Happy Birthday, Nemax!
Neuer Markt: 5 Jahre Freud und Leid

Am Sonntag wird das deutsche Wachstumswerte-Segment fünf Jahre alt. Zum Feiern ist indes kaum jemandem zumute. Die einstigen Traumgewinne an der Börse haben sich in den vergangenen zwei Jahren verflüchtigt.

Was die Amerikaner mit ihrer Nasdaq vorgemacht hatten, sollte auch in Deutschland funktionieren: ein eigenes Börsensegment für junge, wachstumsorientierte Aktiengesellschaften, mit positiven Auswirkungen auf den Strukturwandel der Wirtschaft. Am Montag, 10. März 1997, wurde der Neue Markt in Frankfurt aus der Taufe gehoben. Der Schlussstand des neuen Nemax-Indizes (dem späteren All-Shares) lautete damals 505,28 Punkte.

Heute notiert der Index aus mehr als 300 Unternehmen bei gut 1 000 Punkten - eine Verdoppelung in fünf Jahren. Doch bekanntlich lagen in den Jahren dazwischen viel Freud und Leid. Der Neue Markt machte Millionäre, aber ließ auch viele Anleger zu armen Schluckern werden. Himmelhoch-jauchzend, zu Tode betrübt - nur wer im März 2000 seine Gewinne direkt und komplett in Staatsanleihen umschichtete, besitzt heute immer noch ein großes Vermögen. Denn am 10. März 2000 - exakt drei Jahre nach dem Start - erreichte der Nemax All Share seinen absoluten Höhepunkt. Der Rekordstand von 8559 Punkten bedeutete ein Index-Plus von 1 595 Prozent! So etwas hatte es noch nie gegeben.

Blinde Euphorie trieb den Markt

Und so etwas wird es nie mehr geben. Denn die Jahre bis zum Frühjahr 2000 waren von blinder Euphorie geprägt, die jeglichen ökonomischen Verstand verdrängte. Gestandene Banker verfielen der Sucht des schnellen Geldes, brachten Neuemissionen an den Neuen Markt, ohne sie nach wirtschaftlichen Grundsätzen exakt zu prüfen. Jeder Börsengang brachte das große Geld.

Ein Unternehmen der ersten Nemax-Stunde war Mobilcom. Umgerechnet 2,50 Euro kostete ein Anteil des aufstrebenden Telekommunikations-Unternehmens damals. Bereits im Januar 1999 erreichte die Mobilcom-Aktie einen Kurs von 150 Euro - ein Plus von 5900 Prozent. Steuerfrei. Ihren absoluten Höchststand erklomm der Wert am 20. März 2000 mit 199 Euro.

Die Börsengeschichte von Mobilcom verblasst jedoch gegen EM.TV. Das Medien-Unternehmen ging Ende Oktober 1997 an den Neuen Markt - mit einem ersten Börsen-Preis von umgerechnet und Split-bereinigt 0,35 Euro. Im Februar 2000, also schon ein paar Wochen vor dem Nemax-Höchststand, endete die sagenhafte Börsen-Erfolgsgeschichte mit einem Kurs von 115 Euro. Man traut sich kaum, das Ergebnis in Prozent auszudrücken: 32.757 Prozent Kurszuwachs erzielten diejenigen steuerfrei, die ihre am ersten Handelstag gekauften Papiere bis zum Höchststand hielten. Heute notiert die EM.TV-Aktie bei 1,70 Euro und das Unternehmen selbst kämpft ums Überleben.

Zockerskandale an der Tagesordnung

In den vergangenen zwei Jahren wurden die Erfolgsgeschichten aus 1997 bis 2000 vollständig überlagert durch Pleiten, Skandale und Zockergeschichten. Das Image des Neuen Markts schwand im gleichen Maße wie die Einlagen der Investoren. Fonds-Gurus wie Kurt Ochner wurden zu Buhmännern gestempelt, gegen Unternehmens-Führer wie die EM.TV-Gebrüder Haffa wird wegen Irreführung von Aktionären und Insider-Geschäften ermittelt.

Immer mehr Unternehmen wollen das geschmähte Marktsegment wieder verlassen. Die meisten Firmen, die auf freiwilliger Basis ausscheiden, begründen dies mit Einspar-Maßnahmen. Hingewiesen wird dabei vor allem auf die gestiegenen Kosten für die beiden Betreuerbanken, die sich in einzelnen Fällen auf 100.000 Euro je Bank im Jahr verdoppelten, und die Kosten die geforderten vier Quartalsberichte. Zum 18. März wird die Heyde AG aus dem Nemax50 ausscheiden, per Anfang April wird auch SER Systems das Segment wechseln. Mit einem Listing am Neuen Markt ist automatisch eine Zulassung zum Geregelten Markt verbunden.

Zahlreichen Unternehmen droht der Ausschluss

Vielen Nemax-Werten droht jedoch nach wie vor die Zwangsverbannung vom Neuen Markt. Billig-Aktien, die über einen längeren Zeitraum nur wenige Cent kosten, sollen aus dem Wachstumssegment fliegen. DMEuro.com hat die gefährdetsten Penny-Stocks in einer automatisierten Liste mit aktuellen Preisen und Tagesveränderungen zusammen gestellt.

Alle Schuld an der Neuer-Markt-Misere dem Marktsegment zuzuschieben, ist indes falsch. Eine Spekulationsblase war entstanden und in einer Art Kettenreaktion geplatzt. Die Scherben sind noch nicht ganz beiseite gefegt, die eine oder andere Pleite wird den Markt noch belasten. Doch der Neue Markt ist nicht tot. Fondsmanager Wassili Pappas von Union Investment erwartet langfristig sogar wieder einen richtigen Aufschwung.

Bleibt zu hoffen, dass die vorgezogene Geburtstagsfeier in Frankfurt kein weiteres Unglück bringt. Denn abergläubische Menschen sehen in einem zu Gratulieren vor dem Geburtstag ein böses Omen.

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