Handfeste wirtschaftliche Interessen
Mut zur Schwulenpolitik

Die Zeit der Zurückhaltung ist für Klaus Wowereit vorbei. Nur spärlich setzte sich der bekennend schwule Regierende Bürgermeister von Berlin zu Beginn seiner Amtszeit im Juni 2001 öffentlich für Homosexuelle und ihre Gleichberechtigung ein.

HB/dpa BERLIN. Am Ende des zweiten Jahres als Regierungschef und mit zunehmendem Selbstbewusstsein folgen die Termine deutlich dichter aufeinander: Homosexuellen-Kongress in den USA, schwul-lesbisches Straßenfest, die Berliner Bewerbung für die Gay Games, Vorstellung einer Studie zur Diskriminierung und der Christopher Street Day an diesem Samstag (28. Juni).

Für die deutsche Politik bedeutet das eine ganze Reihe ungewöhnlicher Premieren. Schon vor zwei Jahren war Wowereit das erste Berliner Stadtoberhaupt, das sich bei der jährlichen schrillen CSD-Parade der Schwulen und Lesben blicken ließ. Nun ist es auch das erste Mal, dass ein Regierungschef offiziell den Startschuss gibt. Auch die jüngst bekannt gegebene Bewerbung für die Gay Games - die Olympischen Spiele der Homosexuellen - ist ein Novum.

Kaum vorstellbar für einen seiner Amtsvorgänger wäre auch Wowereits Besuch beim Homosexuellen-Kongress "Equality Forum" in Philadelphia gewesen. Zwar gab es vereinzelte Kritik, weil er während der üblichen 1. Mai-Krawalle in Kreuzberg nicht in der Stadt war. Doch Tourismusverbände und Hotellerie lobten seine Werbung für auswärtige Besucher. Dahinter steckt auch ein handfestes wirtschaftliches Interesse: Gerade schwule Männer gelten als kaufkräftig, Berlin ist für sie ein beliebtes Reiseziel. Da passt ein offen schwuler und weltgewandter Bürgermeister ins Bild.

Auch Wowereits Amtskollege in Paris, der Sozialist Bertrand Delanoë (53), fährt gut mit seiner Offenheit. Er hatte vor fünf Jahren sein viel beachtetes "Coming Out". Und wenn eine konservative Oppositionspolitikerin in Paris wie kürzlich politisches Kapital daraus schlagen will, dass Delanoë in vorderster Front bei Schwulen- Paraden zu sehen ist, wird sie von den eigenen Leuten zurückgepfiffen.

Wowereits Bekenntnis nach seiner Nominierung zum SPD - Spitzenkandidaten - "Ich bin schwul, und das ist auch gut so" - ist längst ein geflügeltes Wort geworden. Als seine Linie gab er aus: "Ich bin zwar ein schwuler Politiker, aber ich mache keine schwule Politik." Gut ein Jahr später zog er im Bundestags-Wahlkampf schon durch den Hamburger Schwulen-Kiez. "Viel offensiver" gehe er inzwischen mit dem Thema Gleichberechtigung homosexueller Lebensgemeinschaften um, sagte er kurz darauf. Sein Freund, Jörn Kubicki, ist bei Terminen manchmal dabei.

Wenn Fotografen auftauchen, ist Wowereit zurückhaltender geworden. Nach schlechten Erfahrungen mit Partyfotos, die ihm anfangs in der Presse den Titel "Regierender Partymeister" einbrachten, winkt er hier lieber ab. Als er auf der Berliner Tourismusmesse einen Reiseführer für Homosexuelle präsentiert, wollen Fotografen Wowereit zwischen zwei grell geschminkten Drag-Queens postieren, die ihn um einen Kopf überragen. Energisch lehnt er ab. Als Dekoration aufs Foto kommen stattdessen zwei Hostessen eines Autovermieters.

Das Berliner Szene-Magazin "Siegessäule" hat bei Wowereit "große Sympathiewerte" festgestellt. "Er ist den Menschen näher als es ein Diepgen je war", sagt Chefredakteurin Manuela Kay. Wowereit sei von den Teddy-Awards bei der Berlinale bis zu den Gay Games für alles ansprechbar. "Das wird natürlich mit Begeisterung aufgenommen", meint sie und fügt lachend hinzu: "Da sieht man schon mal über die Partei hinweg." Sein Engagement hat ihm aber auch ein bisschen Spott und einen neuen "Titel" eingebracht: Wowereit wird auch der "König der schwulen Grußworte" genannt.

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