Hans Dichand, Geschäftsführer und Mitinhaber der "Neuen Kronen-Zeitung"
"Der allmächtige Berluskroni"

In Österreich nennen sie ihn den "gütigen Monarchen". Der 82-jährige Zeitungszar Hans Dichand verführt sowohl wegen seiner kaum beschränkten Machtfülle als auch wegen der Dauer seiner Herrschaft bei der österreichischen "Neuen Kronen-Zeitung" zu Assoziationen mit dem alten Kaiser Franz-Josef selig.

Handelsblatt WIEN. Jetzt versucht der betagte Steirer mit den treuen Augen, die Erbfolge zu regeln. Im Zwist um die Hofübergabe an die nächste Generation im Hause Dichand könnte er sich an seinen deutschen Partnern, dem Essener WAZ-Konzern, aufreiben. Ob er an seinen eigenen Wiener Schmäh glaubt, ist beim öffentlichkeitsscheuen Medienmogul schwer zu beurteilen. Macht interessiere ihn nicht, "da streichele ich lieber meinen Hund", hat Dichand vor einigen Monaten in einem seiner seltenen Interviews beteuert.

Doch wenn er unter dem Pseudonym "Cato" bei der "Krone" selbst zur Feder greift, weiß Österreich, was es denkt. Wie in einem halb offiziellen Mitteilungsblatt erscheinen in der Boulevard-Zeitung zudem Kommentare "von besonderer Seite", die stets mit den Auffassungen in der Kanzlei des Staatsoberhaupts deckungsgleich sind. Kein Wunder: Bei Gelegenheit besucht der Presse-Primas den österreichischen Präsidenten Thomas Klestil zur "Guglhupf-Jause" in der Wiener Hofburg. Der Werkmeister-Sohn Dichand, der sein Abitur in der Heimatstadt Graz während seiner Druckerlehre machte, hat den tollsten Coup seiner grandiosen Pressekarriere 1959 gelandet.

Für 170 000 Schilling oder etwas mehr als 12 000 Euro erwarb er die Rechte am Titel "Illustrierte Kronen-Zeitung". Das 1938 eingestellte Blatt trug diesen Namen, weil ein Abonnement bei der Gründung 1900 eine Krone im Monat gekostet hatte. Mit reichlich dubioser Finanzierung durch Gewerkschaftsgelder erschien die "Neue Kronen-Zeitung" am Abend des 10. April 1959 zum ersten Mal. Heute hat das Kleinformat eine Auflage von rund einer Million verkaufter Exemplare und erreicht mehr als 42 Prozent der Österreicher - vermutlich der Weltrekord in der Reichweite. "Kinder, Mädchen, Tiere" hat Dichand das Erfolgsrezept von Heiler- Welt-Tümelei, Mitleidsgedusel und Sexhistörchen mit dem täglichen Pinup-Foto im Blattinnern genannt.

Eine gehörige Portion Österreich-Patriotismus kommt umsatzsteigernd hinzu. Mancher Kolumnist gelangte durch die Verdeutlichung von Volkes Stimme, indem er Wehrmachtsgräuel und Fremdenfeindlichkeit verharmloste, zu zweifelhafter Prominenz. Zweistellige Euro-Millionen-Profite pro Jahr haben Dichand zum "Berluskroni" gemacht, wie ihn eine Zeitung nannte. Vom zwölften Stock seines Wiener Pressehauses leitet der Krone-Geschäftsführer ein Konglomerat, in dem er über die Druck-, Vertriebs- und Anzeigen-Krake Mediaprint auch den Konkurrenten "Kurier" unter Kontrolle hält. Als Herausgeber versteht sich Dichand als "Anwalt der Leser", denen die Krone mit ihren Kampagnen immer wieder die Meinung vorgibt. So hat er zu Jörg Haiders Aufstieg entscheidend beigetragen - wie zu seinem Fall.

Verhängnisvoll wirkt sich für den erfolgsverwöhnten Hälfte-Inhaber der Zeitung einzig aus, dass er keine Leittiere neben sich ertragen kann. Mit aggressiver Werbe- und Vertriebsstrategie hatte Ex-"Persil"-Marketingleiter Kurt Falk den Sensationserfolg der "Krone" nach 1959 mitgestaltet. Nach Zerwürfnissen drängte Dichand ihn 1974 per Redaktionsstreik aus dem operativen Geschäft. Erst 13 Jahre später konnte er den 50-Prozent-Eigentümer Falk für fast 125 Millionen Euro auszahlen. Dafür musste er einen Partner aufnehmen, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ). Vor knapp zwei Jahren musste dann Chefredakteur Friedrich "Bibi" Dragon gehen. Der Gefährte aus Gründertagen hatte offenbar zu heftige Zweifel an der Eignung des Thron-Prinzen Christoph Dichand, 37, geäußert.

Und als Vater Dichand seinen jüngeren Sohn Mitte Januar einseitig zum Chefredakteur erklärte, brach ein Erbfolgekrieg mit den deutschen Mitbesitzern aus. Mühsam einigten sich die Kontrahenten, dem Junior den langjährigen Redaktions-Vize Hans Kuhn als geschäftsführenden Chefredakteur zur Seite zu stellen. "Vorläufig" nannte Dichand den Kompromiss mit WAZ-Vorstand Erich Schumann, als er die beiden Chefs der Krone-Redaktion vorstellte - und bewies das richtige Gespür. Ausgerechnet Intimfeind Dragon ist jetzt der Sachwalter der WAZ-Interessen bei Krone und Mediaprint. Doch Dichand lässt sich nicht unter Druck setzen.

Notfalls will er Geschäftsführer "bleiben und arbeiten, bis ich tot umfalle". VITA Hans Dichand. Er wird am 29. Januar 1921 als Sohn eines Werkmeisters in Graz geboren. Während einer Druckerlehre macht er Abitur. Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft arbeitet er für Zeitungen. Später ist er Redaktionsleiter beim "Wiener Kurier". Mit dem Marketing-Fachmann Kurt Falk gründet er 1959 die "Neue Kronen-Zeitung". Im Streit drängt er Falk 1974 aus dem operativen Geschäft und zahlt ihn später aus. Dafür muss er die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) aus Essen beteiligen. Heute sitzt Sohn Christoph in der Chefredaktion. Hans Dichand ist Geschäftsführer und Herausgeber.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%