Handlesblatt-Frühindikator gibt weiter nach
Konjunkturbelebung schleppt sich mühsam dahin

Dem Aufschwung in Deutschland droht die Puste auszugehen. Zum zweiten mal in Folge ist der Handelsblatt-Frühindikator im August zurückgegangen. Mit seinem aktuellen Wert von 1,4% ist er wieder auf das Niveau von vor vier Monaten zurückgefallen, die Konjunkturdynamik scheint erst einmal zum Stillstand gekommen.

HB DÜSSELDORF. Für das Gesamtjahr bedeutet dies zwar immer noch eine Wachstumserwartung von vermutlich mehr als einem Prozent, aber eine darüber hinausgehende Belebung erscheint in weite Ferne gerückt. Man wird schon froh sein können, wenn das moderate Wachstumstempo gehalten werden kann.

Frühindikator West: >>Tabellen

Mittlerweile sind auch die zwischenzeitlich davongeeilten Geschäfterwartungen der Industrie wieder auf dem Weg zurück zum Boden der Tatsachen. Gesamtdeutsch halbierte sich der Saldo der optimistischen Stimmen im ifo-Test für Juli nahezu von 14,1 auf 7,6 Prozentpunkte. Bemerkenswerterweise sind die Exporterwartungen gleichzeitig von 6,5 auf 8,6 Punkte angestiegen. Es ist also offenbar vor allem die lahmende Binnennachfrage, die den Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet, und dies völlig zu recht. Die Inlandsbestellungen im Verarbeitenden Gewerbe haben im Mai wieder um knapp 2% nachgegeben und lagen damit noch unterhalb des schwachen ersten Quartals - von Aufschwung also keine Spur. Nur einige Großaufträge aus dem Ausland haben dazu geführt, daß die Gesamtnachfrage nach Industriegütern letztlich doch noch um gut 3% über ihrem Vormonatsniveau lag. Das ist aber ein Einmaleffekt, der auch nach Einschätzung der Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht "das konjunkturelle Grundtempo überzeichnet".

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Flaute herrscht vor allem bei der inländischen Nachfrage nach Investitionsgütern. Die nach wie vor mies beurteilte Geschäftslage scheint den Unternehmen inzwischen jede Lust genommen zu haben, größere Wagnisse einzugehen. Da helfen auch die niedrigen Zinsen nicht weiter, die im Juli nochmals nachgegeben haben und für festverzinsliche Wertpapiere im Durchschnitt jetzt nur noch bei 4,8% liegen. Geld gibt es genug, wie auch die nochmals leicht gesunkenen Geldmarktzinsen belegen. Woran es derzeit am meisten fehlt, sind Rentabilität und die Perspektive für wirkliche Reformen, die den schon seit Jahren dahindümpelnden deutschen Wirtschaftstanker wieder flott machen könnten.

Auch die Krise am Bau scheint kein Ende zu finden. Zuletzt sind die Bauaufträge mit-9% gegenüber April regelrecht weggebrochen, so dass das hoffnungsvoll gestartete erste Quartal schon wieder Makulatur geworden ist. Es mag zwar sein, daß ein Teil des Geschäftsrückgangs im Mai auf die vielen Feier- und Brückentage sowie auf den Streik in der Metall- und Elektroindustrie zurückgeführt werden kann. Nachdem die Nachfrage im Baugewerbe aber schon im Vormonat den Rückwärtsgang eingeschaltet hatte, kann daraus nicht mehr als die vage Hoffnung auf Besserung in nächster Zukunft abgeleitet werden.

Im Einzelhandel ist die Tendenz weiter lustlos. Das leichte Umsatzplus im April bestätigte sich im Mai nicht, die Nachfrage fiel preisbereinigt statt dessen fast wieder auf das Durchschnittsniveau von 1995 zurück. Interessanterweise liegen auch die Preise für Einzelhandelsgüter trotz "Teuro-Effekt" im Durchschnitt kaum 6% höher als vor sechs Jahren, sind also seit 1995 nur um rd. 1% pro Jahr gestiegen. Daß die Verbraucher trotzdem nicht recht zugreifen wollen, dürfte mit der Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung zusammenhängen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Zumindest bis zur Bundestagswahl im September dürfte sich daran auch nicht viel ändern.

Die Entwicklung der Einzelgrößen:

  • Die Auftragseingänge der Industrie sind im Mai um 3,3% gestiegen, allerdings ausschließlich aufgrund steigender Auslandsorders (+9,4%). Dahinter stahden vor allem einige Großaufträge im "Sonstigen Fahrzeugbau" (Schiffe, Flugzeuge, Eisenbahnen), die den Investitionsgüterherstellern ein Plus von gut 16% bei den Exportaufträgen bescherten. Die gesamtdeutsche Inlandsnachfrage ging dagegen im Mai mit-1,9% weiter zurück.
  • Im Bauhauptgewerbe brachen die Auftragseingänge im Mai um 9% ein, am stärksten im Tiefbau (-10%) und im Nichtwohnungsbau (-9,2%). In den ersten beiden Monaten des zweiten Quartals lagen sie damit im Schnitt nicht nur um 5% niedriger als im ersten Vierteljahr, sondern auch niedriger als in allen Quartalen zuvor.
  • Der gesamtdeutsche Einzelhandelsumsatz sank im Mai um 0,8% gegenüber April, blieb damit allerdings immerhin noch knapp über dem Durchschnittsniveau des ersten Quartals. Mit Ausnahme von Einrichtungsgegenständen kam es zu Rückgängen in allen Sortimenten, nicht zuletzt auch bei Kraftfahrzeugen (-2,8%).
  • Die ifo-Geschäftserwartungen im gesamtdeutschen Verarbeitenden Gewerbe sind im Juli von saisonbereinigt 14,1 auf 7,6 Punkte abgefallen, bei gleichzeitig nochmals leicht verschlechterter aktueller Geschäftslage. Die Stimmung hat sich vor allem im Westen eingetrübt, in den Neuen Bundesländern ist der ifo-Geschäftsklimaindex per Saldo sogar leicht angestiegen. Positiv immerhin zu vermerken: Die Kapazitätsauslastung lag in beiden Teilen Deutschlands im Juni erstmals wieder höher als vor drei Monaten.
  • Die Zinssenkungstendenz hält weiter an: Der Dreimonatszins Euribor ist von 3,47% im Juni auf (vorläufig berechnete) 3,42% im Monatsdurchschnitt Juli zurückgegangen, die Durchschnittsrendite festverzinslicher Wertpapiere sank von 5,0% auf 4,8%. Angesichts der Krise an den Aktienmärkten und des starken Eurokurses muß das noch nicht das Ende der Entwicklung sein.
  • Die Produktion im ostdeutschen Bauhauptgewerbe, die mit hohem Gewicht in das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die Neuen Länder eingeht, hat sich im Mai weiter um 2,7% reduziert. Damit hält der Schrumpfungsprozeß weiter an, wenngleich der Mai durch die Osterfeiertage konjunkturell etwas nach untern verzerrt sein könnte.
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