Handy-Branche erlebt schwierige Zeiten
Mobile Wende

Ist die Telekommunikationsindustrie eine Krisenbranche? Die Pessimisten bestimmen die Stimmung. Gewinnwarnungen, massiver Stellenabbau und Kostensenkungsprogramme scheinen ihnen Recht zu geben.

Jüngstes Beispiel: Ericsson. Die zwar technisch ausgereiften, aber klobigen Handys der Schweden finden immer weniger Käufer, und selbst wenn sich jemand zu einem Ericsson-Telefon durchgerungen hat, zahlt der Konzern kräftig drauf. Fünf Gewinnwarnungen in nur zwölf Monaten sind die Folge. "Make yourself heard" - so kann Ericsson seine globale Werbebotschaft nicht gemeint haben.

Ericsson will weitere 12 000 Arbeitsplätze abbauen und reiht sich damit in die Riege der leidgeprüften Telekommunikationskonzerne ein: Motorola streicht 22 000 Stellen, Nortel 20 000, Lucent 16 000, Cisco 8 000, Phillips 6 000 und so weiter. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben die Großen der Branche den Abbau von mindestens 100 000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Der Grund für die dramatische Wende eines ganzen Industriezweiges ist vor dem Hintergrund einer allzu rosig ausgemalten schönen mobilen Welt zu sehen: Die rückläufige Konjunktur in den USA und die Verschuldung vieler Telekom-Konzerne, die sich zum Teil bei der Ersteigerung von UMTS-Lizenzen schwer überhoben haben, hat die Krisenstimmung verursacht.

Ein stärkerer Preisdruck bei den Geräten, gestrichene oder gekürzte Handy-Subventionen und ein deutlich zurückhaltenderes Konsumverhalten der Handy-Kunden runden das düstere Bild ab. Ericsson beziffert den weltweiten Handy-Markt in diesem Jahr nur noch auf 430 bis 480 Millionen Geräte statt der bislang prognostizierten 450 bis 500 Millionen. Außerdem: Neue Abonnenten zu gewinnen, ist für die Mobilfunkbetreiber zu einer immer größeren Herausforderung geworden.

Es tut sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf: Nokia und der Rest der Welt. Der finnische Weltmarktführer bei Handys setzt auch in diesen krisengeschüttelten Zeiten seinen Durchmarsch fort, macht Gewinne, wo andere in roten Zahlen ertrinken. Schon heute ist mehr als jedes dritte weltweit verkaufte Handy von dem finnischen Erfolgskonzern. Und er holt bei den Mobilfunksystemen mächtig auf. Ein finnisches Wunder? Nein, aber Nokia profitiert von Kostenvorteilen durch hohe Stückzahlen, und die Finnen haben immer wieder eindrucksvoll bewiesen, dass sie ihr Ohr nicht nur ans Handy legen, sondern mindestens eines auch den trendbewussten Kunden widmen.

Aber schon bald muss auch Nokia Farbe bekennen. Die Gewinnmargen sind bereits gesunken, ein Stellenabbau auch in Helsinki wird nur noch eine Frage der Zeit sein. Vor allem wird sich Nokia nach einem Partner umsehen müssen. Nachdem Ericsson und Sony über ein Joint Venture verhandeln, Siemens und Toshiba bereits eine Kooperation beschlossen haben, Motorola auf der verzweifelten Suche nach asiatischer Hilfe ist, wird der finnische Telekommunikationsriese nicht auf ewig seinen Alleingang fortsetzen können.

Die multimediatauglichen Geräte der dritten Mobilfunkgeneration, mit denen der mobile Zugang in den bunten Cyberspace tatsächlich möglich ist, machen Allianzen mit den Großen der Unterhaltungselektronikbranche notwendig. Kameras, Bildschirme und Speichermedien - das war und ist nicht die Domäne der Telekom-Ausrüster. Von einer Krise der gesamten Branche zu sprechen, wäre falsch. Eine Korrektur, ja. Und dann? Die USA stehen vor dem mobilen Durchbruch, und in China warten fünf Millionen neue Mobilfunkabonnenten - monatlich.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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