Handy-Hersteller will verlorene Marktanteile mit neuen Modellen zurückerobern
Siemens gerät auch in China unter Druck

Das hohe Wachstum im chinesischen Mobilfunkmarkt hat vorerst ein Ende gefunden. Der deutsche Handy-Hersteller Siemens verliert Marktanteile an heimische Firmen. Doch langfristig erwartet Siemens wieder ein Wachstum - dank der dritten Mobilfunkgeneration und zwei neuen Netzbetreibern.

HB PEKING. Beim Kampf gegen die roten Zahlen kann Siemens nicht auf Wunder im China-Geschäft hoffen: Im größten Mobilfunkmarkt der Welt verebbt das Wachstum; verschärfte Konkurrenz setzt Marktanteile und Margen internationaler Hersteller unter Druck. "Der Markt liegt immer noch leicht über dem Vorjahr, aber das Wachstum flacht ab," sagt Peter Borger, der für das Telekom-Geschäft der Münchner in China zuständig ist. Einen neuen Wachstumsschub erwartet er erst 2004 von der Vergabe zweier neuer Mobilfunklizenzen und vom Übergang zur dritten Mobilfunkgeneration.

Derzeit bläst Siemens in China der Wind ins Gesicht. In dem Schlüsselmarkt, wo die Telekom-Sparte im Vorjahr mit 2,3 Mrd. Euro fast ein Viertel ihres weltweiten Umsatzes machte, ist der Marktanteil bei Handys von 12 % auf 10 % gesunken. Zwar haben die beiden chinesischen Mobilfunkanbieter China Mobile und Unicom in den ersten fünf Monaten des Jahres zwar 26,5 Millionen Neukunden gewonnen, insgesamt telefonieren in China jetzt 170 Millionen Menschen mobil. Doch immer mehr kaufen Handys lokaler Hersteller wie TCL, Bird oder Kejian. Chinesische Produzenten konnten ihren Marktanteil innerhalb eines Jahres auf 15 % verdoppeln; auf diesen Trend geht der größte Teil der Marktanteilsverluste von Siemens zurück. Stark gelitten haben auch Alcatel, Philips und Ericsson. Und der Markt wird immer enger: Auch japanische Hersteller - etwa NEC, Panasonic und Toshiba - drängen neuerdings nach China.

Von der internationalen Konkurrenz setzt den Münchnern jedoch Samsung am härtesten zu: "Siemens-Handys sind technisch gut", sagt Craig Watts, Analyst bei Norson Telecom Consulting in Peking, "aber das Design ist viel zu konservativ für den asiatischen Geschmack." Den treffe Samsung perfekt. Die Koreaner haben im hochpreisigen Produktsegment Fortschritte gemacht, während sich Siemens ins mittlere und untere Preissegment abdrängen lies, wo die Volumen höher sind, lokale Anbieter aber stärker konkurrieren. Außerdem hat Siemens im vergangenen Jahr weniger neue Telefone herausgebracht als die Konkurrenz - im besonders schnelllebigen, trendigen asiatischen Markt ein Handicap.

"Das Fehlen einer aggressiven Produktpolitik hat uns behindert", gibt Siemens-Manager Borger zu. Eine Produktoffensive im zweiten Halbjahr soll die Wende bringen: Siemens wirft sein erstes speziell für Fernost konzipiertes Handy auf den Markt, ein perlweißes, schlankes Klappmodell à la Samsung.

Drei weitere Modelle mit Funktionen, die Asiaten mögen - verbesserte SMS-Fähigkeiten, personalisierbare Klingeltöne, mehr Spiele - sollen den Münchnern in Fernost wieder Anschluss verschaffen. Die Rückeroberung von 12 bis 13 % Marktanteil in China gibt Borger als Ziel aus; außerdem will er im margenstärkeren Premium-Bereich Boden gut machen.

Bei Netzwerkausrüstung sieht es nicht besser aus als bei Handys: "Der Markt ist auf hohem Niveau sehr flach", sagt Borger. "Er dürfte es bis nächstes Jahr bleiben." In den ersten fünf Monaten brachen die Anlageinvestitionen in Chinas gesamter Telekombranche um 37 % ein. Besonders betroffen ist der Festnetzbereich.

Weil immer mehr Neukunden billige Prepaid-Karten kaufen, zwingen rückläufige Durchschnittsumsätze pro Kunde aber auch die Mobilfunker zum Tritt auf die Kostenbremse. China Mobile muss zudem die im Mai getätigte 10 Mrd. $ teure Akquisition von Netzen in acht Provinzen verdauen. Der GSM-Anbieter Unicom hat Milliarden für den Aufbau eines parallelen CDMA-Netzes ausgegeben, das kaum Kunden findet. "Die Betreiber halten sich beim Netzausbau zurück", bestätigt Borger; den Kundenzuwachs fingen sie derzeit durch höhere Netzauslastungsraten ab. Nokia hat den schwächelnden China-Markt als einen Grund für die niedrigere Gewinnprognose im zweiten Halbjahr angeführt. Bei Siemens hat die Situation laut Borger aber keine Auswirkungen auf das Ergebnis. "Die Volumen, die wir uns für dieses Jahr vorgenommen haben, werden wir nicht ganz erreichen", sagt er, "das Profitziel aber schon."

Langfristig sieht Borger den chinesischen Markt weiter rosig: "In welchem großen Land werden in absehbarer Zeit noch zwei neue Mobilfunkanbieter ins Leben gerufen, die Netze aufbauen müssen?" Auch der Übergang zur dritten Mobilfunkgeneration (3G) werde einen Wachstumsschub auslösen. Weil die lokalen Handy-Hersteller kein 3G-Know-How besitzen, von Qualitätsproblemen geplagt werden und die meisten rote Zahlen schreiben, erwartet Borger in absehbarer Zeit eine drastische Konsolidierung, die den Wettbewerbsdruck verringert.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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