türkischen Lieferanten von Karstadt verdoppelte sich auf 120, berichtet Christian Seifert, Vorstand von Karstadt Quelle New Media. Ein weiterer Texyard-Partner ist der Hamburger Otto Versand, der den Marktplatz derzeit testet und über Erfahrungen noch nichts sagen will. Der Düsseldorfer Kaufring beginnt mit Tests und sieht "viel versprechende Möglichkeiten" für seine Bekleidungsbeschaffung.

Zwar hat Karstadt bislang nur 16 Mill. Euro Umsatz über Texyard gemacht. In der Endstufe aber soll allein die Warenhaussparte 20 % ihres Textileinkaufs (Jahresvolumen etwa 1 Mrd. Euro) über den E-Market beschaffen, erwartet Burkhardt Linse, Vorstand der Karstadt Warenhaus AG. Bis dahin ist viel Kleinarbeit nötig, denn für die zu handelnden Artikel müssen Standards entwickelt werden, damit Käufer und Verkäufer auch über den gleichen Gegenstand reden. So umfasst der "Katalog", also die standardisierte, detailgenaue Beschreibung eines T-Shirts laut Karstadt Quelle insgesamt 80 Merkmale. Deshalb kaufen die Essener über Internet-Auktionen derzeit nur Standardartikel, die gut beschreibbar sind - wie T-Shirts oder Strümpfe. Ständig werden neue Standards (Normungen) entwickelt - die Voraussetzung für die gesamte Online-Beschaffung.

Durch die Auktionen konnte Karstadt Quelle die Einkaufspreise im Schnitt um 4 bis 8 % senken. Auch Konzerne aus der Elektrobranche - so Siemens - rechnen mit Kostenersparnissen im einstelligen Prozentbereich. Das ist gemessen an den Preisvorteilen, die man zunächst erhofft hatte, zwar nicht viel. Aber aus Sicht von Karstadt-Vorstand Gerard kommt es bei E-Markets nur in zweiter Linie auf den Preis an.

Andere Vorteile wiegen schwerer. So konnte der Konzern die Lieferzeit der georderten Ware um bis zu 16 Tage verkürzen und dadurch Lagerhaltung sowie Zinsbelastung vermindern. Die zielgenaue Lieferung zum Zeitpunkt des Bedarfs verhindert zudem, dass Ware liegen bleibt und zu herabgesetzten Preisen verkauft werden muss.

Der größte Nutzen für Karstadt Quelle lässt sich derzeit noch gar nicht in Mark und Pfennig ausdrücken. Denn Internet-Marktplätze sind eine einzige Schnittstelle zu unendlich vielen Lieferanten. Gerard: "Alle Lieferanten mit vielen Details im System zu haben, das ist von unschätzbarem Wert".

Elektronische Marktplätze

Die elektronischen Marktplätze sind Betreibergesellschaften, an denen sich die Kunden (Einkäufer) beteiligen können. Marktplatz bedeutet dabei Auktionsplatz, Waren werden gegen Gebot verkauft. Die Auktionen sind Käufer-Auktionen, anders als bei landläufigen Auktionen gibt der Einkäufer - und nicht der Verkäufer - den Startpreis vor. Im ersten Schritt beschreibt der Einkäufer das gewünschte Produkt (Ausschreibung). So werden Material, Stückzahl, Liefertermin, Lieferanten, Startpreis und Auktionstermin festgelegt. Der Internet-Marktplatz lädt dann automatisch alle in Frage kommenden Lieferanten ein. Die Kunst des Einkäufers besteht nun darin, einen realistischen Startpreis zu finden. Setzt er ihn zu niedrig an, kommt die Auktion nicht zu Stande. Setzt er ihn zu hoch an, vergibt er die Chance auf einen günstigen Preis.

Zum vereinbarten Auktionstermin loggen sich die Teilnehmer mit einem Passwort auf die Plattform ein. Auktionen dauern in der Regel ein bis zwei Stunden. Die Lieferanten bleiben untereinander anonym. Sie erfahren nicht, wer die Auktion gewonnen hat. Sie sind nur dem Einkäufer bekannt. Die Auktion endet, wenn der "Best Price" erreicht ist. Den Zuschlag muss aber nicht immer das günstigste Angebot erhalten. Entscheidend ist, dass alle Anforderungen des Käufers erfüllt sind. Die Transaktionskosten zahlt der Einkäufer.

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