Hardwarehersteller lagern immer größere Teile der Fertigung aus - Hunderte Werke stehen zum Verkauf: IT-Industrie verkauft ihre Fabriken

Hardwarehersteller lagern immer größere Teile der Fertigung aus - Hunderte Werke stehen zum Verkauf
IT-Industrie verkauft ihre Fabriken

Kunden kaufen Marken wie HP, IBM, Alcatel, oder Cisco. Doch immer mehr Anbieter steigen aus der Fertigung von PCs oder Handys aus. Sie beauftragen statt dessen globale Elektronik-Riesen wie Solectron und Flextronics.

FRANKFURT/M. Die Flaute spüren die Hardwarehersteller ganz besonders - weltweit. Davon profitieren die Riesen im Hintergrund, die großen Auftragsfertiger, die in den vergangenen Monaten Milliardenaufträge eingeheimst haben. Denn die Markenhersteller schließen fast überall auf der Welt eigene Produktionen. Die Kunden selbst erfahren davon so gut wie nichts.

Dass Celestica längst Server für Lucent baut - wer weiß das schon? Celestica ist ein kanadischer Konzern mit drei Dutzend Werken und 25 000 Beschäftigten. Der etwas bekanntere Konkurrent Flextronics bringt es sogar auf 100 Werke und 70 000 Mitarbeiter, das Unternehmen mit Sitz in Singapur setzte im vergangenen Jahr fast 14 Mrd. $ um, Celestica brachte es auf gut 10 Mrd. $. Und trotzdem sind die global operierenden Elektronik-Riesen in Deutschland kaum bekannt.

"Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir unter unserem Namen keine Produkte an Endkunden verkaufen", sagt Flextronics Deutschland-Chef Uwe Schmidt-Streier. Dabei kommen aus den Werken der EMS-Hersteller (Electronic Manufacturing Service) beliebte Endgeräte wie der neue Videospielecomputer XBox, Handys und PCs, bis hin zur komplexen Produkten wie Basisstationen für Mobilfunknetze. Auf dem Markt tauchen diese dann allerdings unter den Marken der Auftraggeber auf: Nokia, IBM, Hewlett Packard, Siemens, Microsoft, NEC oder Cisco.

"Vielleicht wollen die Hersteller nicht, dass sich zu sehr herumspricht, dass sie viele ihrer Produkte nicht mehr selbst herstellen", schätzt Schmidt-Streier. Denn im Unterschied zu den USA genieße in Europa die Fertigung in den Unternehmen "noch immer einen hohen Stellenwert".

Das bestätigt auch Klaus-Peter Kaas, Vertriebs- und Marketingchef von Solectron, einem weiteren internationalen Outsourcing-Riesen für die elektronische Industrie: "Die Leidensgrenze bei den Kosten für eine eigene Produktion ist bei deutschen Unternehmen extrem hoch." Übertroffen werden die Deutschen nur noch von den Japanern. Die dortigen High-Tech-Konzerne haben bisher ganz wenig ihrer Produktion an Auftragshersteller ausgelagert.

Doch die anhaltende Schwäche der IT-Märkte lässt die Auftragshersteller auf eine neue Welle von Produktionsauslagerungen hoffen. Marktforscher der Gartner Group schätzen, dass der Markt für EMS in diesem Jahr ein Volumen von 160 Mrd. $ erreichen wird. Denn kaum ein großes Unternehmen will sich die hohen Kosten eigener Fertigungswerke sowie das Risiko einer stark schwankenden Auslastung weiter leisten.

Fast wöchentlich melden Auftragshersteller neue Abkommen, wie zuletzt Sanmina/SCI, die angekündigt hat, insgesamt 5 Werke von IBM und Alcatel zu übernehmen. Dafür erhielt Sanmina mehrjährige Fertigungsaufträge mit einem Volumen von 6,5 Mrd. $. Der auf Telekomausrüstung und Netzwerkrechner (Server) spezialisierte Konkurrent Celestica schloss mit dem Netzausrüster Lucent Technologies im Juli 2001 ein Outsourcing-Abkommen mit einem Umfang von 5 Mrd. $ ab, Anfang Januar diesen Jahres folgte ein 2,5 Mrd. $-Deal mit dem japanischen Hardwarehersteller NEC. Celestica übernimmt dabei zwei Werke mit 1200 Angestellten und produziert künftig Telekominfrastruktur für optische Glasfasernetze.

Wie hoch der Grad an ausgelagerter Produktion bereits ist, zeigt HP: Der Konzern, der seit Jahren als Vorreiter des Outsourcings gilt, hat angekündigt, in Europa sein letztes PC-Werk in der Nähe von Grenoble an einen Auftragshersteller zu verkaufen. "Danach ist die Produktion von PCs in Europa zu 100 % ausgelagert", bestätigt eine HP-Sprecherin. Als wahrscheinlichster Partner gilt Sanmina/SCI.

Doch trotz guter Aussichten hat der Nachfragerückgang nach Hardware auch die Auftragshersteller im letzten Jahr hart getroffen. Besonders die Telekommunikationsbranche sei als Auftraggeber laut Marktteilnehmern "regelrecht weggebrochen". So sind die Umsätze in der zweiten Jahreshälfte bei manchen Anbietern um bis zu 50 % eingebrochen, große Anbieter wie Sanmina/SCI mussten einen Gewinneinbruch im ersten Quartal (31.12) von rund 90 % hinnehmen. Für das zweite Quartal erwarten die Analysten von Goldman Sachs sogar eine Nullrunde bei den Gewinnen, bevor sie für die zweite Jahreshälfte die Ertragslage wieder positiver einschätzen.

Im Gegensatz zu den Boomzeiten der High-Tech-Industrie finden nur noch solche Werke einen Abnehmer, deren Verkauf an langjährige Aufträge der Verkäufer gekoppelt ist. "Weltweit stehen rund 1000 Fertigungswerke für Elektronik zum Verkauf", schätzt Flextronics-Chef Schmidt-Streier.

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