Hannovers fünfte Jahreszeit
Verkehrsmanagement bis in die Betten

Was für die Kölner der Karneval und für München das Oktoberfest ist, ist für Hannover die Cebit: fast eine Woche Jubel, Trubel, Verkehrsstau - und die umsatzstärkste Zeit des Jahres für das horizontale Gewerbe. Während der weltgrößten Computerschau herrscht in der 500 000-Einwohner- Stadt an der Leine einfach Ausnahmezustand: 900 000 Besucher und Aussteller aus aller Welt fallen ein, schier endlose Blechlawinen schieben sich durch Hannovers Straßen.

HB HANNOVER. "Im letzten Jahr rollten täglich durchschnittlich 45 000 Autos und an Spitzentagen 385 Busse Richtung Messegelände", listet Ulrich Opel, Betriebsleiter Messeverkehrslenkung der Move GmbH, auf. Für den "Lastfall Cebit", so nennt Move-Geschäftsführer Erhard Klein das extreme Verkehrsaufkommen, wird deshalb jedes Jahr ein "kooperatives Verkehrsmanagement" durchgeführt. Ämter, Verkehrsverbände, die Deutsche Messe AG, die Stadt Laatzen und Koordinator Move funktionieren für die Cebit die Stadtautobahn zur Einbahnstraße um - eine in dieser Größe für Deutschland einzigartige Lösung. Von 7.15 Uhr bis 11.30 Uhr fließt der Verkehr nur zur Messe, ab 17 Uhr kann der Messeschnellweg nur in umgekehrter Richtung befahren werden.

Messe-Zeit ist Stau-Zeit. Dafür klingelt bei den Taxi-Fahrern die Kasse. "Die Cebit-Tage sind die umsatzstärkste Woche des Jahres", sagt Reinhard Bellmann, Geschäftsführer der Vermittlungszentrale Hallo Taxi 3811 GmbH. Peter Schröder, Inhaber des PS Taxiunternehmens bestätigt: "Es ist wie eine Woche Silvester, wir sind fast rund um die Uhr im Einsatz." Messebesucher können das nur bestätigen: Wer nachts von einer der zahlreichen Partys nach Hause will, wartet oft vergebens auf einen Wagen.

In der Tourismuszentrale und im Fremdenverkehrsamt klingeln schon Wochen vor der Cebit die Telefone hundertmal am Tag - während der närrischen IT-Tage aber tausende Male. "Das ist ein Ausnahmezustand und die stressigste Zeit des Jahres. Aber man weiß ja: Es hört auch wieder auf", lacht Eva Köhler, Mitarbeiterin im Fremdenverkehrsamt. "In den meisten Fällen beantworten wir Fragen zum kulturellen Angebot und vor allem zu Unterkünften."

An der Leine bleibt zur Cebit kein Bett leer: "Bei uns ist meistens schon ein Jahr vorher alles ausgebucht", sagt Haje Thurau, Verkaufsleiter des Maritim Grand Hotel. Aus der hohen Nachfrage schlagen die Hoteliers Profit. "Klar sind die Zimmer während der Cebit teurer als in der übrigen Zeit. In der normalen Saison zahlen Sie im Schnitt 115 bis 285 Euro, in der Cebit-Woche geht es erst bei 265 Euro los."

Auch die Kleinen melden regelmäßig volles Haus. "Wir sind mindestens ein Jahr vorher ausgebucht, und zur Cebit steigen unsere Preise um 10 bis 20 Prozent", sagt Rainer Feuchter, Geschäftsführer des Gasthauses Feuchter?s Lila Kranz. Trotzdem sind die Tische jeden Abend ausgebucht. "Das ist bei allen so, manche verlangen auch richtige Wucherpreise, aber selbst die sind ausgebucht." Unternehmen buchen bereits Monate im Voraus für ihre Veranstaltungen. "Vier Abende haben wir in diesem Jahr schon für geschlossene Gesellschaften reserviert", sagt Feuchter.

Ähnlich sieht es beim Edel-Italiener Mamma Raffaele aus. Obwohl das Haus etwas außerhalb des Zentrums liegt, ist in der Messewoche selten ein Tisch frei. "Wir merken, dass unsere Stammgäste in der Cebit-Woche wegbleiben, weil es ziemlich voll ist, und das jeden Tag", berichtet Geschäftsführer Nello Alberino.

Neben den Hotels bieten viele Privatleute Übernachtungsgelegenheiten an - oft zu horrenden Preisen. Das Hannover Tourismus Center vermittelt solche Quartiere. "Wir haben insgesamt 10 000 Betten in unserer Datenbank", berichtet Martin Stürze, Leiter des Hotelservices. Stürze registriert in diesem Jahr ein verändertes Bestellverhalten: "Die Leute buchen kurzfristiger, viele Firmen zögern wohl mit den Ausgaben."

5 800 Privatzimmer hat die Travel2Fairs GmbH, eine Tochter der Messe AG, in ihrer Kartei. "Während der Cebit haben wir 15 Terminals für die Zimmervermittlung direkt auf dem Messegelände und sind auch am Flughafen vertreten", sagt Marcus Eibach, einer der Geschäftsführer von Travel2Fairs. Außer der Zimmervermittlung bietet das Unternehmen Anreise- und Service-Informationen, vermittelt Mietfahrzeuge oder organisiert Veranstaltungen.

Apropos Betten: Auch das Älteste Gewerbe hat Mitte März Hochsaison. "Wir haben während der Cebit deutlich mehr Zulauf", heißt es aus Bordellen, wie Lagune und dem Saunaclub Venus. Allerdings wächst auch die Konkurrenz: Vom lukrativen Cebit-Geschäft versuchen sich auch zugereiste Prostituierte aus Frankfurt oder Leipzig eine Scheibe abzuschneiden - sehr zum Ärger der einheimischen Liebesdienerinnen.

In einigen Büros hält der Trubel auch nach dem High-Tech-Spektakel an. "Obwohl es auf dem Messegelände, bei der Bahn und am Flughafen eigene Fundbüros gibt, haben wir etwa viermal so viel Fundsachen wie sonst", berichtet Frank Schaffert vom Fundbüro Hannover. Wo viele Menschen sind, wird eben auch viel liegen gelassen - und gestohlen. Auch Langfinger gehören zu den Cebit-Profiteuren. Eine Stimme aus dieser Branche indes war nicht zu bekommen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%