Hansestadt feiert die Freezers
Party im Baustaub

Eine Sportart, die man nur aus dem TV kennt und ein künstlich geschaffener Klub - und doch feierten die Hamburger eine rauschende Hochzeitsnacht mit ihrem neuen Eishockey-Team.

HAMBURG. Größte Verwunderung ima11m Dienstag Nachmittag Gesicht des jungen Mannes: "Ausverkauft?" Doch. Stimmt. Auch wenn es die Dame am Schalter kaum glauben konnte, was der Computer ihr am Dienstagnachmittag verkündete: Das Heimspiel der Hamburg Freezers ist tatsächlich ausverkauft.

Die Szene in der Konzertkasse am Hauptbahnhof war nur ein Vorbote für das, was zwei Stunden später in der gerade eröffneten Color-Line-Arena folgte: ein kleines Eishockey-Wunder. 13 000 Zuschauer feierten ein Team, das sie nie zuvor gesehen hatten, in einer Sportart, die sie nur aus dem Fernsehen kannten. Das ließ die Mannschaft nicht kalt: Der Tabellenletzte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) schlug den Tabellenführer Kölner Haie in einem hochklassigen Spiel mit 5:4. Vor der Halle versuchten derweil Hunderte, noch Einlass zu erhalten.

Am Morgen danach kennt Hamburg nur ein Thema: "Wahnsinn" jubelt die "Morgenpost", "rauschende Party" das "Abendblatt". In der Geschäftsstelle des Klubs steht das Telefon nicht mehr still - der Vorverkauf kommt mit dem Drucken der Tickets kaum nach. Schon während und nach der Heimpremiere gingen 1 000 Karten für die nächsten Matches weg. Und das in einer Stadt ohne Eishockeytradition: Mehr als Zweite Liga und Serien- Insolvenzen waren nicht drin. Eine gewisse Unkenntnis war Zuschauern und Hallensprecher am Dienstag denn auch oft anzumerken.

Auch die Freezers-Historie sorgte vor dem Spiel für Skepsis: Vergangene Saison firmierten sie noch als München Barons - sportlich erfolgreich, aber ungeliebt und chronisch defizitär. Folge: Im Sommer wurde der Umzug in den Norden beschlossen. Hinter dieser amerikanischen Aktion steht ein amerikanischer Besitzer: Die Anschutz Entertainment Group (AEG) des US-Milliardärs Philip Anschutz lenkt die Geschicke einer Reihe von Sportteams, neben den Freezers auch die des DEL-Klubs Eisbären Berlin.

Meist koppelt sie den Besitz einer Sportmannschaft an Bau und Betrieb der dazugehörigen Mehrzweckhalle. Erbauer der Hamburger Color-LineArena ist aber der Finne Harry Harkimo, der auch 30 Prozent der Freezers übernahm, der Rest blieb bei der AEG. Harkimos Firma HC Jokerit arbeitet ähnlich wie die AEG, Vorzeigeprojekt ist der Traditionsverein Jokerit Helsinki. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Anschutz nicht wirklich um den Bau der Color-Line-Arena kämpfte und Harkimo sich aus der Planung eines großen Hallenprojektes am Berliner Ostbahnhof zurückzog - in dem später Anschutz? Eisbären eine neue Heimat finden sollen.

In nur 16 Monaten stellte Harkimo für 80 Millionen Euro eine schmucke Halle neben das Stadion des HSV. Die ist derzeit aber noch alles andere als fertig. Wer gerade sein Haus umbaut und noch Kabel benötigt, wurde auf der Pressetribüne fündig: Unter den Sitzen hatten die Elektriker meterlange Reste verstaut. Handwerker mit Berufsethos waren Dienstagabend am Rande des Nervenzusammenbruchs angesichts frei von der Decke pendelnder Leitungen und roh verputzter Wände ohne Farbe. Das Knirschen vom Baustaub unter den Sohlen, amüsierten sich die Zuschauer in den Gängen über die Uhren, die dauerhaft 10.05 Uhr anzeigten. Dazu kommt ein Catering mit überzogenen Preisen und Hamburgern, deren schwarzbrotartige Substanz nicht glauben macht, dass in ihnen tierische Produkte verarbeitet wurden. Allerdings: Das spektakuläre Innere entschädigt für fast alles.

Der Eishockey-Standort Hamburg ist trotz neuer Halle ein Risiko: Mitten in der Wirtschaftskrise sollen sich die Hanseaten vielen neuen Zerstreuungen hingeben. So spielen in der Arena die Handballer aus Bad Schwartau unter dem Namen und Logo des HSV und lockten bei ihrer Premiere 8 500 Fans. Von den Fußballeranbietern des HSV und des FC St. Pauli ganz zu schweigen. "Es ist ein enger Markt", weiß Freezers-Manager Capla.

Kein Wunder, dass die Stimmung gegenüber den Freezers "ambivalent" war, wie Jan Haarmeyer, Sportressortleiter des "Abendblatt", meinte: "Die Vorfreude war riesig, vor allem auf die Halle." Doch auch die Skepsis: Weil die Arena bis Saisonstart nicht fertig wurde, bestritten die Freezers nur Auswärtsspiele. Bei sechs Spielen weniger als die Konkurrenz kann der letzte Tabellenplatz nicht verwundern.

"Es gab viele Fragezeichen. Aber ich bin fasziniert, dass alles so läuft, wie es jetzt läuft", sagt Freezers-Manager Capla. Soll heißen: ohne große Werbung. "Eine visuelle Präsenz in der Stadt wäre für uns zu teuer." Er setzte auf Kooperationen, Promotion, Radio- und Kinospots. Angesichts des knappen Zeitrahmens sind auch die Erfolge in der Sponsorenwerbung wenig begeisternd. Einziger großer Geldgeber ist bisher die Holsten-Brauerei. "Wir stehen kurz vor der Entscheidung mit einem Großsponsor", verrät Capla. Dieser soll die Trikotbrust zieren, deren Wert Kenner angesichts der fortgeschrittenen Saison auf 400 000 Euro taxieren.

Sie zu verkaufen wird wohl mit jedem Abend leichter, an dem die Dame von der Konzertkasse im Bahnhof verkünden muss: "Ich versteh das auch nicht. Aber es gibt keine Karten mehr."

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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